Miroslav Stevic hatte eine Einladung zum Gespräch bekommen. Nun saß er an einem Tisch gemeinsam mit Jens Lehmann, Stefan Reuter und Fredi Bobic. Der Neue wollte die Routiniers von Borussia Dortmund kennenlernen. Sein Name: Udo Lattek.
Die Trainer-Ikone erhob das Wort und zog die Fußballprofis sofort in seinen Bann. „Es war unglaublich, was für ein Charisma er ausstrahlte“, sagte Stevic 20 Jahre später im SPORT1-Gespräch über die Begegnung mit Lattek: „Ich bin immer dankbar, dass ich mit so einer Person mal zusammenarbeiten durfte.“
Rund um dieses Kennenlerngespräch erlebten die Dortmunder turbulente Zeiten. An einem Dienstagabend gab es eine peinliche 1:3-Niederlage gegen die SpVgg Unterhaching. Trainer Bernd Krauss musste in akuter Abstiegsgefahr gehen. Und am 13. April 2000, heute vor 26 Jahren, sagte der deutsche Jahrhundert-Trainer Udo Lattek zu – einer der surrealsten Comebacks der Bundesliga-Geschichte war perfekt.
Im Doppelpass Tacheles geredet
„Udo Lattek soll mit seinen fachlichen Qualitäten die Mannschaft führen, denn die Situation ist dramatisch“, begründete Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc die spektakuläre Verpflichtung.
Der auserkorene Retter hatte seine phänomenale Trainerkarriere, in der er acht Deutsche Meisterschaften holte, eigentlich 1993 beendet. Dass Lattek weiterhin großes Fachwissen besaß, bewies er Sonntag für Sonntag im Doppelpass. Er war der Ur-Experte der Show, redete beim Fußballtalk im SPORT1-Vorgängersender DSF Tacheles. Nun ging es im Alter von 65 Jahren zurück auf die Trainerbank.
„Dass Lattek am Ende das Team übernommen hat, passte in diese verrückte Saison“, erinnerte sich Stevic. Der BVB war nach dem neunten Spieltag Tabellenführer. Bis zur Winterpause sackten die Schwarz-Gelben aber ab.
Zum Rückrundenauftakt gab es ein 0:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Die Konsequenz: Trainer Michael Skibbe musste gehen. Die Verpflichtung des früheren Gladbach-Coachs Bernd Krauss erwies sich als kapitaler Fehlgriff. „Ich habe ihn fachlich und menschlich sehr geschätzt“, blickte Stevic zurück, „aber er war zur falschen Zeit am falschen Ort.“
Krauss ließ Kondition bolzen und verkannte, dass die Dortmunder Probleme vor allem im mentalen Bereich lagen. Er gewann keines seiner elf Spiele – und nach der sechsten Pleite in Serie war Schluss.
Sammer und Neuhaus als Assistenten
Nun sollte es also Lattek richten. Allerdings nicht alleine: Der damals 32 Jahre junge Matthias Sammer, bis 1999 noch als Spieler beim BVB unter Vertrag, übernahm den Co-Trainer-Posten. Uwe Neuhaus komplettierte als weiterer Assistent das Team. „Die Rollen waren klar verteilt“, erzählte Stevic. „Lattek hat die ganze Aufmerksamkeit der Presse auf sich gezogen. Sammer und Neuhaus übernahmen das Training.“
Beim ersten Spiel nach der Rückkehr umlagerten die Fotografen die Trainerbank. Sie wollten ganz nah dran sein an Lattek. Der Trainer trug zum Spieltag einen hellen Trenchcoat, sein silbergraues Haar hatte er unter einer DSF-Kappe verborgen.
Es war eine maue Leistung, die Latteks Dortmunder beim MSV Duisburg zeigten. Sie mühten sich zu einem 2:2. Aber der Trainer bewertete das Spiel positiv. „Es hieß immer, die Mannschaft bestehe nur aus Egoisten. Das ist absolut nicht der Fall. Im Wedaustadion haben alle füreinander gekämpft und miteinander gespielt“, sagte Lattek.
Stuttgart als Schicksalsspiel
Auch als das nächste Spiel gegen Bayern München 0:1 verloren ging, bewahrte er die Ruhe. Doch die Lage war prekär. Nur noch einen Punkt Vorsprung hatte der BVB auf die Abstiegsplätze. Und am 32. Spieltag ging es zum VfB Stuttgart.
Stevic konnte die Teamsitzung vor der Schicksalspartie detailliert wiedergeben. Er erlebte Lattek als Psychologen: „Der Sigmund Freund des Fußballs hat da geredet.“ Lattek benutzte Bilder, um seine Spieler auf den Gegner vorzubereiten.
Stevic sollte an diesem Tag Stuttgarts Spielmacher Krassimir Balakov bewachen: „Udo Lattek hat mir gesagt, dass ich mich wie ein Adler verhalten muss, der die ganze Zeit seine Beute im Blick hat.“ Die Worte fruchteten: Stevic meldete Balakov ab.
Herrlich lässt den BVB jubeln
Die Schlussminute in Stuttgart begann. Auf der Anzeigetafel stand ein 1:1. Den Gästen blieb noch ein Angriff. Heiko Herrlich kam zum Abschluss – und traf. Dortmund gewann das Spiel noch. In Stevics Erinnerung war der Jubel nach dem Siegtor noch größer als zwei Jahre später bei Dortmunds Meisterschaft.
In Stuttgart ging es nur um den Klassenerhalt. Diesen machte Latteks Team nach einem 1:1 im Derby gegen Schalke 04 perfekt.
Zum Abschluss holte Lattek noch einen 3:0-Sieg bei Hertha BSC. Dann verabschiedete er sich wieder aus dem Trainergeschäft. Sammer übernahm das Team. Und der Doppelpass hatte bis zu Latteks TV-Ruhestand 2011 wieder einen meinungsstarken Experten in seiner Runde.
Für sein Kurzzeit-Engagement in Dortmund soll der 2015 verstorbene Lattek übrigens eine Million D-Mark erhalten haben. Andere Quellen sprechen sogar von einer höheren Summe.
Aus Sicht von Stevic hatte sich Lattek jeden Pfennig verdient: „Es gibt Fußballer wie Lionel Messi, die für ihr Gehalt immer die passende Leistung bringen. Es gibt wenige Trainer, für die das auch gilt: Einer davon war Udo Lattek.“