Yannic Seidenberg hatte sich in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) längst einen klingenden Namen erarbeitet. Mit dem EHC Red Bull München feierte er gleich dreimal die Meisterschaft, im Februar 2020 knackte er als erst sechster Spieler überhaupt die Marke von 1000 Einsätzen.

Und auch im Trikot der deutschen Nationalmannschaft sorgte er für Furore: Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang gewann er sensationell die Silbermedaille. Doch auf die sportlichen Erfolge folgte für den heute 42-Jährigen eine persönlich äußerst schwierige Phase.

Yannic Seidenberg spielte von 2013 bis 2022 in München
Yannic Seidenberg spielte von 2013 bis 2022 in MünchenYannic Seidenberg spielte von 2013 bis 2022 in München© IMAGO/Passion2Press

Getrieben von Leistungsdruck und der Angst, zu scheitern, rutschte Seidenberg 2021 in eine depressive Phase. Rückblickend bezeichnete der ehemalige Nationalspieler diese Zeit als das sportlich schlechteste Jahr seiner Karriere.

Also griff er damals zu stimmungsaufhellenden Substanzen, um seine mentalen Probleme in den Griff zu bekommen – mit bitteren Konsequenzen: Die Mittel standen auf der Dopingliste, eine lange Sperre war das Resultat, das seine ohnehin angeschlagene Psyche zusätzlich belastete. Im SPORT1-Podcast Deep Dive gibt Seidenberg nun tiefe Einblicke.

Seidenberg hatte Doping-Vergehen nicht auf dem Schirm

Die Depression machte sich zunächst im engsten Umfeld bemerkbar – vor allem innerhalb seiner Familie. Immer wieder brach Seidenberg in Tränen aus, selbst vor seinen Kindern.

„Das war, glaube ich, das Schlimmste. Das war manchmal vor einem Monat noch so, dass ich die ganze Zeit vor ihnen geweint habe“, schilderte er offen: „Ich merke, wie sehr ich die Kinder mit meiner Art belaste, aber ich konnte es trotzdem nicht verdrängen und habe gespürt, was für eine Schwere ich in die Familie hineingebracht habe.“ Gleichzeitig habe er versucht, ihnen immer wieder zu erklären: „Es liegt nicht an euch.“

Dabei betonte der Ex-Profi, dass es grundsätzlich wichtig sei, Schwäche zu zeigen: „Aber wenn das mehrmals täglich von morgens bis abends passiert, kann das einfach nicht gut für die Kinder sein.“

In dem Wissen, dass er etwas verändern musste, traf Seidenberg eine falsche Entscheidung. Anstatt sich an den Mannschaftsarzt zu wenden, suchte er Hilfe bei einem externen Mediziner in Schwenningen. Dieser habe ihm Medikamente verschrieben, ohne ihn darüber aufzuklären, dass diese für Leistungssportler hochproblematisch sind.

„Der Arzt hat mir eine homöopathische Creme aus der Yamswurzel empfohlen, die alles wieder regulieren würde“, berichtete Seidenberg mit Blick auf seine Depressionen: „Die habe ich mir abends auf den Arm geschmiert.“ Was er nicht wusste: Die Creme enthielt ein Prozent Testosteron, wodurch das Unheil seinen Lauf nahm. „Plötzlich standen sie vor meiner Tür – ich hatte einen positiven Dopingtest.“ Es kam zu einer Hausdurchsuchung bei ihm in München. Allerdings sei ihm zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht bewusst gewesen, etwas Verbotenes eingenommen zu haben.

Seidenberg: „Ich habe nur noch geweint“

Erst als das Wort „Doping“ erstmals zur Sprache kam, sei ihm klar geworden, dass es die Creme gewesen sein musste. „Sie haben mein komplettes Haus auf den Kopf gestellt und jede Ecke durchsucht“, sagte Seidenberg. „Ich habe später den Arzt angerufen und ihn gefragt, ob ihm eigentlich bewusst ist, dass er gerade mein Leben zerstört hat.“

Auch seinen Verein informierte er umgehend: „Ich habe den Manager angerufen, bin ins Büro gefahren und habe ihm die ganze Geschichte erzählt.“ Prompt folgte die Reaktion: „Ein paar Stunden später wurde ich suspendiert. Das war’s dann. Ich habe nur noch geweint.“

Yannic Seidenberg war im SPORT1-Podcast Deep Dive zu Gast
Yannic Seidenberg war im SPORT1-Podcast Deep Dive zu GastYannic Seidenberg war im SPORT1-Podcast Deep Dive zu Gast© IMAGO/kolbert-press

Anfangs habe er die Tragweite der Situation gar nicht realisiert: „Ich hoffte, ich spiele zwei Tage später wieder für München.“ Doch die Hoffnung zerschlug sich, die Wucht der Situation traf ihn mit voller Härte. „Ich habe mich gefühlt, als hätte ich gestern jemanden umgebracht, so wie die bei mir reingekommen sind“, beschrieb Seidenberg.

Sein Fall wurde schnell öffentlich

Besonders belastend sei für ihn gewesen, wie schnell der Fall öffentlich wurde: „Am Abend ging das durch die Medien. Am nächsten Tag, als ich meine Kinder in die Schule gebracht habe, hatte ich das Gefühl, jeder schaut mich an.“ Auch wenn die meisten Menschen gar nicht wussten, worum es ging – oder wer er war: „Ich habe mich einfach geschämt.“

Im November 2023 erhielt Seidenberg schließlich wegen eines positiven Tests auf Testosteron und DHEA eine Sperre von vier Jahren. Durch eine Einigung mit der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) sowie der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) wurde die Strafe später um 18 Monate reduziert, sodass er insgesamt zweieinhalb Jahre aussetzen musste.

Dennoch treibt ihn die Frage nach der eigenen Verantwortung weiterhin um. „Ich weiß, dass ich es nicht bewusst gemacht habe. Habe ich einen Fehler gemacht? Ja“, stellte er klar und ergänzte: „Aber bin ich deshalb schuld, dass ich zweieinhalb Jahre zuschauen muss? Ich weiß es nicht. Ich würde sagen: nein.“

Nach dem Dopingfall brach sein Leben auseinander

Doch ändern ließ sich an der Situation nichts mehr. Nach dem Dopingfall brach Seidenbergs Leben quasi auseinander: Der Beruf als Profi war plötzlich weg, die Perspektive ungewiss. Er durfte nicht mehr ins Eisstadion, wurde von seinem Klub Red Bull München vor die Tür gesetzt und stand vor einem Scherbenhaufen.

Ex-Eishockeyprofi über dunkelsten Stunden seines Lebens

Ex-Eishockeyprofi über dunkelsten Stunden seines Lebens

Zukunftsängste und Ungewissheit bestimmten wieder seinen Alltag. „Dann dachte ich: Okay, was mache ich jetzt? Ich habe Abitur gemacht, aber keine Ausbildung und bin mit 17 Jahren Profi geworden. Aber mental war ich nie bereit, etwas zu lernen. Das war wie ein komischer Film“, erinnerte sich Seidenberg.

Seine persönliche Krise ging dabei noch viel tiefer. Seidenberg gewährte einen Einblick in sehr dunkle Momente. „Ich sage ehrlich: Vor ein paar Monaten habe ich mir schon gedacht – nicht, dass ich mich umbringen möchte oder konkrete Selbstmordgedanken hatte, aber ich habe mir die ganze Zeit gesagt: ‚Das macht keinen Sinn mehr. Ich komme da nicht raus. Wo soll das hingehen?‘“, offenbarte er.

Seidenberg feierte Eishockey-Comeback

Diese Gedanken hätten eine Spirale ausgelöst, die ihn ständig in Angstzustände stürzte. Sein Alltag wirkte wie festgefahren: „Ich habe morgens ein bisschen für mich trainiert, mich um die Kinder gekümmert – und ansonsten war ich einfach traurig.“

Erst Anfang 2025 fand Seidenberg langsam wieder Halt. Ab Mitte Januar stieg er ins Training bei den Kassel Huskies aus der DEL2 ein, im Februar erhielt er einen Vertrag bis zum Ende der Saison 2024/25. In den Playoffs feierte der erfahrene Verteidiger letztlich sein Comeback nach fast dreijähriger Pause und kam auf acht Einsätze für die Hessen.

Gleichwohl wurde ihm auch im Teamumfeld bewusst, wie offensichtlich seine schwere Phase gewesen war: Seine Mitspieler hätten schnell gemerkt, „wie es ihm eigentlich ging“, sagte Seidenberg zu seinen letzten Profispielen. Nach der Saison 2024/25 beendete er seine aktive Karriere.

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst von Depressionen und Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in zahlreichen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.