Während der VfL Wolfsburg nach dem Abstieg in die 2. Liga vor einem Scherbenhaufen steht, lebt Claus Reitmaier, der frühere Wolfsburg-Keeper (1998 bis 2003), heute zurückgezogen in Mönchengladbach.
Der 62 Jahre alte Ex-Bundesliga-Spieler kümmert sich vor allem um seine beiden Kinder und seinen Sohn Kaylen, der ebenfalls Profitorwart ist – und blickt im exklusiven SPORT1-Interview mit großer Sorge auf seinen früheren Klub.
SPORT1: Herr Reitmaier, erleben wir beim VfL Wolfsburg gerade das größte Versagen der Vereinsgeschichte?
Claus Reitmaier: Erstmal möchte ich dem SC Paderborn zum verdienten Aufstieg ganz herzlich gratulieren. Ich habe dort als Torwarttrainer ja auch beim ersten Aufstieg in die Bundesliga 2014 mitgeholfen. Und nun zur Frage: Ja, total. Ein kompletter Witz. Die sind finanziell eigentlich gut aufgestellt. Da wurden einfach falsche Entscheidungen getroffen. Wenn Wolfsburg absteigt – und sie sind verdient abgestiegen –, dann sagt das schon alles. Ich habe die beiden Spiele gesehen, das war zu wenig. Zuhause war das nicht gut. Und dann natürlich die Rote Karte im Rückspiel – das war brutal. So etwas darf dir in so einem Spiel nicht passieren. Am Ende war der Abstieg völlig verdient.
Wolfsburg-Abstieg: „Insgesamt falsche Entscheidungen getroffen“
SPORT1: Wer trägt die Hauptschuld am Absturz?
Reitmaier: Da sind insgesamt falsche Entscheidungen getroffen worden. Vor einem Jahr hat manches noch funktioniert, aber diesmal war die Konstellation eine andere. Vielleicht hätte man früher einen erfahrenen Mann holen müssen – dann wäre es noch eher zu retten gewesen. Irgendwann konntest du das aber nicht mehr korrigieren. Die waren zuhause extrem schwach – das zieht sich durch die ganze Saison.
SPORT1: Hat Wolfsburg seine Identität verloren?
Reitmaier: Schwer zu sagen. Im vergangenen Jahr hat mich Roy Präger noch eingeladen: Sponsorencup, Ex-Spieler, Heimspiel schauen, Turnier am nächsten Tag. Da habe ich schon gesagt: „Das wird eng.“ Und irgendwann hieß es dann: „Wir machen das dieses Jahr lieber nicht.“ Da habe ich gemerkt, dass vieles nicht mehr zusammenpasst. Ich habe große Zweifel, dass es schnell wieder nach oben geht.
SPORT1: Wirkt die Mannschaft leblos?
Reitmaier: Christian Eriksen hat das super gemacht. Er war der absolute Chef auf dem Platz, die anderen haben sich daran orientiert. Aber insgesamt hatte ich nicht das Gefühl, dass das überhaupt eine richtige Mannschaft war.
SPORT1: Wie zerfällt eine Kabine, wenn viele Spieler im Sommer gehen?
Reitmaier: Das ist nie gut. Du brauchst jemanden, der klare Linien reinbringt. Insgesamt war mir das alles zu brav. Und am Ende hat es nicht funktioniert. Die Entscheidungsspiele waren einfach zu wenig. Amoura fand ich überragend – ich weiß nicht, was er gemacht hat, aber er konnte Spiele alleine entscheiden. Vielleicht hätte man ihn spielen lassen sollen? Am Ende geht es um Qualität und nicht um irgendwelche Nebenkriegsschauplätze.
Ex-Profi rechnet mit großen Veränderungen
SPORT1: Rechnen Sie mit einem großen Umbruch?
Reitmaier: Natürlich wird es Veränderungen geben. Jonas Wind will wahrscheinlich weg, Eriksen wird definitiv auch gehen, und dann wird noch der eine oder andere folgen. In der zweiten Liga brauchst du neue Führungsspieler – Typen, die vorangehen.
SPORT1: VW fährt den Wiederaufbau offenbar mit kleinerem Budget.
Reitmaier: VW ist sehr wichtig, gerade jetzt, dass es schnell wieder hochgehen kann. Der VfL ist 2009 Meister geworden – und ein paar Jahre später steigst du ab. Das zeigt, dass einiges schiefgelaufen ist. Hinzu kommt: Das Stadion war nie dauerhaft ausverkauft. Das macht in Wolfsburg eben einen Unterschied.
SPORT1: Trauen Sie dem VfL den direkten Wiederaufstieg zu?
Reitmaier: Ich habe Zweifel. Viel hängt davon ab, wie stark VW den Verein weiter unterstützt. Wenn sie sagen: „Wir greifen direkt wieder an“, ist es möglich. Wenn alles kleiner gefahren wird, kann es schwierig werden.
„In der zweiten Liga brauchst du Spieler, die kämpfen können“
SPORT1: Bricht mit Abgängen Qualität weg?
Reitmaier: Das war ohnehin keine richtige Mannschaft. Deshalb ist es auch nicht dramatisch, wenn einige gehen. In der zweiten Liga brauchst du Spieler, die kämpfen können – nicht nur dieses „Eins-zwei-drei-Fußballspielen“. So steigst du nicht auf.
SPORT1: Würden Sie an Dieter Hecking festhalten?
Reitmaier: Als Trainer würde ich wahrscheinlich einen neuen holen. Es hat am Ende einfach nicht funktioniert, war aber auch sehr schwer für ihn. Er hat Fußball-Sachverstand, das ist keine Frage, und ich mag ihn. Aber ich gehe davon aus, dass sie einen anderen holen – auch weil es in Bochum dann schnell endete. Ich habe nie mit ihm gearbeitet. Deshalb spricht vieles für einen kompletten Neustart.
SPORT1: Ist der Abstieg auch eine Chance?
Reitmaier: Ja, das kann auch reinigend wirken. Wolfsburg hat sich lange durchgewurschtelt, ohne wirklich etwas Grundsätzliches zu verändern. Jetzt müssen sie handeln und mit jungen Spielern und neuer Struktur etwas aufbauen.
Reitmaier nennt seinen Favoriten für die Trainerbank
SPORT1: Ihr Favorit für die Trainerbank?
Reitmaier: Ich würde Thomas Kleine holen. Der hat mir bei Greuther Fürth gefallen. Immer nach vorne, kein Sicherheitsfußball. Seine Mannschaften wollten immer gewinnen – egal, wie der Spielstand war. Das hat mir gefallen. Wir waren zusammen bei der Fortuna, und er hatte zusammen mit Peter Herrmann den Hauptanteil daran, dass wir aufgestiegen sind. Er war überragend als Co-Trainer, und er kann definitiv Cheftrainer. Wie er mit den Spielern umgegangen ist und welche Idee er vom Fußball hat, ist herausragend.
SPORT1: Erinnern Sie sich noch gerne an Ihre Zeit beim VfL?
Reitmaier: Auf jeden Fall. Wir hatten eine überragende Mannschaft mit Petrov, Klimowicz, Präger, Greiner, Akonnor, Ponte, Christoph Nowak (traurige Geschichte), am Ende auch Stefan Effenberg und vielen anderen. Wir haben oft fünf oder sechs Tore geschossen – jede Woche war etwas los. Nach den Spielen wurde zusammen bei Robson Ponte gegrillt oder wir waren beim Italiener. Das war eine richtig schöne Zeit.