Eine WM mit 64 Mannschaften, der Verkauf von Anteilen am größten Fußballturnier der Welt an private Investoren – FIFA-Präsident Gianni Infantino sorgt mit seinen Ideen für Diskussionen. Die Kritik an seinem Kurs wird immer lauter. Nun äußert sich auch Ex-Nationalspieler Carsten Ramelow zu den Plänen des Weltverbands.

Der 52-Jährige prägte von 1996 bis 2008 die erfolgreiche Ära von Bayer Leverkusen und absolvierte insgesamt 430 Pflichtspiele für den Klub. Im Interview mit SPORT1 spart der Präsident der Spielergewerkschaft VDV nicht mit Kritik an der FIFA unter Präsident Gianni Infantino und findet deutliche Worte zur Entwicklung des Fußballs.

Carsten Ramelow sieht die Entwicklung im Fußball negativ
Carsten Ramelow sieht die Entwicklung im Fußball negativCarsten Ramelow sieht die Entwicklung im Fußball negativ© IMAGO/Matthias Koch

SPORT1: Herr Ramelow, aktuell gibt es große Aufruhr um die FIFA. Präsident Gianni Infantino möchte Anteile der WM an private Investoren verkaufen. Wie ist Ihre Haltung zu solchen Plänen?   

Ramelow: Als ich das gehört habe, war ich ehrlich gesagt nicht wirklich verwundert, dass jetzt der nächste Schritt kommt. Irgendwie war das zu erwarten. Ich habe das auch schon des Öfteren kritisiert – sowohl in meiner Funktion als Präsident der Spielergewerkschaft als auch als ehemaliger Spieler und auch privat aus meiner Sicht. Wenn man so weitermacht und so agiert, muss irgendwann der große Knall kommen. Deshalb hat es mich nicht überrascht, dass jetzt schon wieder die nächste Idee um die Ecke kommt. Wir haben es bei der WM gesehen, was dort wieder passiert ist, und das Ganze läuft ja schon seit ein paar Jahren so. Wirklich überrascht war ich deshalb nicht.  Und aus diesen Gründen haben wir, als die Spielergewerkschaft VDV, im vergangenen Jahr bereits eine Beschwerde gegen die FIFA bei der Europäischen Kommission eingereicht.

Ramelow: „Infantino macht am Ende, was er will“

SPORT1: Die UEFA hat inzwischen angekündigt, dass alle 55 Nationalverbände die Weltmeisterschaften im Falle eines Investorendeals boykottieren werden. Was muss noch passieren?

Ramelow: Die Top-Ligen in Europa müssen jetzt zusammenhalten und auch wirklich einmal ein klares Zeichen setzen. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder kritische Stimmen gegenüber der FIFA gehört – von Spielern, Funktionären und Trainern. Das war auch gut. Aber am Ende müssen wir uns doch fragen: Was ist denn passiert? Gar nichts. Wir haben es bei der WM gesehen. Regeln, die zuvor aufgestellt wurden, wurden plötzlich wieder zurückgenommen oder einfach ignoriert. Es gab einen kurzen Aufschrei, aber letztlich ist nichts passiert. Im Grunde geht die FIFA ihren Weg weiter. Infantino macht am Ende doch das, was er will. Es gibt zwar kritische Stimmen, aber jetzt muss man ins Handeln kommen und ein deutliches Zeichen setzen. Wenn die FIFA diesen Weg weitergeht und weiter so provoziert, dann kommt irgendwann der Knall. Irgendwann kommt auch der große Aufschrei. Und wenn es jetzt nicht passiert – wann dann? Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem es reicht, nur darüber zu reden oder Kritik zu üben. Jetzt wird es Zeit, dass wir uns dagegen wehren. 

SPORT1: Was gäbe es zusätzlich zu dem Boykott noch für Alternativen, die der FIFA wirklich mal die Augen öffnen, was gibt es für Möglichkeiten für die Verbände?   

Ramelow: Die einzelnen Verbände sind Mitglieder der FIFA. Deshalb könnte man theoretisch auch die Mitgliedschaft kündigen und aus der FIFA austreten. Solche Überlegungen muss man jetzt durchaus anstellen. Das ist bei dem Verhalten der FIFA aus meiner Sicht auch völlig nachvollziehbar. Für die einzelnen Verbände wäre das natürlich ein schwieriger Schritt. Deshalb ist dieser Zusammenhalt in Europa mit den Top-Ligen so wichtig. Das ist eine starke Position, die man gemeinsam hat. Wenn Frankreich, England, Deutschland, Spanien und Italien sagen: ‘Wir machen bei dem Ganzen nicht mehr mit‘, hätte die FIFA auf jeden Fall ein Problem. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem viele mitbekommen haben, was bei der FIFA los ist. Mich wundert nur, dass es erst jetzt passiert. Die Anzeichen waren schon vor ein paar Jahren da, trotzdem war es bis jetzt doch alles relativ ruhig.  

Ramelow fordert: „Die Spieler müssen mit einbezogen werden“

SPORT1: Als Präsident der Spielergewerkschaft VDV stehen Sie auch im engen Austausch mit den Spielern. Wie nehmen diese die aktuellen Entwicklungen wahr?  

Ramelow: Ich habe damals auch viele Spiele absolviert. Das kann man vielleicht ein Jahr lang durchhalten. Aber das Pensum, das die Spieler heutzutage haben, ist schon extrem – und sie müssen das über Jahre hinweg bewältigen. Jetzt wird sogar über eine WM mit 64 Mannschaften nachgedacht, das nächste Turnier findet auf drei Kontinenten statt. Natürlich gibt es dazu auch kritische Stimmen von den Spielern, und das ist absolut richtig. Das Problem ist aber auch: Wenn sich einzelne Spieler äußern, ist das immer schwierig. Im Kollektiv hat das eine andere Wucht. Das müssen sich die Spieler bewusst machen – genauso wie die Verbände. Es ist etwas anderes, wenn sich nur der DFB allein äußert. Und so ist es bei den Spielern auch. Am Ende sind es die Spieler, die das alles auf dem Platz umsetzen müssen – ohne dabei ein Mitspracherecht zu haben. Genau das ist uns als Gewerkschaft immer wichtig gewesen.  Wenn man über Veränderungen im Fußball nachdenkt, dann müssen die Spieler eigentlich mit einbezogen werden. Das ist bisher aber noch nie passiert.  In den vergangenen Jahren hat sich der Fußball insgesamt aus meiner Sicht nicht gut entwickelt. Man denkt eigentlich immer, schlimmer kann es nicht werden. Aber wie wir in den letzten Tagen gesehen haben, geht es offenbar doch noch schlimmer. 

Carsten Ramelow erlebte eine erfolgreiche Zeit bei Bayer Leverkusen
Carsten Ramelow erlebte eine erfolgreiche Zeit bei Bayer LeverkusenCarsten Ramelow erlebte eine erfolgreiche Zeit bei Bayer Leverkusen© IMAGO/Uwe Kraft

SPORT1: Hat das alles überhaupt noch etwas mit dem Fußball zu tun, den wir alle in der Vergangenheit lieben gelernt haben?  

Ramelow: Nein, nein, nein – ganz klar: nein! Ich finde es ganz schlimm, was in den letzten Jahren passiert ist. Die Entwicklung des Fußballs ist wirklich schwer mit anzusehen. Das ist jetzt der nächste negative Höhepunkt. Es wird Zeit, dass man dem wirklich entgegenwirkt. Ich glaube aber, dass jetzt etwas in Bewegung kommt. Man sieht es schon an den Reaktionen. Und wenn es jetzt nicht passiert, kommt spätestens bei der nächsten Situation der Punkt, an dem etwas passieren wird. Davon bin ich überzeugt. Die FIFA konnte nur deshalb so handeln, weil es bislang keinen wirklichen Gegenwind gab bzw. man letztlich nicht ins Handeln gekommen ist.

„Der Fußball ist doch schon längst verkauft“

SPORT1: Aber Sie sind zuversichtlich, dass jetzt bald der große Knall kommt?  

Ramelow: Ich hoffe es. Was soll denn noch passieren? Wir sind schon längst über den Punkt hinaus. Mich hat es gewundert, dass man trotz allem immer noch weitergemacht und das Ganze mitgetragen hat. Jetzt bin ich gespannt, was passiert. Aber noch einmal: Der Fußball ist doch schon längst verkauft. Wenn wir uns die WM anschauen, mit dieser Halbzeitshow – so etwas schaue ich mir gar nicht mehr an. Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun. Tief im Herzen bin ich schließlich auch immer noch Fußballer – auch wenn ich heute zugleich Fan und Beobachter bin. Gerade deshalb möchte ich die Spieler unterstützen und dazu beitragen, dass sich der Fußball in die richtige Richtung entwickelt. Und deswegen ist es einfach nur schlimm, mit anzusehen, in welche Richtung wir uns in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Der Fußball ist uns schon längst verloren gegangen.