Von Reinhard Franke

München – Frust oder Lust beim FC Schalke 04?

Nach dem überraschenden Pokal-Aus bei Dynamo Dresden (Bericht) ist das Nervenkostüm der Gelsenkirchener schon etwas angekratzt.

Weil auch das Startprogramm in der Liga hart ist, ist die Angst vor einem Fehlstart da.

Viele Augen richten sich deshalb auf Clemens Tönnies, den Aufsichtsratsvorsitzenden des Vereins, und seine Sicht der Dinge.

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Vor dem Saisonstart bei Hannover 96 (Sa., ab 15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) spricht der mächtige Mann im SPORT1-Interview über die Lage bei seinem Klub, die Rolle von Weltmeister Julian Draxler und die Sticheleien zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund.

SPORT1: Herr Tönnies, haben Sie das Pokal-Aus schon verarbeitet?

Clemens Tönnies: Natürlich war ich sehr enttäuscht. Ich erwarte ein professionelleres Auftreten unserer Mannschaft. Allerdings ist das Ausscheiden aus dem Pokal in der ersten Runde auch schon anderen Klubs passiert. Das ändert nichts daran, dass wir uns für die neue Saison etwas vorgenommen haben – und das werden wir erreichen.

SPORT1: Wo steht Schalke 04?

Tönnies: Wir haben uns prima verstärkt. Da bin ich mehr als zufrieden. Der Mix aus sehr guten Leistungsträgern und einer guten Nachwuchsstruktur zeigt, dass das alles sehr positiv ist bei uns. Ich bin wirklich guter Dinge.

SPORT1: Trotz aller Debatten um ihn: Jens Keller geht in seine zweite komplette Saison als Cheftrainer auf Schalke. Das hätten die wenigsten erwartet.

Tönnies: Es ist aber ein klares Zeichen, dass wir souverän agieren und kontinuierlich einen guten Job machen. Wir haben immer an Keller festgehalten. Die Medien haben von Anfang an versucht ihn wegzuschreiben, doch wir haben dem widerstanden, weil wir eine Entwicklung in der Mannschaft gesehen haben. Keller hat es sehr schwer gehabt. Da gab es eine neue Spielerstruktur, großes Verletzungspech und er hat Zeit gebraucht, was aber normal ist. Der Erfolg gibt uns Recht. (Bild-Copyrights: getty)

SPORT1: Sie spüren also Genugtuung?

Tönnies: Ja. Wir wissen schon, was wir an unseren Leuten haben und deswegen lassen wir uns da von niemandem rein reden. Wir sind da Herr im eigenen Haus.

SPORT1: Die Fans auf Schalke lechzen nach einem Titel. Ist es weiterhin das Ziel, dritte Kraft zu sein nach den Bayern und Borussia Dortmund oder darf es darf mehr sein?

Tönnies: Wir geben ein Ziel raus, nämlich dass wir unter die Top 3 wollen und Champions League spielen möchten. Das ist die klare Vorgabe, aber die Parole, dass wir jetzt die Bayern angreifen wollen oder den BVB, wird von uns nicht kommen. Wir sind im Klub sehr gut aufgestellt, haben einen tollen Kader und jetzt schauen wir mal, was dabei rauskommt. Wichtig ist, dass ein Platz unter den ersten Drei dabei rauskommt.

SPORT1: Verbietet es sich aus Prinzip, dass man auf Schalke höhere Ziele ausgibt?

Tönnies: Wir sollen doch aus unseren Erfahrungen lernen. Wir haben aufgehört, uns diesen Mühlstein des Bayern-Jägers oder der Jagd nach der Meisterschale um den Hals zu hängen. Wir sagen, dass wir beherzten und guten Fußball spielen und gucken, was dabei rumkommt.

SPORT1: Wie schaut es denn mit einem Angriff auf den BVB aus?

Tönnies: Nochmal: Wir greifen einen der ersten drei Plätze an und schauen dann weiter. Ich erkläre uns auch nicht zum BVB-Jäger, das kostet ebenfalls nur Kraft. Die machen ihre Arbeit, wir unsere. Und wir wollen unsere so gut wie möglich machen.

SPORT1: Wie bewerten sie die Vorbereitung? Es gab vor dem Pokal-Aus auch viele Testspielpleiten.

Tönnies: Das ist nicht entscheidend. Alle Mannschaften haben in der Vorbereitung schon mal Spiele vergeigt. Wir hatten wahnsinnig viele Verletzte mit muskulären Problemen und der gesamten Palette an Handicaps, aber unser Lazarett lichtet sich langsam.

SPORT1: Es ist schon eigenartig, dass es so viele Muskelverletzungen ohne Fremdeinwirkung gibt, oder?

Tönnies: Julian Draxler hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. Jeder muss sich hinterfragen, ob er diszipliniert genug ist. Es gehört vor und nach jedem Training und rund um die Spiele eine gewisse Disziplin dazu und da werden wir darauf achten. Wir haben das analysiert und zum Glück sind es keine schwerwiegenden Verletzungen. Wir haben für jede Position mehrere Spieler, die um einen Stammplatz kämpfen und das bringt uns weiter.

SPORT1: Zeigt die Kritik von Draxler auch sein neues Selbstbewusstsein?

Tönnies: Der Julian bringt sich unheimlich ein. Wenn er kritisiert, dann zuerst bei sich. Der Junge hat sich in seiner Persönlichkeit unheimlich entwickelt. Er war immer ein kluger Junge, aber man merkt jetzt, wie er reift.

SPORT1: Ist er also reif für die Chefrolle?

Tönnies: Ich glaube nicht, dass man das einem 20-Jährigen in einer so starken Truppe einreden sollte. Er soll locker Fußball spielen und sich frei machen von allen Problemen. Dazu gehört alles Gerede um eine Chefrolle. Julian ist absolut gesetzt. Um den mache ich mir überhaupt keine Sorgen.

SPORT1: Der junge Max Meyer will auf der 10 spielen. Droht da Ärger mit Kevin-Prince Boateng?

Tönnies: Kevin ist ein Leuchtturm in der Mannschaft. Zu ihm schauen die jungen Spieler auf. Er wird sich da einbringen, wo er selbst sieht, dass er dem Team und dem Verein am besten hilft. Das ist ein Luxusproblem. Kevin wird sicher immer dem Erfolg unterordnen. Er ist viel zu schlau.

SPORT1: Zwischen den Bayern und dem BVB flogen zuletzt wieder Giftpfeile hin und her. Lehnen Sie sich da zurück und schmunzeln? Sie hatten ja auch schon Knatsch mit BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.

Tönnies: Ich könnte mich zurücklehnen und sagen: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte (lacht). Das tue ich aber nicht. Da ist viel Folklore dabei, deshalb kommentiere ich das gar nicht groß. Wir wollen erfolgreich sein.