Wäre Uli Hoeneß in einem Theater angestellt, er wäre wohl der Strippenzieher.
Zwar scheint es unzulässig, Trainer Thomas Tuchel als Marionette des zuletzt ins Tagesgeschäft zurückgekehrten Ehrenpräsidenten zu beschreiben. Und doch machte Stefan Effenberg im STAHLWERK Doppelpass am Sonntag deutlich, wer die Fäden beim FC Bayern in der Hand hat.
„Wenn (beim FC Bayern, Anm. d. Red.) eine Ansage von oben kommt, dann kommt sie von oben. Dann haben sie das unten zu akzeptieren“, erklärte der SPORT1-Experte. Doch droht deshalb Knatsch in München?
Schon seit jeher gilt an der Säbener Straße das oberste Gebot: Treten Missstände beim deutschen Rekordmeister auf, werden sie von oberster Stelle mit höchster Priorität behandelt.
In einer kürzlich erschienenen Diskussionsrunde im BR gestand Uli Hoeneß, dass er weiterhin „operative Aufgaben“ innehabe, bis „wir merken, dass das Schiff wieder geradeaus fährt.“
FC Bayern: Chefetage verwehrt Tuchel seine „Holding Six“
Klingt so ein Ehrenpräsident, der volles Vertrauen in seine (leitenden) Angestellten, darunter den Cheftrainer, hat? Wohl kaum. Nach dem Knall am Saisonende, als Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic gehen mussten, hatte Hoeneß, gemeinsam mit Karl-Heinz Rummenigge, das Ruder wieder an sich gerissen – und es bis heute nicht losgelassen.
Zwischen dem Bayern-Patron und Tuchel waren erste Meinungsverschiedenheit bereits mit Ablauf der Transferperiode aufgekommen, als der Coach vehement eine Verstärkung im defensiven Mittelfeld forderte, eine „Holding Six“. Declan Rice, die ursprüngliche Wunschlösung Tuchels, wurde von der Vereinsführung als zu teuer angesehen.
Das Ende vom Lied? Tuchel beklagte sich weiterhin über seine Defensiv-Abteilung, immerhin fielen zeitweise mehrere Innenverteidiger aus, sodass im Pokal gar Leon Goretzka in letzter Linie aushelfen musste. Zwischenzeitlich lud man Jérôme Boateng zum Probetraining ein.
Jedoch nur, um dasselbe Schauspiel erneut aufzuführen: Tuchel wollte ihn, die Vereinsführung senkte abermals den Daumen. Diesmal wohl nicht aus finanziellen Gründen, sondern vielmehr, weil „die Vergangenheit mit den Prozessen, die er hinter sich hat, belastet ist.“ Dies „hat den Verein schlussendlich dazu gebracht, von der Verpflichtung abzusehen.“ Sagte? Richtig, Uli Hoeneß.
Hoeneß: „Unkluge Äußerungen“ von Tuchel
Zudem tätigte Tuchel öffentlich „unkluge Äußerungen“ über den zu dünnen Kader, wie Hoeneß jüngst in einem RTL/ntv-Interview nachlegte. „Das ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Speziell die Boulevardpresse“, grantelte der 71-Jährige, der sich selbst zwar nicht aus der Schusslinie nahm – und trotzdem den Trainer anzählte.
„Ich lasse mein eigenes Team nicht schlecht aussehen, wenn ich sage, wir sind zu dünn besetzt. Wir sind dies, wir sind jenes. Wenn Sie sehen, was wir jedes Wochenende auf der Bank sitzen haben, nur Nationalspieler, dann haben wir keinen dünnen Kader.“
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Beim FC Bayern ist man seit Jahren stolz auf sein sagenumwobenes Festgeldkonto, von dem man gar die 95 Millionen Euro für Harry Kane hätte zahlen können.
Kane für 95 Millionen verpflichtet
Dennoch müsse man weiterhin Vernunft walten und sich nicht vom ausschweifenden Finanzgebaren der internationalen Konkurrenz treiben lassen, findet Hoeneß: „Der FC Bayern wird auch in Zukunft darauf achten müssen, dass man nicht nur teure Spieler kauft, sondern auch jungen eine Chance gibt.“
Tuchel hatte bei seinen Stationen beim FC Chelsea und Paris Saint-Germain ungeahnte finanzielle Freiheiten, in seiner Zeit bei den beiden Hauptstadtklubs flossen in vier Jahren über 400 Millionen Euro über den Ladentisch. Nun also die Hoeneß-Bremse – doch zählt der 71-Jährige den Trainer damit wirklich an? Nein, findet Effenberg!
„Will ich mit meinen Aussagen Unruhe stiften oder aufwecken? Hoeneß war in der Vergangenheit deshalb immer extrem kritisch, weil er den Trainer oder die Mannschaft aufwecken wollte“, stellte der frühere Bayern-Star im Doppelpass klar.
Es liege im Kalkül von Bayerns Ehrenpräsidenten, seinen Verein „bis aufs Blut zu verteidigen“, sagt Effenberg, „Er ist so. Das wird er immer tun, bis er nicht mehr da ist.“
In diesem Zusammenhang zeigte sich der ehemalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach überrascht von Hoeneß‘ damaliger Niederlegung seiner Ämter: „Ich fand es faszinierend zu sehen, dass er sich vorgenommen hat: Ich werde Ehrenpräsident und ziehe mich zurück“, sagte Niersbach im Doppelpass. „Aber wenn dann die nächste Gelegenheit da ist, dann ist er überrascht von sich selbst, dass er im Tagesgeschäft zitiert wird. Aber er ist eben Leib und Seele für den Verein!“
Hoeneß fordert FCB-Offensivfußball als „Unterhaltungsspiel“
Daher, das stellte Hoeneß selbst klar, seien es keine Anzweiflungen an der Persona Tuchel, sondern vielmehr der Versuch, das Theaterstück zu optimieren, um am Ende den maximalen Applaus zu bekommen.
„Wir haben mit Thomas Tuchel einen Trainer, mit dem wir sehr, sehr zufrieden sind“, stellte Hoeneß klar. „Wir sind – von den Ergebnissen her – im Soll, sind in der Champions League der einzige deutsche Verein, der zwei Spiele gewonnen hat. Und in der Bundesliga total dran.“
Einzig ein Punkt bleibt offen in der Beziehung Hoeneß-Tuchel, wie der Ehrenpräsident nach dem Ligaspiel gegen den SC Freiburg kundtat.
„Wenn ein Gegner am Boden liegt, dann muss ich ihn killen mit sechs, sieben oder acht Toren. Da bin ich nicht zufrieden, wenn man eine totale Überlegenheit mit nur drei Toren beendet. Wir müssen begreifen, dass dieses ein Unterhaltungsspiel ist.“