Man kann über Manchester United geteilter Meinung sein, in einem sind sich momentan alle einig: Der Premier-League-Klub bietet Unterhaltung pur. Und ein bisschen erinnert hierzulande das, was sich zur Zeit in England rund um das Team von Ralf Rangnick abspielt, an den großen „FC Hollywood“, wie die Bayern früher immer genannt wurden. Es herrscht ein einziges Drunter und Drüber. (DATEN: Die Tabelle der Premier League)
Trainer-Mobbing in der Kabine, undichte Stellen in der Mannschaft (und damit ist nicht die Abwehr mit ihren 32 Gegentoren gemeint), Spieler, die öffentlich an Abschied denken, ein angeblicher Streit um die Kapitänsbinde – und als würde das alles nicht genügen, ist jetzt auch noch ein deutscher Reporter in die Schusslinie geraten. Kennt man ähnlich von früher in München. Fehlt eigentlich nur die „Ich habe fertig“-Rede von Rangnick – in Schwäbisch.
Rashford kontert Journalist
Die spannendste Baustelle zurzeit: Kabinengate. Eine Bild-TV-Veröffentlichung inklusive Tweet am Mittwoch, wonach es unter ein paar Spielern, darunter Marcus Rashford und Harry Maguire, Unmut wegen Cristiano Ronaldo gebe, weil der dort sein eigenes Reich aufbaue, konterte Rashford ungeschickt mit einem Tweet, in dem er den betreffenden Tweet des deutschen Bild-Fußballchefs Christian Falk zeigte und kritisierte. Wie man das halt so nicht macht. Größter Profiteur war nämlich Falk, jetzt plötzlich in ganz England berühmt, selbst.
Ungeschickt auch, weil Rashford am Abend zuvor ziemlich schlecht gespielt hatte nach seiner Einwechslung gegen Brighton, während CR7 beim 2:0 glänzte, das (fantastische) erste Tor schoss und danach von Rangnick in höchsten Tönen gelobt wurde. Womit wenigstens eine Baustelle notdürftig verschlossen ist.
Spieler ziehen über Co-Trainer her
Aber es gibt ja sonst genug zu kitten: Dass die ManUnited-Profis Gerüchten zufolge Rangnicks Co-Trainer Chris Armas mit dem in Sachen Fußball komplett ahnungslosen „Ted Lasso“ aus der gleichnamigen Apple-Serie vergleichen, ist lustig, könnte aber, ob es stimmt oder nicht, einen Keil in die Mannschaft treiben.
Armas ist jedenfalls wie der Serien-Lasso US-Amerikaner, seine bekanntesten (aber auch einzigen) Trainerstationen vor ManUnited lauteten: Toronto FC, New York Red Bulls. Und auch das erinnert ein wenig an die alten Bayern: Jürgen Klinsmann hatte 2008 Martin Vasquez als Co-Trainer mitgebracht, der die Mannschaft nie richtig erreichte. „Der Assistent, den keiner kennt“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ über den US-Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, und das ganze hielt nicht mal ein Jahr. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Premier League)
Um die Jahrhundertwende war beim FC Bayern übrigens Michael Henke sechs Jahre lang Co-Trainer von Ottmar Hitzfeld. In der Zeit lautete, weil er angeblich Informationen aus der Spielerkabine blitzschnell an Hitzfeld weiterleitete, Henkes Spitzname im Team: „Das Ohr“.
Das Lasso-Leck in der ManUnited-Kabine bestätigte nun ausgerechnet Klublegende Gary Neville: Er wisse, woher die Info komme, sagte er. Mehr wolle er aber nicht verraten. Gutes Drehbuch. Maulwürfe waren natürlich auch eine Spezialität der Bayern – damals stets unter Verdacht: Lothar Matthäus.
Pogba denkt mal wieder an Abschied
Apropos: Die Schlagzeilen vor dem Leeds-Spiel, wonach Rangnick die Kapitänsbinde am liebsten von Maguire (28) an Ronaldo (37) übertragen würde, wurden schnell dementiert – kommt einem alles bekannt vor. In der besten FC-Hollywood-Zeit musste nämlich Kapitän Matthäus 1997 nach ständigen Streitereien mit Jürgen Klinsmann die Binde an Thomas Helmer weitergeben.
Und als würde das alles nicht genügen, denkt bei ManUnited jetzt auch noch Paul Pogba, immerhin Weltmeister, an Abschied im Sommer: Der Vertrag des umstrittenen 28-Jährigen läuft aus. Der Franzose wurde gegen Brighton nur eingewechselt, spielte dann überragend. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Premier League)
Der FC Hollywood wohnt jetzt in Manchester – und das Kuriose daran: Auch wenn seit Wochen eine verrückte Meldung die andere jagte, ging es in der Tabelle hoch für ManUnited. Rangnick hat den seit fünf Jahren titellosen 20-maligen englischen Meister, der sich bei seiner Übernahme im freien Fall befand, inzwischen immerhin von Platz sieben auf vier geführt.