Als SPORT1 Hellmut Krug in Odenthal besucht, ist die WM 1994 plötzlich wieder ganz nah. Riesige Stadien, Millionen Zuschauer – und mittendrin der einzige deutsche Schiedsrichter des Turniers. Noch heute erinnert sich der frühere FIFA-Referee an die Sekunden vor seinem ersten WM-Spiel: 40 Grad, drückende Luftfeuchtigkeit und der Gedanke: „Das hältst du hier niemals durch.“
Im Exklusiv-Interview spricht der 70-Jährige über Druck auf der größten Fußballbühne, Autorität auf dem Platz, den VAR – und besondere Momente mit Uli Hoeneß.
SPORT1: Herr Krug, Sie waren bei der WM 1994 der einzige deutsche Schiedsrichter. Ehre oder Druck?
Hellmut Krug: Beides. Natürlich ist es in erster Linie eine große Ehre – eine WM ist das Größte, was du als Schiedsrichter erreichen kannst. Gleichzeitig spürst du aber auch enormen Druck. Du vertrittst nicht nur dich selbst, sondern auch die deutschen Schiedsrichter insgesamt. Und wenn etwas schiefgeht, heißt es schnell pauschal: Die deutschen Schiedsrichter sind schlecht. Das ist schon eine besondere Verantwortung.
„Mal sehen, wann du umkippst“
SPORT1: Erinnern Sie sich an eine besondere Situation im Turnier?
Krug: In meinem ersten Spiel, Italien – Norwegen, gab es den Platzverweis gegen Italiens Torwart Gianluca Pagliuca. Das war eine klare Notbremse, völlig unstrittig. Was mir aber viel stärker im Gedächtnis geblieben ist, war der Moment, als ich ins Stadion lief. Diese Hitze hat mich regelrecht erschlagen. 40 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit – ich dachte wirklich: „Das hältst du hier niemals durch.“ Während der Nationalhymne ging mir durch den Kopf: „Mal sehen, wie lange du hier noch stehst und wann du umkippst.“ Aber der Körper kann in solchen Situationen erstaunlich viel leisten.
SPORT1: Wann wurde Ihnen klar, dass es ernst wird?
Krug: Eigentlich schon bei der Anreise. Als wir in Dallas im Cooper Center angekommen sind, habe ich sofort gespürt: Das ist etwas Besonderes. Da steigt automatisch die Spannung. Du hoffst auf ein gutes erstes Spiel, auf eine attraktive Partie – und auf einen guten Start ins Turnier. Dieser Druck baut sich nicht erst im Stadion auf, sondern schon vorher.
SPORT1: Ein prägendes Bild aus der Vorbereitung bleibt das Trainingslager in Malente.
Krug: Ich war damals im Trainingslager der Nationalmannschaft in der Sportschule Malente dabei. Die war sehr spartanisch ausgestattet. Schmale Hochbetten, mehrere Leute in einem Zimmer, nur ein Bad. Ich habe damals wirklich gedacht: „Das ist hier wie eine Jugendherberge.“
Für die Spieler galt das genauso. Die Kleidung wurde nach dem Training vor die Tür geworfen, abgeholt, gewaschen und zurückgebracht. Heute wäre eine solche Qualität bei der Unterbringung undenkbar, damals war das Trainingslager bewusst so gewählt worden, um „den Geist von Malente heraufzubeschwören“, mit dem die Mannschaft bei der WM 1974 erfolgreich gewesen war.
SPORT1: Wie würden Sie Ihren Stil als Schiedsrichter beschreiben?
Krug: Eine Balance zwischen langer Leine und zeitgerechtem Durchgreifen. Du musst ein Spiel steuern und lenken, aber auch laufen lassen können. Und im richtigen Moment musst du entschlossen eingreifen. Autorität gehört dazu. Du kannst nicht alles immer nur moderieren. Irgendwann musst du sagen: Jetzt ist Schluss. Und dann musst du das auch durchsetzen.
SPORT1: Haben Schiedsrichter Spiele wirklich „geführt“?
Krug: Ja, das würde ich schon sagen. Ein Spiel ist ein komplexes Gebilde, das du als Ganzes verstehen musst. Du musst es lesen, die richtigen Schlüsse für die Spielleitung daraus ziehen und deinen Stil durchsetzen. Dazu gehört nicht nur die korrekte Ahndung einzelner Vergehen, sondern auch Kommunikation – verbal und nonverbal. Spieler müssen wissen, was sie von dir zu erwarten haben. Nur so kannst du das Spiel kontrollieren.
SPORT1: Verglichen mit der heutigen Zeit: War der Schiedsrichter früher der klarere Chef auf dem Platz?
Krug: Gefühlt ja. Entscheidungen waren endgültiger. Wenn der Schiedsrichter entschieden hatte, blieb das in der Regel auch so stehen. Heute gibt es mit dem VAR eine zweite Instanz, die Entscheidungen überprüft und gegebenenfalls eingreift. Dadurch wirkt die Autorität auf dem Platz weniger geschlossen.
„Der Fußball würde auch ohne VAR existieren“
SPORT1: Lassen Sie uns über den VAR sprechen – Fortschritt oder Problem?
Krug: Grundsätzlich ist der VAR richtig, weil klare Fehlentscheidungen korrigiert werden können. Das Problem liegt in der Auslegung. Der VAR greift inzwischen zu oft ein, auch in Situationen, die nicht eindeutig, nicht klar und offensichtlich falsch sind.
Wenn der VAR eine Szene drei Minuten lang überprüfen muss, kann man eigentlich nicht mehr von einer klaren Fehlentscheidung sprechen. Trotzdem wird dann oft nachträglich korrigiert. Darunter leidet die Anerkennung des Schiedsrichters auf dem Platz. Der VAR müsste zurückhaltender agieren – nur bei wirklich offensichtlichen und nicht diskutablen Fehlentscheidungen intervenieren.
SPORT1: Wird der Schiedsrichter dadurch entmündigt?
Krug: Entmündigt nicht, aber seine Autorität und Anerkennung leidet spürbar darunter. Deshalb ist entscheidend, dass der VAR so zurückhaltend wie möglich agiert, dass viel klarer definiert wird, was überhaupt ein klarer Fehler ist. Wenn selbst Experten lange diskutieren, ist es eigentlich kein klassischer VAR-Fall mehr.
SPORT1: Würde der Fußball ohne VAR funktionieren?
Krug: Natürlich würde er funktionieren. Das sieht man in den ersten beiden Runden des DFB-Pokals, wo er nicht eingesetzt wird. Dann wird allerdings genauso über Fehlentscheidungen diskutiert. Der Fußball würde auch ohne VAR existieren – nur fänden die Diskussionen auf einer anderen Ebene statt.
SPORT1: Wird der Fußball durch den VAR gerechter?
Krug: Ja, weil grobe Fehlentscheidungen in der Regel korrigiert werden. Gleichzeitig ist alles ein wenig komplizierter geworden, vor allem durch zu viele Eingriffe und Diskussionen – gerade auch beim Handspiel.
„Er packte Uli Hoeneß am Arm und zog ihn heraus“
SPORT1: Wie gehen Schiedsrichter mit Kritik um?
Krug: Kritik gab es immer. Heute ist sie nur noch sichtbarer, weil alles medial stärker denn je begleitet wird. Damit musst du umgehen können. Wenn du überrascht bist, dass du kritisiert wirst, bist du im falschen Beruf.
SPORT1: Uli Hoeneß war ein besonderer Kritiker von Ihnen. Besonders heftig wurde die Kritik nach einem Platzverweis gegen Samuel Kuffour.
Krug: Ja, nach einem Platzverweis gegen Sammy Kuffour bin ich heftig von ihm kritisiert worden. Hoeneß wechselte damals in den ‚Abteilung Attacke‘-Modus und es kam nach dem Spiel in der Schiedsrichterkabine zu einem unangenehmen Wortwechsel. Karl Hopfner, damals Finanzvorstand des FC Bayern, war mit in der Kabine und versuchte, die Wogen zu glätten. Er packte Uli Hoeneß schließlich am Arm und zog ihn mit heraus. Aber solche oder ähnliche Geschichten gehören leider auch dazu. Du musst das ausblenden und im nächsten Spiel wieder funktionieren.
SPORT1: Hat sich das Verhältnis später entspannt?
Krug: Ja, natürlich, wir sind uns anschließend noch viele Male begegnet. Das muss dann bei der nächsten Begegnung vergessen sein, es gehört im Fußball einfach dazu.
SPORT1: Eine Szene mit Stefan Kuntz ist Ihnen sicher bis heute in Erinnerung geblieben.
Krug: Ja, gut recherchiert. Ich habe als Schiedsrichter immer Distanz gewahrt und die Spieler grundsätzlich gesiezt. Dann kam Kuntz einmal nach einer Entscheidung zu mir und sagte: „Hör mal, was pfeifst du denn da?“ Ich habe geantwortet: „Erstens habe ich entschieden – und zweitens duzen wir uns nicht. Wir haben noch kein Bier zusammen getrunken.“
Dann sagte er: „Ja, ist aber auch schwer, mit dir Freund zu werden.“ Das war einfach witzig. Heute sind wir wirklich gut befreundet.
„Die Diskussion um Neuer war nicht hilfreich“
SPORT1: Bleibt eher der Fehler oder die gute Leistung hängen?
Krug: Ein schwerer Fehler bleibt länger im Gedächtnis. Entscheidend ist aber die Gesamtleistung über eine lange Distanz. Wer konstant gut pfeift, wird auch so wahrgenommen.
SPORT1: Würden Sie wieder Schiedsrichter werden?
Krug: Ja. Es war eine prägende Zeit mit vielen Erfahrungen und Herausforderungen. Ich würde es wieder so machen.
SPORT1: Wird Deutschland Weltmeister?
Krug: Nein.
SPORT1: Warum nicht?
Krug: Weil ich nicht glaube, dass die Mannschaft insgesamt stark genug ist. Dazu kommt zu viel Unruhe im Umfeld. Auch die Diskussion um Manuel Neuer war meiner Meinung nach nicht hilfreich. Und Unruhe tut selten gut.