Svetislav Pesic gehört zweifelsohne zu den erfolgreichsten Basketballtrainern der Geschichte. Er wurde Weltmeister mit Jugoslawien 2002, Europameister mit Deutschland 1993 und EuroLeague-Sieger mit dem FC Barcelona 2003. Hinzu kommen zahlreiche Meisterschaften und Pokalsiege, auch in Deutschland mit ALBA Berlin und dem FC Bayern.

Nach seiner überraschenden Rückkehr zu den Bayern ist am Ende der Saison dann aber endgültig Schluss mit seiner Trainer-Karriere. Zuvor will Pesic aber noch einmal mit seinem Herzensverein, dem FC Bayern, Meister werden.

Svetislav Pesic trainiert nochmal den FC Bayern Basketball
Svetislav Pesic trainiert nochmal den FC Bayern BasketballSvetislav Pesic trainiert nochmal den FC Bayern Basketball© IMAGO/Aleksandar Djorovic

Warum ihm die Münchener so wichtig sind, erklärte Pesic im exklusiven Interview. Die Trainer-Ikone nahm sich nach der Präsentation seiner Autobiografie „Svetislav Pesic. Immer weiter“ ausführlich Zeit für SPORT1.

Der 76-Jährige sprach auch darüber, warum er im Vorfeld der EM 1993 fast als Trainer hingeschmissen hätte, was die Zusammenarbeit mit NBA-Superstar Nikola Jokic so einfach macht und was dem FC Bayern Basketball noch fehlt, um dauerhaft ein europäisches Spitzenteam zu werden.

Pesic enthüllt: Vor EM 1993 wollte ich zurücktreten

SPORT1: Hallo Herr Pesic, ihre Autobiografie „Svetislav Pesic. Immer weiter.“ ist gerade erschienen. Gibt es eine besondere Anekdote, auf die sich die Basketball-Fans im Buch freuen können?

Svetislav Pesic: Es gibt viele spannende Anekdoten, aber eine, die mir gleich einfällt, ist eine Geschichte rund um die Europameisterschaft 1993, als wir in München mit Deutschland den EM-Titel gewonnen haben. Wir waren vor dem Turnier im Trainingslager in Bad Griesbach, hatten uns als Mannschaft mit sehr guter Team-Chemie gut entwickelt . Zu unserem Kader sollte auch Christian Welp gehören, der dann aber die DBB-Geschäftsstelle informiert hatte, dass er später anreist, weil er noch in den USA war. Als ich das gehört habe, habe ich gesagt: Das kommt nicht infrage. Ich habe immer meine klare Philosophie und die war immer, dass kein Spieler wichtiger ist als die Mannschaft. Natürlich war er NBA-Spieler und deshalb hat mich das DBB-Präsidium damals eingeladen, um mich zu überzeugen, ihn trotzdem mit zur EM zu nehmen. Ich habe dann aber zunächst klar gesagt: Ich bin bereit, einen Spieler zu verlieren, bin aber nicht bereit, so die Mannschaft zu verlieren. Das war klar mein letztes Wort. Das Präsidium hat aber deutlich gesagt, dass Welp spielen muss. Als ich die Sitzung verlassen habe und mit dem Auto aus Frankfurt weggefahren bin, habe ich überlegt, ob ich jetzt zurück nach Bad Griesbach ins Trainingslager fahre oder ob ich gleich zu meiner Familie fahre und von da gemeinsam nach Jugoslawien. Ich habe klar überlegt, ob ich als Bundestrainer aufhöre.

SPORT1: Im Endeffekt haben Sie sich dazu entschieden, Welp mitzunehmen und auch selbst Trainer zu bleiben. Wie kam es dazu?

Pesic: Ich war in einem echten Dilemma und habe lange mit mir gekämpft, was ich machen soll. Dann habe ich meinen alten Freund und ehemaligen Bundestrainer Branimir Volfer angerufen und ihn gefragt, was ich machen soll. Er hat mir dann gesagt: Herr Pesic, darf ich Ihnen einen Ratschlag geben? Und ich meinte daraufhin: Sie dürfen mir alles sagen. Seine Reaktion: Wenn Sie ein sehr guter Trainer werden wollen, müssen Sie ab und zu ordentlich einstecken können. So ist das Leben des Trainers. Ich habe anschließend die Entscheidung getroffen, zurück ins Trainingslager nach Bad Griesbach zu fahren. Die ganze Fahrt über habe ich gedacht: Wie löse ich diese Situation? Wie kann ich die Mannschaft nicht verlieren und wie kann ich auch mein Gesicht nicht verlieren? Dort angekommen, habe ich meinen Kapitän Hansi Gnad und meinen Co-Kapitän Armin Andres zu mir geholt, um mich mit ihnen zu besprechen. Da habe ich Hansi gesagt: Pass auf, Hansi, du bist Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Ich bin zwar Bundestrainer, aber weißt du, ich bin Jugoslawe. Das ist zwar meine Mannschaft, aber das ist eben eure Nationalmannschaft. Ihr müsst die Entscheidung treffen. Er hat danach eine Mannschaftsbesprechung organisiert, die nur fünf Minuten gedauert hat. Bei einer so kurzen Besprechung habe ich gedacht, dass es nur eine Entscheidung geben kann, nämlich, dass wir Chris Welp nicht brauchen. Und dann kommt er zu mir und sagt: Pass auf Coach, wir brauchen dich, wir brauchen aber auch Chris. Daraufhin habe ich gesagt: Okay, wenn ihr ihn braucht, ist das eure Entscheidung, und dann brauche ich ihn als euer Trainer auch. Er ist dann später gekommen und hat am Anfang auch echt schlecht gespielt. Aber am Ende ist er im Finale dann wichtig geworden und hat den entscheidenden Wurf getroffen. Gott sei Dank war er da und wir sind Europameister geworden. Aber so ist das ab und zu im Leben des Trainers (lacht).

Svetislav Pesic veröffentlichte seine Autobiografie
Svetislav Pesic veröffentlichte seine AutobiografieSvetislav Pesic veröffentlichte seine Autobiografie© Edel Sports

„Nikola Jokic war schon speziell“

SPORT1: Sie haben die Spieler schon angesprochen. Es gab viele herausragende Profis, die Sie trainiert haben. Gibt es da jemanden, der besonders herausgestochen ist?

Pesic: Es gab so viele Spieler. Da fällt es mir echt schwer, jemanden herauszustellen. Da waren schon viele tolle Spieler dabei. Zum Beispiel Henrik Rödl, bei den Bayern Vladimir Lucic, Henning Harnisch, Hansi Gnad oder bei Barcelona Juan Carlos Navarro. Bei allen hat es viel Spaß gemacht, sie zu trainieren, und bei allen macht es auch jetzt noch Spaß, sie wiederzutreffen. Am Ende gab es aber noch ein Highlight, das muss ich ehrlich sagen. Nikola Jokic war schon speziell. Natürlich ist Nikola einer der besten Spieler der Welt. Aber das ist nicht seine beste Qualität. Nikola ist der beste Mannschaftsspieler. Er ist ein Spieler, der wirklich alle besser macht. Bei ihm ist in jedem Training immer zu 100 Prozent der Fokus da. Er kommt immer mindestens eine halbe Stunde vor dem Trainingsbeginn, um sich mental und physisch vorzubereiten, Krafttraining oder individuelles Training zu machen. Nach dem Training bleibt er immer noch mindestens 30 Minuten und arbeitet immer weiter, immer weiter, immer weiter. Natürlich hat er großes Talent, aber er hat gezeigt, dass er ein echter Wettkämpfer ist. Um heutzutage immer der Beste sein zu können, braucht man einfach diese uneingeschränkte Arbeitseinstellung, immer besser werden zu wollen. So hat er es geschafft, sein Talent in unglaubliche Qualität umzuwandeln. Genauso sind die besten Spieler.

Svetislav Pesic schwärmt von der Arbeit mit Nikola Jokic
Svetislav Pesic schwärmt von der Arbeit mit Nikola JokicSvetislav Pesic schwärmt von der Arbeit mit Nikola Jokic© IMAGO/Eibner

SPORT1: Aktuell sind Sie wieder Trainer des FC Bayern Basketball. Welchen Stellenwert hat der FC Bayern in Ihrem Leben?

Pesic: Der Verein hat einen unheimlich großen Stellenwert, deshalb bin ich auch wieder da. Bei keinem anderen Angebot wäre ich wieder zurückgekommen auf die Trainerbank. Eigentlich wollte ich meine Zeit nutzen, um etwas zu reisen und vielleicht ein paar Dinge für die FIBA zu machen. Aber als Herr Hainer (Bayern-Präsident, Anm. d. Red.) mich gefragt hat, habe ich gleich zugesagt. Der FC Bayern liegt mir am Herzen. Früher habe ich immer gedacht, dass ich lebenslang in Berlin leben möchte.  Aber wie so oft im Leben hat sich auch das geändert. Jetzt lebe ich in München und genieße die Stadt, genieße es aktuell, wieder Trainer zu sein und genieße die Entwicklung, die Bayern genommen hat. Klar, wir gewinnen nicht immer und man ist auch mal enttäuscht, aber ich habe großes Vertrauen in den Verein und in die Zukunft des Vereins. Deshalb kann man sagen: Ich gehöre mit meinem kompletten Körper zum FC Bayern. Ich bin immer da, wenn ich gebraucht werde. Zudem war es in der Vergangenheit auch so, dass ich eigentlich immer da war, mindestens als Zuschauer. Ich habe im Hintergrund auch immer wieder mit Marko (Sohn Marko Pesic, Anm. d. Red.), mit Herrn Hoeneß oder Herrn Hainer gesprochen. Sie haben mich immer mal wieder nach meinen Ansichten gefragt und dann habe ich klar meine Meinung zur Entwicklung gesagt. Deshalb heißt es auch klar: Wenn wir über Basketball sprechen, dann heißt es für mich weiter, immer weiter, egal wie. Ich werde zwar in Zukunft kein Trainer mehr sein, aber werde dem Verein immer helfen, dass er sich weiter so gut entwickelt.

Svetislav Pesic und Herbert Hainer im Mai 2025
Svetislav Pesic und Herbert Hainer im Mai 2025Svetislav Pesic und Herbert Hainer im Mai 2025© IMAGO/Eibner

„Bayern ist eine der besten Organisationen in Europa“

SPORT1: Wie bewerten Sie die Entwicklung des FC Bayern Basketball zwischen jetzt und Ihrer ersten Zeit als Trainer?

Pesic: Der FC Bayern ist auch im Basketball definitiv eine der besten Organisationen in Europa. Das sagen auch alle anderen Vereine, egal ob in Spanien, Italien, Griechenland, Serbien oder der Türkei. Unser einziges Problem ist, dass wir die besten Spieler, die sich bei Bayern zu Top-Spielern entwickelt haben, sehr oft nicht halten können, weil sie bei anderen Vereinen deutlich mehr Geld bekommen. Deswegen fehlt es uns oft an Kontinuität. Solche Spieler kontinuierlich zu entwickeln und dann bei Bayern zu halten, ist leider oft nicht möglich. Wenn man bedenkt, wer alles schon hier gespielt hat. Wären die alle hiergeblieben, wäre das definitiv eine Mannschaft, die im Final Four der EuroLeague spielen würde. In den vergangenen Jahren ist sehr viel Geld in den europäischen Basketball gekommen. Wo das immer herkommt, frage ich mich oft. Aber da können wir leider noch nicht immer mithalten.

SPORT1: Gibt es denn Möglichkeiten, wie der FC Bayern trotzdem konstant mit der europäischen Spitze mithalten kann?

Pesic: Bayern München braucht Kontinuität. Eine Möglichkeit, dafür zu sorgen, könnte eine noch bessere Jugendarbeit sein. Dafür baut Bayern jetzt auch ein Performance-Zentrum. Das soll 2028 fertig sein. Es soll ein Konzept wie bei den Fußballern geben, damit langfristig auch mehr Spieler aus unserer eigenen Jugend zu den Profis kommen. Dann kann man es irgendwann auch schaffen, konstant mit den besten Mannschaften in Europa mitzuhalten und sogar in Europa konstant zu gewinnen.

„Bayern muss dahin kommen, dass man immer ums Final Four kämpft“

SPORT1: Also trauen Sie Bayern in Zukunft auch zu, das Final Four der EuroLeague zu erreichen?

Pesic: Das ist möglich und das ist auch das Ziel. Bayern hat in den vergangenen Jahren schon viele Ziele erreicht und das Final Four der EuroLeague sollte das nächste sein. Wir sind hier immerhin in München, wir sind der FC Bayern. Ich möchte uns nicht zu sehr mit den Fußballern vergleichen, aber irgendwann müssen wir auch im Basketball in einen ähnlichen Bereich kommen. Bayern München muss in die Situation kommen, dass man immer ums Final Four kämpft.

Svetislav Pesic wurde 2014 mit Bayern Meister
Svetislav Pesic wurde 2014 mit Bayern MeisterSvetislav Pesic wurde 2014 mit Bayern Meister© IMAGO/Bernd König

SPORT1: Abschließend zu Ihnen persönlich zurück. Es wird Ihre letzte Saison als Trainer sein. Können Sie sich vorstellen, dem Verein auch nach der Saison in anderer Funktion erhalten zu bleiben?

Pesic: Der Plan ist, dass es immer weitergeht. Früher, als ich jünger war, habe ich immer im olympischen Zyklus, also für vier Jahre, geplant. Jetzt plane ich kurzfristiger. Ich möchte jetzt erstmal alles dafür tun, um mit den Spielern diese Saison die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Irgendwann kommt die Zeit, dass man auch mal was anderes machen muss, speziell privat. Trainer werde ich nicht mehr sein, aber ich möchte trotzdem im Basketball bleiben. Wie genau, weiß ich noch nicht. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dem FC Bayern in einer anderen Funktion erhalten zu bleiben. In München werde ich sowieso bleiben, warum dann nicht auch bei den Bayern? In welcher konkreten Funktion, weiß ich noch nicht. Darüber werden wir sprechen, aber erst nach der Saison. Jetzt ist unser gesamter Fokus darauf gerichtet, Meister zu werden.