Es war der Super-GAU der vergangenen Bundesliga-Saison. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte musste der VfL Wolfsburg den Gang in die zweite Bundesliga antreten. Nach dem Relegations-Drama gegen den SC Paderborn ist der Fokus kurz vor der neuen Saison klar: die sofortige Rückkehr ins Oberhaus.
Die Erwartungen könnten größer kaum sein. Viele Experten zählen die Wölfe zu den Top-Favoriten auf den Wiederaufstieg. Mit einer Reihe namhafter Neuverpflichtungen haben die Verantwortlichen ihre Hausaufgaben gemacht und einen Kader zusammengestellt, der diese Mission nun erfüllen soll.
Gelingt das Vorhaben, wäre der VfL Wolfsburg der 50. Verein, dem der direkte Wiederaufstieg gelingen würde. Zuletzt war es der 1. FC Köln, dem dieses Kunststück gelungen war.
Im SPORT1-Interview spricht der frühere Wolfsburg-Profi und SPORT1-Experte Maik Franz über die Transferpolitik, die Qualität des Kaders, die Aufstiegschancen und das große Fragezeichen des VfL Wolfsburg.
SPORT1: Uwe Rösler, Trainer des VfL Bochum, hat dem VfL Wolfsburg schon vorzeitig zur Zweitligameisterschaft gratuliert. Würden Sie bei dieser Einschätzung mitgehen?
Maik Franz: Ja, für mich sind die der absolute Top-Favorit auf den Aufstieg. Sie haben Qualität gehalten, haben absolute Top-Zweitliga-Qualität dazugeholt. Sie haben meiner Meinung nach den stärksten Kader, den ein Zweitligist seit langer, langer Zeit hatte. Und von daher sind sie für mich der absolute Aufstiegs-Favorit. Ob es auch die Meisterschaft wird? Könnte man schon annehmen. Ob sie es dann am Ende aber auch wird, wird sich zeigen.
SPORT1: Könnte es eine ähnliche Dominanz wie beim FC Bayern in der Bundesliga geben?
Maik Franz: Naja, die Bayern sind ja erst seit zwei Jahren wieder so dominant. Aber sie (der VfL Wolfsburg, Anm. d. Red.) wollen ja den Vergleich nicht. Nur für mich sind sie die absolute Übermannschaft in dieser Liga. Und von daher kann man so einen Vergleich schon heranziehen.
„Wir wissen, in welche Rolle wir gedrängt werden“
Direkter Wiederaufstieg als erklärtes Saisonziel
SPORT1: Wie ist es denn als Spieler, mit diesem großen Druck und der klaren Mission ‘Bundesliga-Rückkehr‘ in die neue Saison zu starten?
Maik Franz: Jeder weiß, dass Wolfsburg 100 Prozent wieder aufsteigen will. Und wenn du dann in der Kabine in Wolfsburg sitzt und mal nach rechts und links guckst, siehst du einfach Top-Qualität. Ob das noch Spieler sind, die aus der ersten Liga mit dabei sind. Ob das Spieler sind wie Fabian Reese, wie Robert Glatzel, wie Fraser Hornby, wie Hauke Wahl. Das waren alles Führungsspieler in ihren Mannschaften. Und dann hast du noch einen Maxi Arnold, einen Yannick Gerhardt. Absolute Spieler-Persönlichkeiten, die Qualität haben. Das gibt dir als Spieler natürlich Selbstvertrauen. Deswegen finde ich auch den Mix gut, dass sie auch viele Spieler aus der zweiten Liga, die dort Führungsspieler waren, geholt haben, weil die die zweite Liga auch kennen. Das brauchst du auch. Du wirst nicht mit Erstligafußball in der zweiten Liga durchmarschieren. Du musst schon dagegenhalten. Du musst auch mal eklig sein. Und das gilt es als Wolfsburg jetzt umzusetzen.
SPORT1: Mit Fabian Reese stößt unter anderem ein Spieler mit viel Zweitliga-Erfahrung zum VfL Wolfsburg. Kann er bei Wolfsburg zu einer ähnlichen Identifikationsfigur heranreifen wie zuvor bei Hertha?
Maik Franz: Also es gibt immer diese Überspieler in der zweiten Liga, die in der zweiten Liga einfach zu Hause sind, die da überperformen. Simon Terodde, bei mir war es dann Giovanni Federico. Es gibt so viele Beispiele, auch ein Glatzel, die in dieser zweiten Liga einfach top, top, top sind. Also absolut über dem Limit. Für die aber die erste Liga, aus welchen Gründen auch immer, noch kein Thema ist. Er (Fabian Reese, Anm. d. Red.) ist jetzt 28. Er hat in der ersten Liga noch nicht das gezeigt, was er in der zweiten Liga zeigt. Aber er ist einfach in dieser Liga ein absoluter Überspieler. Und ich glaube schon, dass er diese Rolle auch in Wolfsburg einnehmen kann.
„Er ist ein Fußball-Arbeiter“
SPORT1: Welche Eigenschaften kann er speziell in die Mannschaft einbringen bzw. wo profitiert die Mannschaft von seinen Stärken?
Maik Franz: Er ist ein Mentalitätsspieler. Er kommt sehr über die Körpersprache, das ist für ihn ein ganz wichtiger Faktor. Er ist jemand, wo man als Zuschauer immer auch sieht, dass er alles gibt, dass er sich reinhaut, seine Flügelläufe, seine vielen Flanken. Er gibt sehr viele Flanken, wenn er dann mal über die Außen kommt. Er war letztes Jahr bester Vorlagengeber in der zweiten Liga. Er ist jemand, den du gerade auch in der Arbeiterstadt Wolfsburg brauchst. Du brauchst Arbeiter. Und er ist ein Fußball-Arbeiter. Er ist in erster Linie jemand, der über seinen Einsatz und seinen Willen kommt. Und das ist, glaube ich, ganz wichtig auch für diese Mannschaft.
SPORT1: Wenn wir auf die gesamte Mannschaft blicken: Wo macht dieser Kader im Vergleich zur vorherigen Bundesliga-Saison den stärksten Eindruck?
Maik Franz: In der Breite und der Qualität. In der ersten Liga hatten sie auch eine gute Mannschaft, da hat es dann aus unterschiedlichsten Gründen nicht geklappt. Das passiert im Fußball. Aber sie haben einfach jetzt für diese Liga eine überdimensionale Qualität. Qualität ist im Fußball aber das Eine, du musst auch als Mannschaft zusammen fungieren können. Und das ist halt die Aufgabe jetzt. Das ist der Punkt, wo ich sage, bei allem Lob: Sie haben einen Trainer, der das in der Form noch nicht kennt, der diesen Druck nicht kennt, der dieses Thema Aufstieg aus der 2. Liga noch nicht kennt, der diese Spielerqualität auch in einer leitenden Funktion noch nicht trainiert hat. Er ist sicherlich ein hochbegabter Trainer, der ein großes Trainertalent ist – aber jetzt hast du eine Mannschaft mit Charakterköpfen, wo jeder auch abgeholt werden will. Deshalb ist für mich der Faktor, der am unberechenbarsten ist, momentan noch der Trainer. Obwohl er einen offenen und auch fachlich guten Eindruck macht. Aber das ist Druck. Du bist derjenige, der diesen Riesendampfer Wolfsburg ins Ziel führen muss. Das ist schon auch eine riesige Challenge. Und das wird jetzt spannend, wie das dann gehandhabt wird. Er hat mit Dieter Hecking einen erfahrenen Mann an seiner Seite, der ihm sicherlich auch Tipps geben kann. Aber das wird schon spannend.
SPORT1: Gibt es für Sie neben dem Trainer noch weitere Fragezeichen im Kader, wo Sie noch Handlungsbedarf sehen?
Maik Franz: Ich glaube, ein, zwei werden den Verein vielleicht noch verlassen. Aber unabhängig davon, muss man auch sagen, die haben eine sehr, sehr gute Jugendarbeit. Ich glaube schon, dass der Kader stark genug ist, diese Herausforderung anzunehmen, anzugehen und dann auch umzusetzen. Also ich glaube, die Suppe ist so geschmackvoll, die wird schon schmecken, wenn dann alles funktioniert, wenn da die Gewürze alle so gut zusammengeschmissen werden.
SPORT1: Ein Faktor, der aber auch nicht vernachlässigt werden darf, sind die Fans. Wie werden die Fan-Reaktionen in der kommenden Saison auf Wolfsburg ausfallen?
Maik Franz: Ich war ja fünf Jahre da. Natürlich wirst du oft auf dieses VW reduziert, aber VfL Wolfsburg ist mittlerweile viel mehr. Sie sind DFB-Pokalsieger geworden, sie haben Champions League gespielt, sie waren Deutscher Meister. Sie waren über 25 Jahre in der Bundesliga. Und jetzt bist du in der zweiten Liga. Und was die anderen Fans denken, ist den Jungs egal, ist dem Verein egal. Die wollen einfach ihr Ziel erreichen. Und das Ziel ist ganz klar Aufstieg.
Hoher Konkurrenzdruck in der zweiten Bundesliga
SPORT1: Wenn wir jetzt auf die Gegner blicken: Wie wird man als gegnerische Mannschaft die Partien gegen Wolfsburg angehen?
Maik Franz: Das kommt darauf an, wie das Jahr läuft. Kommt Wolfsburg mit einer breiten Brust? Sind sie in ihrem Flow oder nicht? Gehen wir mal davon aus, die spielen eine gute Saison. Dann weißt du als Spieler, das heute sind Zusatzpunkte. Da wird aber auch keiner was herschenken. Die zweite Liga ist mittlerweile sehr, sehr stark, sehr, sehr ausgeglichen. Und da wird sich auch jede Mannschaft was ausrechnen. Und wir wissen ja auch nicht: Vielleicht haben sie dann auch diesen Druck und kommen mit dem Druck nicht klar. Wir gehen ja jetzt von der Perfect World aus. Das kann aber auch in eine andere Richtung gehen. Weil sie wollen unbedingt aufsteigen. Und wenn du das halt weißt als Gegner, weißt du auch, okay, die werden schon draufgehen. Die werden schon kommen, die wollen das Spiel gewinnen. Und dann gucken wir mal, was wir hier on top noch mitnehmen können.
SPORT1: Wer könnte Wolfsburg im Aufstiegsrennen so richtig gefährlich werden?
Maik Franz: Für mich Hannover mit Christian Titz. Ein sehr, sehr guter Trainer. Für mich Heidenheim. Auch immer eine Mannschaft, die einfach so ein bisschen die zweite Liga in- und auswendig kennt. Auch der Trainer. Ich glaube, diese beiden Mannschaften und dann hast du drei, vier Mannschaften mit Darmstadt, mit St. Pauli, mit Kaiserslautern, die auch eine interessante Rolle spielen könnten und werden.
SPORT1: Wenn Sie sich jetzt festlegen müssten, wer schafft den Sprung in die Bundesliga?
Maik Franz: Wolfsburg, Hannover und Heidenheim spielt Relegation.