Es war schon weit nach Mitternacht, als mehrere Hundert Fans von ALBA Berlin am Spielereingang der Max-Schmeling-Halle standen und geduldig auf ihre Helden warteten. Nach und nach gingen die Spieler zu ihren Autos, die Reaktion der Fans war immer gleich: Jeder Akteur wurde von den Zuschauern frenetisch bejubelt.
Knapp drei Stunden zuvor hatten die ALBA-Stars im vierten Spiel der BBL-Finalserie ein heroisches Comeback hingelegt. Mitte des dritten Viertels sah alles nach einer Münchener Meisterfeier aus. Doch Berlin holte nicht nur den Zehn-Punkte-Rückstand auf, sondern legte zwischenzeitlich einen 26:2-Run hin und glich die Finalserie zum 2:2 aus.
„Das ist unser Teamgeist. Wir spielen immer bis zum Ende 40 Minuten lang. Wir sind mit das beste Team darin, 40 Minuten lang Energie zu haben. Wir geben nie auf“, freute sich Jack Kayil nach dem Spiel bei SPORT1.
Nach dem irren Comeback-Sieg in der Hitze-Hölle Max-Schmeling-Halle, ist jetzt alles möglich. Im entscheidenden Spiel fünf am Sonntag in München (ab 16,30 Uhr im LIVETICKER) kann ALBA jetzt tatsächlich die Sensation perfekt machen und zum ersten Mal seit 2022 wieder Meister werden.
BBL: ALBA wurde vor der Saison nicht viel zugetraut
Aber nicht nur das Comeback in Spiel vier war erstaunlich, sondern die generelle Wiederauferstehung des Traditionsvereins. Vor der Saison hatten viele Beobachter und Experten den Klub schon abgeschrieben. Ein Angriff auf die Meisterschaft schien utopisch.
Zu groß war der Aderlass im Kader nach dem überraschenden und freiwilligen Abschied der Albatrosse aus Europas Königsklasse, der EuroLeague, in die zweit- oder vielleicht sogar drittklassige Basketball Champions League.
Klar: ALBA hatte noch immer den zweithöchsten Etat der BBL. Doch der Abstand zum Krösus FC Bayern schien immer größer zu werden und der einstige Serienmeister im Kampf um eine erneute Meisterschaft chancenlos.
„Es war natürlich nicht einfach, weil nicht alle Menschen voll an den Weg geglaubt haben und wir dementsprechend einige davon erst überzeugen mussten“, sagte ALBA-Sportdirektor Himar Ojeda im Februar im SPORT1-Interview: „Für mich war es definitiv der schwerste Sommer in meiner Karriere, aber die Arbeit scheint sich ausgezahlt zu haben.“
ALBA findet zurück zur eigenen Identität
Es kam ganz anders, auch weil ALBA seinen eigenen Prinzipien treu blieb, auch wenn der Verein durch die geringeren finanziellen Mittel ein wenig zu seinem Glück gezwungen wurde.
Das gab auch Ojeda Anfang des Jahres zu: „Auch durch die begrenzten Möglichkeiten sind wir aber noch stärker zu unserer eigenen Philosophie zurückgekehrt und haben wieder einen extrem starken Kern von deutschen Spielern, die unser Team anführen.“
Genau diese Spieler verstehen die Berliner Identität „mit Leib und Seele“ zu 100 Prozent. Dieses Motto verleiht der Mannschaft in dieser Saison wieder ein verloren geglaubtes Gesicht. Aufgegeben wird nicht. Dafür wird immer 40 Minuten gekämpft und mit Leidenschaft gespielt.
Das unterstrich auch Norris Agbakoko im Gespräch mit SPORT1: „Das ist das, was diese Truppe auszeichnet: Wir geben immer unsere 100 Prozent, werfen immer alles rein und noch ein bisschen mehr. Wir haben es geschafft, die Intensität anzukurbeln. So haben wir es in dieser Saison oft geschafft, uns in Spiele zurückzukämpfen.“
ALBA-Fans sorgen für unglaubliche Stimmung
Genau dieser unbändige Wille und Kampfgeist zündeten am Freitag auch das Berliner Publikum so richtig an. Selbst als ALBA mit zehn Punkten zurücklag, meldeten sich die Fans nach einem kurzen Durchatmen lautstark zurück. Als die Spieler dann auch sportlich wieder lieferten, brannte die Halle so richtig.
„Als wir den Run hatten, hat das auch München gemerkt. Da hat die Halle richtig gebebt und dann schüchtert es den Gegner auf jeden Fall gut ein“, sagte ALBA-Star Michael Rataj.
Kayil ergänzte: „Es war eine sensationelle Leistung von den Fans, die haben uns sehr, sehr gepusht in schwierigen Phasen und waren da, wenn wir sie brauchten. Dadurch konnten wir das Spiel auf unsere Seite bringen.“
Gerade bei den Fans ist die Euphorie nach dem begeisternden Sieg in Spiel vier jetzt natürlich extrem groß. Der Traum von der sensationellen Meisterschaft lebt.
Holt ALBA tatsächlich die Meisterschaft?
Doch damit dies klappt, braucht es erstmal noch einen Sieg im entscheidenden Match. Die Playoffs haben gezeigt, dass ALBA Spiel fünf kann. Sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale siegten die Berliner mit 3:2.
Im Vergleich zum Finale hatte ALBA in den Spielen aber eben sein frenetisches Heimpublikum im Rücken. Jetzt steigt dieses in München. Speziell im SAP Garden sind die Bayern auch extrem heimstark.
Allerdings gelang auch den Berlinern in der Finalserie schon ein Auswärtssieg. Wohl auch deshalb zeigten sie sich extrem selbstbewusst und voller Vorfreude. „Geilere Spiele gibt es nicht im Leben. Da werden wir alle alles tun, dass wir am Sonntag mit 100 Prozent angreifen können“, betonte Malte Delow.
Top-Talent Kayil, der sich schon im Vorfeld der Finals selbstbewusst gezeigt hatte, machte im Gespräch mit SPORT1 sogar eine kleine Meisteransage: „Ich bin sehr zuversichtlich, wir haben sehr hart dafür gearbeitet, sind so ein tolles Team und da haben wir es jetzt am Ende auch mal klar verdient, uns zu belohnen.“
Egal ob mit oder ohne Meisterschaft: Die Berliner Fans werden ihre Helden ganz sicher auch am Sonntag wieder feiern. Am liebsten natürlich mit dem Pokal im Gepäck.