Die erste Ausgabe der Europaspiele ist in vollem Gange. Einige Sportler sind schon wieder abgereist aus Aserbaidschan, andere kommen erst in Baku an.

Wie hat sich die deutsche Mannschaft bisher geschlagen? Wie läuft die Premierenveranstaltung insgesamt? Und wie geht es in der zweiten Woche weiter?

SPORT1 zieht zusammen mit Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission des Deutschen Olympischen Sportbundes, eine Zwischenbilanz.

SPORT1 vor Ort in Baku
SPORT1 vor Ort in Baku

• Ist das deutsche Team im Soll?

Ja. Es gab zwar keine offizielle Vorgabe, aber Platz drei im Medaillenspiegel dürfte absolut im Rahmen der Erwartungen sein. Vor allem die Stars wie Dimitrij Ovtcharov im Tischtennis und Fabian Hambüchen im Turnen haben geliefert, ebenso wie die Kanuten. „Nicht unzufrieden“ sei der DOSB, sagt Schimmelpfennig: „Wir sind breit aufgestellt vom Jugendbereich bis in die Spitze. Das bewerten wir natürlich sehr positiv, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass es auch Konkurrenzen gibt, wo wir schon hier in Europa ein Stück weit von der Spitze weg sind.“ Deutlich wurde das beispielsweise beim Wasserball-Nachwuchs. Insgesamt mehr erwartet hatte man sich von den Kampfsportarten.

• Warum gab es keine klare Zielvorgabe wie bei Olympia?

Weil man nicht wissen konnte, was einen erwartet. Die Europaspiele liegen angesichts der verschiedenen Wettkampfkalender für viele Sportarten ungünstig, zudem sind die Ausgangslagen in den einzelnen Disziplinen unterschiedlich. Manche tragen ihre EM in Baku aus, in manchen gibt es Quotenplätze für Olympia, in wiederum anderen tritt nur der Nachwuchs an. „Viele Verbände haben unterschiedliche Strategien, es gibt internationale Turniere, die parallel laufen“, erklärt Schimmelpfennig. Daher hat man eine eher vage Zielsetzung besprochen: „Wir haben uns gesagt, wir wollen die Spiele sinnvoll nutzen und erfolgreich sein.“

• Wie hat sich die Stimmung entwickelt?

Weiter sieht man nur ganz vereinzelt ausländische Fans. Viele Delegationsmitglieder nutzen natürlich die Chance, sich andere Wettkämpfe anzugucken und bringen etwas Farbe. Die Auslastung der Tribünen liegt offiziell bei 74 Prozent, das sieht in der Realität ein bisschen anders aus. Was die Sache aber viel mehr trübt: Richtig Stimmung herrscht immer nur, wenn ein Aserbaidschaner startet. Zudem lässt das Fair Play doch schwer zu wünschen übrig. „Die Stimmung ist sehr differenziert zu sehen. Es sind vorrangig Zuschauer aus Aserbaidschan in den Hallen, und vorrangig bei den Sportarten, wo man sehr erfolgreich ist, gerade bei den populären Kampfsportarten. Dort sind sie sehr enthusiastisch, das ist dann eine Stimmung, die für andere Athleten schwierig ist“, sagt auch Schimmelpfennig.

• Warum liegt Aserbaidschan so weit vorne im Medaillenspiegel?

Russland führt mit weitem Abstand, dann schon folgen die Gastgeber. Zum Vergleich: Bei Olympia 2012 landete Aserbaidschan auf Platz 30 hinter 14 anderen europäischen Teams, gleichauf mit Polen. „Vor uns stehen Nationen, die das hier als Saisonhöhepunkt sehen“, erklärt Schimmelpfennig: „Das war bei uns in keiner einzigen Sportart so.“ Hinzu kommt die Sportartenauswahl, die am Kaukasus sehr populären Kampfsportarten sind über Verhältnis stark vertreten. Man hat im Stile Katars Einbürgerungen von Sportlern vorgenommen, wie im Falle des Turners Oleg Stepko (Ukraine). Und nicht zuletzt greift der Heimvorteil durch lautstarke Unterstützung von den Rängen und hier und da wohl auch bei strittigen Schiedsrichterentscheidungen.

• Läuft die Organisation zufriedenstellend?

Im Großen und Ganzen gibt es wenige Mängel. Schimmelpfennig sieht „olympische Standards“ in Baku und erklärt: „Wenn man sich die Wettkampfstätten und das Athletendorf anschaut, dann ist die Organisation geprägt vom Personal, das auch die Olympischen Spiele in London gesteuert hat.“ Die sage und schreibe 10.000 Volunteers sind ausgesprochen hilfsbereit, jedoch gibt es bisweilen Kommunikationsprobleme – die sich bei mehr internationalen Besuchern ausweiten würden. Und die massiven Sicherheitskontrollen sind wenig effizient.

• Haben die Spiele eine Zukunft?

Es sieht so aus. Die Rezeption bei Sportlern wie Verbänden ist gut, auch wenn die Problematik der Wettkampfkalender nicht leicht zu lösen sein wird. Und Baku hat die Latte hoch gelegt. „Für die Europaspiele setzt man hier mit dieser Premiere einen riesigen Meilenstein, der für viele schwierig zu erreichen sein wird“, sagt auch Schimmelpfennig. Die Niederlande hätten die Spiele 2019 ausrichten sollen, haben sich dann aber offenbar aus Kostengründen zurückgezogen. „Es hat sich in den letzten Tagen hier immer mehr verdichtet, dass es aussichtsreiche Kandidaten geben soll“, sagt Schimmelpfennig. Dem Vernehmen nach sind die Türkei (Istanbul, Antalya oder Mersin), Russland (Kasan) und Weißrussland (Minsk) interessiert. 

• Wie geht die deutsche Delegation mit dem Thema Menschenrechte um?

Über die Athletenkommission habe man sich im Vorfeld klar positioniert, sagt Schimmelpfennig. Deren Sprecher Christian Schreiber hatte die Freilassung politischer Häftlinge in dem totalitären Staat gefordert. Die angekündigten Gespräche auf politischer Ebene zu dem Thema würden vornehmlich in Person des DOSB-Vorstandsvorsitzenden Michael Vesper geführt, dies sei bereits geschehen und würde noch fortgeführt. „Er wird abschließend über diese Gespräche berichten“, so Schimmelpfennig.

• Was ist in der zweiten Woche zu erwarten?

Fechten, Volleyball, Judo und Boxen sind im Fokus, Badminton, Beach Soccer und BMX starten. Zudem stehen im Schwimmen 42 Entscheidungen im Nachwuchsbereich an. „Da wird sich noch einiges verschieben“, sagt Schimmelpfennig und blickt auf den Medaillenspiegel: „Wir sind aber optimistisch, dass wir in dem Bereich irgendwo zwischen Platz drei und fünf auch verbleiben.“

Anett Sattler, Jahrgang 1983, ist seit Oktober 2003 bei SPORT1 (ehemals DSF) tätig. Bereits während ihres Studiums (Kommunikationswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre) arbeitete sie als Redakteurin...

Nele Schenker, Jahrgang 1990, ist seit November 2011 bei SPORT1 tätig und moderiert die Regionalliga, Bundesliga Aktuell, die Allianz Frauen-Bundesliga, die UEFA Women's Champions League sowie das Fußballmagazin...