Die Krise beim TSV 1860 München spitzt sich nach dem Zwangsabstieg in die Regionalliga immer weiter zu. Während der Streit zwischen dem Verein und Investor Hasan Ismaik nach der Kündigung des Kooperationsvertrags auf die nächste Eskalationsstufe zusteuert und Fans ihr Geld für bestellte Dauerkarten zurückverlangen, bringen selbst ehemalige Löwen-Stars inzwischen drastische Lösungen ins Spiel.

Klublegende Thomas Miller, der den Durchmarsch der Löwen von der Bayernliga bis in die Bundesliga miterlebte, hält im Gespräch mit SPORT1 sogar einen Neuanfang über eine Insolvenz für denkbar.

Wie geht es weiter beim TSV 1860 München nach dem Zwangsabstieg?
Wie geht es weiter beim TSV 1860 München nach dem Zwangsabstieg? Wie geht es weiter beim TSV 1860 München nach dem Zwangsabstieg? © IMAGO/Ulrich Wagner

Drastischer Rat: 1860 soll „gegebenenfalls auch über eine Insolvenz“ weg von Ismaik

„Die Situation zwischen Ismaik und dem Verein scheint inzwischen so verfahren, dass eine gemeinsame Zukunft kaum noch denkbar ist“, sagt der 63-Jährige. „Statt weiter Zeit und Energie in einen festgefahrenen Konflikt zu investieren, könnte ein geordneter Neuanfang – gegebenenfalls auch über eine Insolvenz – eine Lösung sein. Mit neuen Geldgebern und klaren Strukturen ließe sich möglicherweise eine unbelastete Zukunft aufbauen.“

Miller verfolgt die jüngsten Entwicklungen mit großer Sorge. Seit Jahren prägt der Konflikt zwischen dem e.V. und Investor Hasan Ismaik die Schlagzeilen. Mit der Kündigung des Kooperationsvertrags hat der Machtkampf nun einen neuen Höhepunkt erreicht. Ismaik kündigte bereits rechtliche Schritte gegen die Entscheidung an.

Löwen-Legende warnt

Miller warnt allerdings davor, eine Insolvenz als einfachen Ausweg zu betrachten.
„Man sollte beachten, dass eine Insolvenz für einen Profifußballverein erhebliche Risiken mit sich bringt – etwa Punktabzüge, Lizenzprobleme und wirtschaftliche Unsicherheiten.“

Nach der Sonderkündigung des Hauptsponsors „Die Bayerische“ stehen die Sechziger vor weiteren Herausforderungen. Gleichzeitig hoffen viele Anhänger, dass die jüngsten Entwicklungen langfristig den Weg für neue Investoren und eine Neuordnung der Vereinsstrukturen ebnen könnten.

Thomas Miller (l.) ist eine Vereinslegende des TSV 1860 München
Thomas Miller (l.) ist eine Vereinslegende des TSV 1860 MünchenThomas Miller (l.) ist eine Vereinslegende des TSV 1860 München© IMAGO/MIS

Was passiert mit Volland und Niederlechner ?

Neben den wirtschaftlichen Turbulenzen rückt nun auch die sportliche Zukunft in den Fokus. Eine der entscheidenden Fragen lautet: Bleiben Kevin Volland und Florian Niederlechner trotz des Absturzes in die Regionalliga bei den Löwen?

Gerade der Neustart nach dem Zwangsabstieg 2017 zeigte, wie wichtig erfahrene Führungsspieler für eine junge Mannschaft sein können. Volland hatte bereits vor seiner Rückkehr betont, notfalls auch in der Regionalliga für seinen Heimatverein aufzulaufen. Gemeinsam mit Niederlechner war er als Gesicht eines langfristig angelegten Neuaufbaus verpflichtet worden.

Riedl: „Jetzt muss der Neuanfang kommen“

Unterdessen herrschen rund um die Grünwalder Straße Entsetzen, Trauer und Wut. Nicht nur Miller blickt mit Sorge auf die Entwicklung. Auch Thomas Riedl sieht den Verein an einem Wendepunkt. Der frühere Mittelfeldspieler lief von 1999 bis 2001 für die Münchner auf und wurde unter anderem durch sein Derby-Siegtor gegen den FC Bayern im November 1999 zur Kultfigur. 

Für den 49-Jährigen liegen die Ursachen der aktuellen Krise in jahrelangen Versäumnissen. „Natürlich sind das ganz bittere Tage für alle Löwen. Wenn man ehrlich ist, haben die Verantwortlichen in den vergangenen 15 Jahren keine gute Arbeit abgeliefert“, sagt er SPORT1. Es sei nie gelungen, „die GmbH und den e.V. wirklich zusammenzubringen, damit beide an einem Strang ziehen. Stattdessen herrschten immer Misstrauen und Konflikte.“

Trotz aller Kritik sieht Riedl in der aktuellen Situation auch eine Chance. „Jetzt gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man jammert weiter, sucht Schuldige und schimpft auf den Investor. Oder man schaut endlich nach vorne. Das einzig Positive an dieser schlimmen Situation ist die Chance auf einen echten Neuanfang. Der muss jetzt kommen – ohne Wenn und Aber. Und das wird verdammt schwer.“

Riedl denkt an Zeit in Kaiserslautern

Als Beispiel nennt Riedl seine Erfahrungen beim 1. FC Kaiserslautern, für den er von 1994 bis 1999 und von 2001 bis 2006 spielte. „Ich habe eine ähnliche Situation in Kaiserslautern erlebt. Damals steckte der FCK in der 3. Liga tief im Abstiegskampf, die Regionalliga drohte, und erst am letzten Spieltag konnte man sich retten.“

Riedl ergänzt: „Auch dort war die Stimmung am Boden. Trotzdem hat es der Verein geschafft, sich wieder aufzurichten.“ Bei 1860 nehme er derzeit vor allem Frust und Enttäuschung wahr. „Dauerkarten werden zurückgegeben, die Euphorie ist verschwunden. Das ist anders als 2017, als trotz des Zwangsabstiegs noch eine gewisse Aufbruchsstimmung vorhanden war.“

„Dieser Neustart tut vielen Menschen weh“, sagt Riedl. Für die Zukunft fordert Riedl vor allem personelle Veränderungen und mehr Fachkompetenz in den entscheidenden Positionen. „Jetzt braucht es neue Leute, die anpacken und Verantwortung übernehmen. Man sollte endlich wieder mehr Fußballkompetenz in die entscheidenden Positionen holen.“

Thomas Riedl spielte von 1999 bis 2001 für 1860 München
Thomas Riedl spielte von 1999 bis 2001 für 1860 MünchenThomas Riedl spielte von 1999 bis 2001 für 1860 München© IMAGO/Ulrich Wagner

„Vieles ist leider immer schlimmer geworden“

Und weiter: „Zu oft hatten Unternehmer und Politiker das Sagen, aber zu selten Menschen, die den Fußball aus eigener Erfahrung kennen.“ Eine Mitverantwortung für die aktuelle Lage sieht der frühere Profi auch bei den Führungsgremien der vergangenen Jahre.
„In der Führungsetage wurde über viele Jahre kein gutes Bild abgegeben. Vieles ist leider immer schlimmer geworden.“

„Man kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber man muss aus ihr lernen“, meint der Ex-Profi: „Dass es irgendwann zu einer solchen Situation kommen könnte, war leider nicht völlig überraschend.“

Sein Fazit fällt entsprechend ernüchternd aus: „Mir tun die Löwen einfach sehr leid.“
Fest steht: Die Chaos-Tage von Giesing sind noch lange nicht vorbei. Die kommenden Wochen dürften darüber entscheiden, ob 1860 München die Chance auf einen Neuanfang nutzt – oder zunächst noch tiefer in die Krise gerät.