Mit 65 Jahren fing einst die Rente an, doch für ihn ist der Ruhestand eher nichts. Einer wie er ist immer noch im Unruhestand. Auch zweieinhalb Jahrzehnte nach seinem Karriereende ist Lothar Matthäus keiner für die bei Zeitschriften beliebte Rubrik „Was macht eigentlich…?“. Denn er ist ja immer noch da, wenn irgendwo der Ball in einem Spiel von Bedeutung rollt.

Kein TV-Sender möchte auf ihn verzichten, auch wenn er nicht allen dienen kann. Kein Topspiel am Bundesliga-Samstag und kein Kick mit deutscher Beteiligung donnerstags in der Europa League wird ohne ihn angepfiffen, wie es scheint. Noch immer redet er als Experte und Co-Kommentator Klartext, und weil außer Lionel Messi keiner auf der Welt mehr WM-Spiele und kein Deutscher mehr Länderspiele absolviert hat, hat er höchste Glaubwürdigkeit.

Er schreibt Kolumnen, gibt bereitwillig Interviews und spielt im gerade in die Kinos gekommenen Dokumentarfilm „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ zum deutschen WM-Triumph von 1990 keine Nebenrolle. Der Doppelpass mit den Medien gehört immer noch zu seinen besten Spielzügen. Er hat einfach zu viel zu erzählen, der „Loddar“.

Lothar Matthäus 1990 mit dem WM-Pokal
Lothar Matthäus 1990 mit dem WM-PokalLothar Matthäus 1990 mit dem WM-Pokal© IMAGO/Pressefoto Baumann

Lothar Matthäus wird 65

Lothar Matthäus wird heute 65 Jahre jung und schaut auf eine Karriere mit sagenhaften 150 Länderspielen zurück. Weltweit ist er damit zwar „nur“ noch die Nummer 45, aber in Deutschland regiert er seit 1993 als Rekordnationalspieler.

Seine Profikarriere begann 1979 in Mönchengladbach. Es wurde eine mit seltsamen Rundungen, obwohl der Typ Ecken und Kanten hat. Von seinem Probetraining sprechen sie in Mönchengladbach heute noch. Da brachte der Frechdachs aus Herzogenaurach gleich mal Weltmeister Berti Vogts zu Fall, und als der sich wieder aufrappelte, rief er: „Schickt sofort einen zu Manager Grashoff, den Vertrag fertig machen. Das wird mal ein Großer.“

Sein damaliger Trainer Jupp Heynckes muss immer noch lachen, wenn er daran denkt: „Gleich beim ersten Training hat er den Arrivierten bei uns so auf die Socken gehauen, dass die gar nicht mehr wussten, was Sache war. Als sie ihn zusammenstauchen wollten, sagte der Lothar nur: ‚Mensch, was wollt ihr denn? Ihr müsst doch gleich sehen, dass ich jetzt da bin.’“

Erste Bundesliga-Station: Borussia Mönchengladbach

Da war er also. Zum Glück für den deutschen Fußball und für jede Mannschaft, in der er spielte, trotz mancher Nebengeräusche. Seine Borussen, gleich zweimal der FC Bayern, Inter Mailand und zum Ausklang die New York Metro Stars. 19 Vereinstitel gewann er, darunter zweimal den UEFA-Cup und siebenmal die Deutsche Meisterschaft. 464 Bundesliga-Spiele, nur dreimal wurde er eingewechselt.

Lothar Matthäus im Jahr 1980 bei der EM in Italien
Lothar Matthäus im Jahr 1980 bei der EM in ItalienLothar Matthäus im Jahr 1980 bei der EM in Italien© Imago

Das erste Mal mit 18, das letzte Mal mit 38. Dazwischen lag ein Spiel bei Waldhof Mannheim, kurz bevor Matthäus sich mit Bayern München einigte. Die Leistung litt aufgrund des Wechselwirbels in jenem April 1984, und so setzte Heynckes seinen Besten auf die Bank. Bis 20 Minuten vor Schluss, da kam er rein beim Stand von 1:2. Der wutgeladene Matthäus bog das Spiel prompt mit zwei Toren um und gab am Mikrofon zu, sauer auf den Trainer gewesen zu sein.

Eine vielsagende Episode über den Menschen, der über sich selbst auch viel gesagt hat, gern in der dritten Person: „Ein Lothar Matthäus gibt nie auf.“

Lothar Matthäus auf seiner ersten Profistation bei Borussia Mönchengladbach
Lothar Matthäus auf seiner ersten Profistation bei Borussia MönchengladbachLothar Matthäus auf seiner ersten Profistation bei Borussia Mönchengladbach© IMAGO/Kicker/Liedel

1984 Wechsel zu Bayern und jede Menge Titel

Zu Bayern ging er 1984, um endlich Titel zu gewinnen und er gewann sie: Meister 1985, 1986, 1987, Pokalsieger 1986. Mit Deutschland hatte er da schon einen. Schon mit 19 durfte er sich Europameister nennen. Bundestrainer Jupp Derwall nahm ihn 1980 ohne jeglichen Länderspieleinsatz mit nach Italien. Weshalb er im Bus bittere Tränen vergoss, hatte er doch seiner Freundin einen gemeinsamen Urlaub versprochen, den er nun stornieren musste.

Kapitän Bernard Dietz baute ihn wieder auf und schenkte ihm sein Debüt. Beim Stand von 3:0 gegen die Holländer dachte er, in 17 Minuten könne nicht mehr viel passieren und ging freiwillig raus. Prompt verschuldete Matthäus einen Elfmeter und am Ende hieß es 3:2. Man verzieh ihm, das Foul war ja außerhalb des Strafraums. Nur etwas vorlaut war er im Kreise der Cracks, und das kam weniger gut an. „Mein Vorteil ist, ich erstarre nicht in Ehrfurcht“, sagte der Franke mit dem schnellen Antritt und dem flinken Mundwerk.

Es verging mehr als ein Jahr bis zu seinem zweiten Einsatz im DFB-Dress. Aber fortan war Matthäus für jeden Bundestrainer unverzichtbar. Es sei denn, es gab atmosphärische Störungen. Die diversen Pausen in seiner Länderspielkarriere waren selten sportlicher Natur, und er nahm an fünf WM-Turnieren ab 1982 teil – bis 1998 – Weltrekord.

Traumtor gegen Jugoslawien

Unter seinem väterlichen Freund Franz Beckenbauer wurde er 1990 Weltmeister und spielte das Turnier seines Lebens. Das 4:1 in Mailand gegen Jugoslawien war sein wohl bestes Länderspiel – und eine runde Sache, Nummer 75. Matthäus: „Ich habe einige gute Spiele gemacht, doch ich glaube, das Eröffnungsspiel bei der WM 1990 steht über allem.“

Sein Tor zum 3:1 mit einem Sprint übers halbe Feld wurde zum Tor des Jahres gewählt. Seine hervorstechenden Tugenden – Dynamik und Schusskraft – vereinte dieser Moment von San Siro in faszinierender Weise. Am 8. Juli 1990 durfte er als dritter DFB-Kapitän den Weltpokal in den Himmel strecken, damals in Rom. Der Moment, „diesen Pokal hochhalten zu dürfen, als erster für die Mannschaft, für das Land – einfach einmalig“. Kapitän war er genau 75 Mal – noch so ein runder DFB-Rekord.

1990 gewann Matthäus alle Wahlen: Er wurde der beste Fußballer Deutschlands, Europas und zur Krönung auch der Welt – als erster und einziger Deutscher überhaupt. 1991 verteidigte er den Weltfußballertitel sogar.

Lothar Matthäus 1990 bei seinem Traumtor zum 3:1 gegen Jugoslawien
Lothar Matthäus 1990 bei seinem Traumtor zum 3:1 gegen JugoslawienLothar Matthäus 1990 bei seinem Traumtor zum 3:1 gegen Jugoslawien© IMAGO/Pressefoto Baumann

Die Auszeichnungen fielen in seine Mailänder Zeit (1988-92), in der er zum nahezu kompletten Fußballer avancierte. Er konnte kämpfen und spielen, verteidigen und stürmen, dribbeln und Traumpässe schlagen und trotz 173 Zentimetern Körpergröße scheute er keinen Kopfball. Beidfüßig war er auch, weil ihn Trainer Giovanni Trapattoni in Mailand dazu antrieb, auch den linken Fuß zu trainieren – so fiel das erste WM-Tor 1990 gegen Jugoslawien dank dieser Nachhilfestunden.   

Mit Toren tat sich der Elfmeter- und Freistoßspezialist im Nationaldress anfangs schwerer. Erst im 33. Einsatz brach der Bann, 23 wurden es insgesamt. Jenes 5:1 im April 1985 in Prag „war der Wendepunkt in der Karriere des Lothar Matthäus“, sagte Lothar Matthäus, als diese noch gar nicht vorbei war.

Weltmeister 1990 in Italien

Der Mitläufer wurde zum Führungsspieler. In der Ära Beckenbauer (1984-90) machte er seine besten Spiele, wenn auch nicht immer auf dem richtigen Posten. Dass er im verlorenen WM-Finale 1986 auf Diego Maradona angesetzt wurde und so für den Aufbau ausfiel, hat der Kaiser noch oft bedauert.

Vier Jahre später in Rom, wieder gegen Argentinien, gab es zum Glück noch ein Happy End. Diesmal war Guido Buchwald Maradonas Wachhund, Matthäus der Chef einer Weltklasseelf und bereitete den Elfmeter vor, der den Sieg brachte. Dass er ihn wegen einer gebrochenen Schuhsohle lieber Andy Brehme überließ, sprach für seinen Teamgeist.

Er war auf dem Gipfel, damals in Rom. Es konnte also nur bergab gehen. Matthäus spielte danach noch zwei weniger erfolgreiche WM-Turniere, beide endeten im Viertelfinale, unter Berti Vogts, der ihn 1998 kurz vor Meldeschluss reaktivierte. Der alte Streit war begraben, der Ende 1995 aufgekommen war, als Matthäus mutmaßte, Mitspieler wären gegen seine Rückkehr, und dabei vor allem an Jürgen Klinsmann dachte, den er öffentlich zu einem TV-Duell aufforderte. Da war er erstmal unten durch, auch bei den Kollegen. Vogts holte ihn dennoch.

Lothar Matthäus in seiner zweiten Paraderolle als TV-Experte
Lothar Matthäus in seiner zweiten Paraderolle als TV-ExperteLothar Matthäus in seiner zweiten Paraderolle als TV-Experte© IMAGO/STEINSIEK.CH

Unrühmliches Ende in der Nationalelf

Damit wurde er WM-Rekordspieler, mit runden 25 Einsätzen. Erst 2022 hat ihn Lionel Messi (26x) überholt. 1998 trat er zurück, aber Vogts-Nachfolger Erich Ribbeck überredete den 37-Jährigen zum Weitermachen. Er brauchte ihn für die EM 2000, und wenn einer was von ihm will, hat er oft Glück. „Lothar ist zu gut für diese Welt“, sagten schon die Kiebitze beim Bayern-Training, wenn er im strömenden Regen auch dem letzten Fan noch ein Autogramm gab. Als Nationalspieler hätte er gewiss ein besseres Ende verdient gehabt als mit 39 Jahren (DFB-Rekord) das Waterloo von „de Kuip“ am 20. Juni 2000 zu Rotterdam, als man Portugal 0:3 unterlag und nach der Vorrunde ausschied.

„Dieses Jubiläumsspiel würde ich am liebsten aus meiner Karriere streichen“, sagte Matthäus, der aus New York angereist kam. Er ist damit der einzige Deutsche, der jemals als US-Profi ein Länderspiel bestritt. Auch eine Art Rekord. Und wird es je wieder eine Karriere geben, die mit einem EM-Spiel begann und endet?

Kaum zu glauben eigentlich, dass dieser Mann auf 150 Länderspiele kommen konnte, obwohl er zwei Europameisterschaften verpasst hat. 1992 erlitt er in Italien einen Kreuzbandriss, 1995 riss die Achillessehne bei einem Testkick der Bayern, zu denen er im Herbst 1992 für acht Jahre zurückkehrte, in Bielefeld.

„Der 25. Januar 1995. 19.02 Uhr. War es die Minute, in der die große Karriere von Lothar Matthäus endete?“, fragte die Bild besorgt. Vermutlich nicht nur in Sorge um einen großen Fußballer. Der Fußballer Matthäus war Weltklasse, der Mensch schillernd und für den Boulevard allzeit interessant: fünf Ehen, fünf Scheidungen, vier Kinder. So einer polarisiert.

Zoff mit Hoeneß

Seine offene Art kostete ihn einst einige Sympathien im Kollegenkreis und ein gutes Dutzend Länderspiele. Mit Bayern-Manager Uli Hoeneß verkrachte er sich vor 25 Jahren wegen der Abrechnung für sein Abschiedsspiel und provozierte den legendären Spruch, er werde „nicht mal Greenkeeper beim FC Bayern“. Zum 60. Geburtstag 2021 hatten sie sich längst versöhnt, und auf dem Titel des Vereinsmagazins sah man Matthäus in der Allianz Arena einen Rasenmäher fahren. Nur für das Foto, aber immerhin.

Lothar Matthäus 1997 mit Uli Hoeneß
Lothar Matthäus 1997 mit Uli HoeneßLothar Matthäus 1997 mit Uli Hoeneß© IMAGO/WEREK

Was ihn schmerzt im Rückblick? Dass sein Wunsch, im Rahmen seiner Trainerkarriere (sieben Stationen in sieben Ländern) mal in der Bundesliga zu arbeiten, nicht erfüllt wurde. „Man will immer nur das sehen, was man sehen will. Und bei mir will man immer nur das Schlechte sehen“, sagte er schon 2009 der FAZ.

Das mag in seiner subjektiven Sicht so sein, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Deutschland ist auch ganz schön stolz auf diese runde Karriere seines Ehrenspielführers. Und so mancher fühlt mit ihm, wenn er im Kinofilm wegen seines verstorbenen Freundes Andy Brehme und seines verstorbenen Mentors Franz Beckenbauer den Tränen nahe ist.