Die Neuauflage des Songs „Zeit, dass sich was dreht“ schallt spätestens seit der Heim-EM immer wieder durch die Stadien mit deutscher Beteiligung. Es ist eines der Lieder, die einen sofort an die DFB-Elf erinnern.

Dass sich allerdings wirklich noch einmal etwas dreht, hofft Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht. Denn dann müsste er von seinem festen Plan in der Innenverteidigung abrücken. Und in diesem ist kein Platz mehr für den einstigen Abwehrchef. Das Problem von Antonio Rüdiger trägt zwei Namen.

Antonio Rüdiger hat im DFB-Team seinen Stammplatz verloren
Antonio Rüdiger hat im DFB-Team seinen Stammplatz verlorenAntonio Rüdiger hat im DFB-Team seinen Stammplatz verloren© IMAGO/Noah Wedel

Erfahrener Rüdiger rutscht in der DFB-Hierarchie ab

Der 33-Jährige gehört zu den erfahrensten DFB-Akteuren. Nur Kapitän Joshua Kimmich (106) hat mehr Länderspiele auf dem Buckel als Vize-Kapitän Rüdiger (81), der vor fast zwölf Jahren – gemeinsam mit Leon Goretzka – sein DFB-Debüt feierte. Keine anderen Spieler können auf so eine lange DFB-Vita zurückblicken.

Seit dem WM-Triumph 2014 war Rüdiger fester Bestandteil der Stammelf, derjenige, der auf seiner Position das Prädikat „Weltklasse“ verdiente – nicht zuletzt durch seine Erfolge bei Real Madrid oder beim FC Chelsea. 

Doch nun scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Rüdigers Problem: Der drei Jahre jüngere Jonathan Tah und der sieben Jahre jüngere Nico Schlotterbeck. In seiner Abwesenheit überzeugten seine Konkurrenten – und überholten den zweimaligen Champions-League-Sieger in der Hierarchie.

Tah und Schlotterbeck haben die Nase vorn

Rüdiger ist wohl Nagelsmanns größter und namhaftester Härtefall: „Wir werden morgen mit Jonah (Tah; Anm. d. Red.) und Schlotti (Schlotterbeck) beginnen“, legte sich der Bundestrainer auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Schweiz (Freitag, 21 Uhr im LIVETICKER) fest.

Der 38-Jährige betonte, dass das „Einspielen“ und nicht das „Testen“ im Vordergrund stehe: „Generell wechselst du als Trainer nicht von Spiel zu Spiel deine Innenverteidigung, weil das schon was ist, was zumindest sehr nah an deinem Herzstück ist und was nicht ständig verändert werden sollte.“

Allein diese Worte dürften Rüdiger kaum Hoffnung auf eine kurzfristige Wende machen. „Wenn die anderen beiden stabil bleiben, ist es erst mal so und dann werden wir weitersehen.“

Nagelsmann setzt auf Duo Tah und Schlotterbeck

Der Bundestrainer betont immer wieder, wie wichtig ihm eine klare Rollenverteilung ist. Rüdiger dürfte längst gespürt – und auch erklärt bekommen – haben, dass seine künftige Rolle nicht mehr unangefochten auf dem Platz liegen dürfte, sondern vielmehr auf der Bank.

Bitter: Denn erst durch seine Oberschenkelverletzung im Herbst des vergangenen Jahres verpasste er die letzten vier WM-Qualifikationsspiele.

Und die Kombination aus Tah und Schlotterbeck, die der Bundestrainer dreimal aufbot, überzeugte. Obwohl Schlotterbeck auch auf die linke Seite ausweichen könnte, sieht ihn Nagelsmann eher als kongenialen Partner des Münchners. Tah, das Zweikampfmonster; Schlotterbeck, der mit feiner Spieleröffnung punktet.

Rüdiger als Beschützer der „Familie Nationalmannschaft“

Rüdiger geriet zuletzt häufiger in die Schlagzeilen – allerdings nicht aus sportlichen Gründen. Ausraster gehören bei dem Real-Star immer wieder dazu.

Nagelsmann ermahnte ihn zwar im Mai 2025 eindringlich („Limit ist erreicht“), seiner Wertschätzung für Rüdiger tat das allerdings keinen Abbruch.

Trotz der künftigen Reservistenrolle ist der Bundestrainer voll des Lobes für Rüdiger: „Was ich sagen kann, ist, dass Antonio sich unglaublich committet, was die Nationalmannschaft angeht. Dass er einer ist, der die Familie Nationalmannschaft auch extrem schützt und alles dafür tut, dass wir erfolgreich sind“, betonte er bereits bei der Kaderverkündung.

„Ich glaube mit dem Satz ist alles gesagt“

Auch am Donnerstagabend wählte der Bundestrainer ähnliche Worte und legte noch einmal nach: „Er hat für uns eine wichtige Rolle, er ist Vize-Kapitän. Er verkörpert einfach großen Siegeswillen und das wird er unabhängig von seiner Spielzeit tun.“

Nagelsmann lobte vor allem Rüdigers Umgang mit der für ihn schwierigen Ausgangslage: „Er akzeptiert, wie die Situation ist, und honoriert vor allem deren (Tah und Schlotterbeck; Anm. d. Red.) Leistungen. Ich glaube, mit dem Satz ist alles gesagt. Leider passiert es öfter mal, dass im Turnier Sperren passieren. Wir hoffen nicht, dass sich irgendeiner verletzt. Dann kann es sich auch wieder drehen.“

Hoffen will er es dennoch nicht. Heißt für Rüdiger: Solange Tah und Schlotterbeck so weitermachen und gesund bleiben, dürfte es schwierig werden, auf Spielzeit zu kommen.

Kimmich hält Brandrede für Rüdiger

Dennoch bleibt seine Bedeutung auch abseits des Rasens für die DFB-Elf enorm. Das betonte Kimmich am Dienstagmittag und hielt eine Brandrede für seinen Teamkollegen.

Joshua Kimmich (l.) hebt die Bedeutung von Antonio Rüdiger hervor
Joshua Kimmich (l.) hebt die Bedeutung von Antonio Rüdiger hervorJoshua Kimmich (l.) hebt die Bedeutung von Antonio Rüdiger hervor© IMAGO/Sven Simon

„Ich habe manchmal das Gefühl, wir in Deutschland vergessen, was der Toni da die letzten drei, vier Jahre abgeliefert hat. Er ist bei Real Madrid unumstrittener Stammspieler. Er spielt jedes Jahr Champions League, Finale, Halbfinale. Davon haben wir nicht viele Spieler bei uns im Kader, wenn wir dann hoffentlich die K.-o.-Runde erreichen“, meinte Kimmich.

Und weiter: „Der Toni ist immer ein Spieler, auf den man sich verlassen kann und den du in jedem Spiel bringen kannst, ohne dass du dir als Mitspieler darüber Gedanken machen musst oder Bauchschmerzen haben musst. Er ist einfach jemand, der schon sehr oft unter Beweis gestellt hat, dass er auf allerhöchstem Niveau performen kann. Und das ist für eine Mannschaft extrem wichtig, solche Spieler zu haben.“

In Zukunft wird er seine wichtige Rolle vor allem neben dem Platz unter Beweis stellen müssen. Denn seinen Stammplatz hat der einstige Abwehrboss vorerst verloren. Und die Hoffnung, dass sich daran etwas dreht, schwindet.