München – Als Real Madrid im Frühjahr 2012 im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Bayern ausschied, war die Kritik in den spanischen Medien verheerend.
Wenn man einen modernen und vor allem schnellen Mittelfeldspieler sehen wolle, solle man sich mal diesen Toni Kroos anschauen, schrieb etwa ein Kolumnist der „Marca“.
Der Bayern-Youngster sei demnach genau der Gegenentwurf zum langsamen und behäbigen Spiel von Xabi Alonso, dessen Zeit in der Schaltzentrale von Real sich dem Ende zuneige (BERICHT: Bayern mit Xabi Alonso einig).
Ganz so schnell ist es dann doch nicht gegangen. Vielmehr hat sich Xabi Alonso in der vergangenen Saison nochmal in der Form gezeigt, für die der gebürtige Baske in ganz Spanien bewundert wurde.
Nach einer monatelangen Pause zu Beginn der Spielzeit wegen eines Bruchs des Mittelfußknochens schwang sich der 114-fache Nationalspieler rechtzeitig zum Endspurt wieder zum Taktgeber der „Königlichen“ auf. Seine beste Partie zeigte er bei der Halbfinal-Revanche gegen den FC Bayern.
Diesmal war es der 32-Jährige, der Kroos in den Schatten stellte, und maßgeblichen Anteil am 4:0-Triumph im Rückspiel hatte. Allerdings kassierte Alonso nach einem unnötigen Foul an Bastian Schweinsteiger die dritte Gelbe Karte und war im Finale gesperrt.
„Er ist ein wichtiger Stabilitätsfaktor für die Mannschaft, der Motor. Die Mannschaft wird sein Fehlen spüren. Er ist ein unentbehrlicher Spieler“, sagte Ex-Nationalspieler Fernando Morientes damals.
Die mangelnde Präsenz des „Lehrers“, wie Trainer Carlo Ancelotti ihn ehrfürchtig nannte, machte sich im Endspiel gegen Atletico Madrid deutlich bemerkbar, nur mit Glück rettete Sergio Ramos‘ Kopfballtor in der Nachspielzeit Real in die Verlängerung.
Am Ende allerdings feierten die „Königlichen“ durch das 4:1 den ersehnten zehnten Gewinn des Henkelpotts, und Xabi Alonso lief vor Begeisterung aufs Spielfeld. Verboten für einen gesperrten Spieler, so dass die UEFA die nächste Sperre für den europäischen Supercup aussprach.
Zum zweiten Mal musste Xabi Alonso nach dem 2:0 über den FC Sevilla im Anzug statt im Trikot zur Siegerehrung schreiten, als Reaktion verweigerte er den Handschlag mit UEFA-Präsident Michel Platini.
Trotz der Gala von Neuzugang Toni Kroos im zentralen Mittelfeld gingen die spanischen Medien aber fest von einer sofortigen Rückkehr Alonsos in die Startelf aus. Doch beim Saisonstart am Montag gegen Cordoba (2:0) saß der Routinier 90 Minuten auf der Bank.
Stattdessen wurden der 22-jährige Isco und der eigentlich schon abgeschobene Sami Khedira eingewechselt. Danach schrieb „El Pais“ von einem „schlechten Zeichen für Xabi Alonso“ und dass Ancelotti den Generationswechsel im Mittelfeld eingeleitet habe.
Offenbar haben die Zweifel am Können des Weltmeisters von 2010 über die Sommerpause wieder zugenommen. „Was Madrid braucht, ist ein Ersatz für Xabi Alonso, der zu altern beginnt“, meinte Morientes, immerhin Nachwuchscoach von Real und zuvor noch Zusprecher, im Juni.
Der scheint nun mit Kroos gefunden, auch wenn der deutsche Nationalspieler die Rolle im zentralen Mittelfeld anders interpretiert. Darüber hinaus soll Ancelotti Khedira, Asier Illaramendi und Luca Modric als erste Alternativen sehen, zumal auch noch die Verteidiger Pepe, Ramos und Dani Carvajal vor der Abwehr spielen können.
Bei Twitter hinterfragt Weltmeister und Ex-Real-Keeper Bodo Illgner den bevorstehenden Transfer umgehend:
Xabi Alonso hatte diese Zeichen offenbar erkannt, wollte sich aber nicht mit einer Rolle als Edelreservist begnügen. Daher kam ihm der Anruf von Pep Guardiola gerade recht, dessen direkte Kontaktaufnahme seinem Ego schmeichelte.
Entsprechend schnell ging es am Ende, so dass die Verantwortlichen und Teamkollegen von der „Flucht“ des bisherigen Wortführers völlig überrascht wurden. Von einem „Erdbeben bei Real“ spricht die Madrider Sportzeitung „Marca“.
Guardiola wollte den zweifachen Champions-League-Sieger schon letztes Jahr verpflichten, scheiterte damals aber am Veto von Karl-Heinz Rummenigge. Diesmal allerdings gab die Vereinsspitze nach.
„Er ist sehr gut in der Lage, mindestens noch zwei Jahre auf absolutem Topniveau zu spielen“, zeigte sich Sportchef Matthias Sammer auf SPORT1-Nachfrage überzeugt. „Wir haben gesagt, dass wir aktuell auf die Verletzungen mehrerer Spieler reagieren müssen.“
Offenbar plant Guardiola vorerst wieder mit Philipp Lahm und David Alaba auf den Außenpositionen, weshalb im zentralen Mittelfeld nach dem Kroos-Abgang und den offenbar längerfristigen Ausfällen von Javier Martinez, Thiago Alcantara und Bastian Schweinsteiger eine Riesenlücke klafft.
Und Neuzugang Sebastian Rode sowie dem beim Auftakt gegen Wolfsburg (3:1) überzeugenden, aber erst 17-jährigen Gianluca Gaudino traut der Coach eine Rolle als Taktgeber und Anführer, für die Xabi Alonso prädestiniert ist, nicht zu.
Bleibt die Frage, ob der im November 33 Jahre alte Alonso es noch einmal allen zeigen kann, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört.