Es ist ja nicht so, dass Kevin Großkreutz beim Thema Stöhnen im Sport wissenschaftliches Neuland betreten hat.
Schon im Jahr 1984, wir erinnern uns, führten Borden/Harris das Stöhngeräusch, das der Tennisspieler Jimmy Connors bei seinen Aufschlägen von sich gab, als Lehrbeispiel für das Phänomen des „glottal stop“ an, die plötzliche, stimmlose Lösung eines Verschlusses der Stimmlippen.
Nur um, wir alle wissen es noch, 17 Jahre später von ihrer Phonetiker-Kollegin Angelika Braun belehrt zu werden, dass das Connors-Stöhnen eindeutig in die Kategorie des „effort closure“ im Kehlkopf gehört, eines aktiven und krampfartigen Verschlusses, der echte und falsche Stimmlippen gleichermaßen erfassen und die Stellknorpel (cartilagines aritenoideae) bis zum Verhaken aneinander pressen kann (H.M. Tucker 1993, S. 31).
Gut, werden Sie jetzt sagen, ob’s nun ein glottaler Plosiv ist oder eine Stellknorpelverhakung ist: Seien wir da mal nicht päpstlicher als der Phonetikpapst (Klaus J. Kohler, Anm. d. Red.).
Viel entscheidender, da haben Sie recht, ist ja die kulturelle Dimension der Debatte.
Jahrzehntelang unterdrückte der gemeine Tennisathlet den atemtechnisch sinnvollen Impuls, seinem Bedürfnis nach einem ordnungsgemäßen Kehlkopfverschluss einfach stattzugeben ? aus rein ideologischen Motiven.
Dem Tennisspieler alten Aufschlages ging es darum, sich selbst und anderen der Vornehmheit seiner Betätigung durch Stöhnvermeidung zu vergewissern.
Möge der Plebs seine cartilagines aritenoideae unkontrolliert röhren lassen, befand er: Der Mann, respektive die Dame von Welt verstehen es, selbsttätig auf der Klaviatur ihrer echten wie falschen Stimmlippen zu musizieren.
Tempora mutantor: Die Klassenstandpunkte haben sich nivelliert mit den Jahren, die Entwicklung des Tennis vom Ober- zur Mittelschichtensport hat das Stöhnen wenn nicht gleich salon-, so zumindest centercourtfähig gemacht.
Andere Problemstellungen im stoßseufzerischen Bereich sind dafür umso virulenter geworden.
Auf die Rezeptionsunterschiede männlichen und weiblichen Stöhnens hat der „Merkur“ in seiner Eigenschaft als deutsche Zeitschrift für europäisches Denken bereits 1993 hingewiesen – und wenig hat sich seitdem verändert an der genderpolitisch heiklen Sichtweise, dass beim weiblichen Stöhnen stets die „unmissverständlich erotische“ Komponente gesehen wird, „während der maskuline Star die Arbeitsmaschine imitiert, die im Kampf gegen den Tod ihr Letztes gibt“.
Man sieht die zahllosen Schichten gesellschaftlichen Sprengstoffs, die hinter einer harmlos anmutenden Stöhnkulisse verborgen liegen.
Umso bemerkenswerter, dass Kevin Großkreutz, dem all diese Implikationen genauso bewusst sind wie uns, diese Debatte nun auch ins Fußballstadion trägt.
„Wir haben viele Verletzte, wir stehen im Viertelfinale der Champions League und manche stöhnen – das ist unglaublich“, moniert er: „Das gefällt mir überhaupt nicht im Moment, bei Ballverlusten immer dieses Gestöhne von der Tribüne.“
So verständlich ein solcher Anti-Stöhn-Affekt im Eifer des fußballerischen Gefecht auch sein mag: Es irritiert der elitäre Standpunkt von Großkreutz – von dem sich sein Trainer Jürgen Klopp übrigens ebenso wenig distanziert hat wie auch sein Kapitän Sebastian Kehl (sic!).
Man muss schon fragen: Fehlt ihnen denn allen dreien der Sinn für den Wert der Liberalisierung des Stöhnens?
Oder denken sie etwa, dass diese Entwicklung vor den Zuschauern der sich sportlich Betätigenden haltmachen darf?
Muss man sie erinnern an so platte Parolen wie „Mein Stellknorpel gehört mir“?
Als stöhnhistorisch sensibilisiertes Wesen kommt man unter diesen Umständen schwerlich darum herum, diese Kolumne mit einer plötzlichen, stimmlosen Lösung eines Verschlusses der Stimmlippen zu beschließen.
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