Der Komfort unterscheidet sich für die Bayern erst einmal nicht von einem Halbfinale in der Champions League.
Die Kabinen, so sagt man in Münster, seien größer als im Estadio Bernabeu, der Heimstätte von Real Madrid. In der Hinsicht kann man dem prominenten Gast am Sonntag (ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER und auf SPORT1.fm) also schon richtig was bieten.
Königstransfer Reichwein
Die Münsteraner Königlichkeit hat jedoch ihre Grenzen. Der Top-Transfer der Preußen in diesem Sommer hat etwa weder bei der WM gespielt noch 80 Millionen Euro gekostet.
Schlicht: Er heißt Marcel Reichwein. Der ist Stürmer, hat in dieser Saison mit bislang einem Treffer aber wenig überzeugt. Es passt ins Bild, das die Preußen derzeit abgeben. Der Saisonstart verlief mit vier Punkten aus vier Spielen eher enttäuschend.
Für große Attacken ist vor dem Pokal-Kracher gegen den FC Bayern wenig Anlass. „Es kommt nicht irgendeine Mannschaft zu uns“, sagt Sportvorstand Carsten Gockel zu SPORT1 und führt weiter aus. „Wir sind vom FC Bayern so weit entfernt wie die Erde vom Mond, ach was: vom Pluto! Aber natürlich wollen wir es den Bayern auf dem Platz ungemütlich machen.“
Truckenbrod fordert 150 Prozent
Mittelfeldspieler Jens Truckenbrod, Preußen-Kapitän und Rekordspieler in der Dritten Liga, will Gockels Worte in die Tat umsetzen, sagt ebenfalls bei SPORT1: „Man ist noch fokussierter als sonst und weiß ganz genau, dass man einen Sahnetag braucht. Jeder muss bei 150 Prozent sein, damit wir eine Chance haben.“
Wichtig ist ihm aber erst einmal: „Wir wollen nicht als Kanonenfutter enden.“
Kanonenfutter? Mit Daniel Masuch hat der Drittligist zumindest einen ganz erfahrenen Mann im Gehäuse. 37 Jahre ist er mittlerweile, absolvierte über 400 Pflichtspiele in seiner Karriere.
SPORT1 sagt er: „Es ist schön, sich mit so einer Mannschaft messen zu können und seine persönlichen Grenzen kennenzulernen. Wir werden aber sicher nichts unversucht lassen.“ Dafür übte Masuch in der Trainingswoche das fast schon Unvorstellbare: Elfmeterschießen.
Bayern mit Problemen
So weit wollen es die Bayern nicht kommen lassen – auch wenn es derzeit einige Probleme gibt. Für sie ist es, die Supercup-Pleite in Dortmund ausgeklammert, das erste Pflichtspiel in der zweiten Saison unter Trainer Pep Guardiola.
„Ich bin ja Westfale, ich weiß, was in Münster los ist“, sagte Bayern-Torhüter Manuel Neuer nach dem Supercup und schob mahnend hinterher: „Einigen ist vielleicht noch nicht bewusst, dass das richtig schwer wird.“
Eigentlich sollten die Bayern aber in einer anderen Liga spielen. Manche Stars wie Philipp Lahm nutzten die Sommerpause, um Weltmeister zu werden, andere wie Neuzugang Robert Lewandowski bewiesen in der Vorbereitung bereits, dass das Toreschießen in München äußerst elegant funktionieren kannt.
Klar ist, dass da der Puls der Adlerträger ordentlich pocht. „Bayern ist das Nonplusultra – eine der größten Mannschaften der Welt. Das ist etwas Schönes, etwas Großes, das wir genießen sollten“, erklärt Truckenbrod, der übrigens bekennender Fan von Bastian Schweinsteiger ist.
Stadion hätte dreimal gefüllt werden können
Für Preußen Münster, Vize-Meister 1951 und später Gründungsmitglied der Bundesliga, war das Los ein passiver Glücksgriff.
Gockel: „Wir hätten das Stadion dreimal voll bekommen können.“ Hätten. So müssen sich die Preußen mit ihrem Uralt-Stadion – lediglich eine neue Haupttribüne wurde errichtet – und 16.000 Zuschauern begnügen. Etwa 3200 von ihnen werden es mit dem Rekordmeister halten.
Angenehmer Nebeneffekt des Pokals: Dadurch, dass der Verein denjenigen, die sich eine Dauerkarte für die Saison kauften, ein Vorkaufsrecht einräumte, wurde ein neuer Dauerkarten-Rekord aufgestellt.
„Wir haben das deutlich gespürt“, sagt Gockel. Auch finanziell. Bringt die erste Pokalrunde einem Verein sonst rund 200.000 Euro, verdienen die Preußen durch den Bayern-Effekt knapp 400.000.
Etablierter Drittligist
Noch vor knapp zehn Jahren konnte man von solch einer Partie in Münster nur träumen. Die Preußen hatten sich vom Spitzenfußball unfreiwillig verabschiedet, spielten in der Oberliga vor 1.000 Zuschauern in Sprockhövel, wo das „Flutlicht“ gerade einmal reichte, um die Tore von der Tribüne aus zu erkennen.
Doch die Preußen fingen sich, befinden sich nun in ihrer vierten Drittligasaison, der Aufstieg in Liga zwei ist das mittelfristige Ziel.
Sensation gegen Werder Bremen
Und Pokal? Können sie. Haben sie drauf. Im vergangenen Jahr warf Münster den FC St. Pauli in der ersten Runde raus, ein Jahr zuvor nach sensationellem Spiel – und bei 42 Grad – Werder Bremen mit 4:2 in der Verlängerung. Anschließend scheiterten sie jeweils am FC Augsburg.
„Der Pokal ist immer etwas Besonderes. Vor allem aber in diesem Jahr“, sagt Gockel. „Für die meisten wird das ein einmaliges Erlebnis.“ Bis auf einen: Offensivmann Abdenour Amachaibou spielte schon 2012 mit Jahn Regensburg gegen den FC Bayern, verlor damals 0:4.
Fest steht: „Es soll ein Tag werden, den man nicht vergessen soll“, betont Gockel. Einen Vorgeschmack erlebte der Verein bereits in den Tagen vor dem Anpfiff. Beispiel: Obwohl die Tribüne eigentlich stattliche 44 Presseplätze bietet, platzt diese aus allen Nähten. Anzahl der Anfragen? Weit über 200, unter anderem aus Japan und Taiwan.
Gockel: „Man hat doch zuletzt gesehen, was los, wenn die Bayern auf Reisen sind. Für uns wird es ein Erlebnis!“