Für Alica Schmidt hat sich der Wechsel von den 400 Metern auf die doppelte Distanz auch in ihrer zweiten Saison noch nicht ausgezahlt. Die 27-Jährige verpasste am Samstagnachmittag in Wattenscheid das Finale bei den Deutschen Meisterschaften erneut knapp.
In 2:05,75 Minuten fehlten der 26-Jährigen wie schon im Vorjahr wenige Zehntelsekunden auf den Endlauf. Entsprechend groß war die Enttäuschung nach dem Rennen.
Dennoch bereut Deutschlands bekannteste Leichtathletin ihren Distanz-Wechsel keineswegs. Im SPORT1-Interview spricht Schmidt über ihre Schwierigkeiten auf der neuen Strecke, warum sie trotz der Rückschläge weiter an das Projekt glaubt, was sie von Ausnahmeathletin Femke Bol lernen kann – und ob eine Rückkehr auf die 400 Meter für sie überhaupt infrage kommt.
„Habe noch extremen Aufholbedarf“
SPORT1: Frau Schmidt, wie vergangenes Jahr fehlen Ihnen wieder nur ein paar Zehntel zur Finalteilnahme über 800 Meter. Wie ist das Rennen aus Ihrer Sicht verlaufen?
Alica Schmidt: Bei mir sind vor allem die letzten 100 bis 200 Meter noch extrem schwerfällig. So genau kann ich gar nicht einordnen, woran das liegt, weil ich in den vergangenen Wochen wirklich sehr gut trainiert habe. Natürlich habe ich noch extremen Aufholbedarf. Das sehe ich auch in meiner Trainingsgruppe und wie stark die europäische Spitze ist. Trotzdem bin ich mit meiner Saisonbestzeit (2:04,33 Minuten, Anm. d. Red.) überhaupt nicht zufrieden. Ich habe jetzt noch ein paar Rennen vor mir und hoffe, dass ich noch einmal einen guten Trainingsblock absolvieren kann. Am Ende der Saison müssen wir dann genau analysieren, woran es gelegen hat.
SPORT1: Heißt das auch, dass es möglicherweise schon Ihre letzte Saison als 800-Meter-Läuferin sein könnte?
Schmidt: Darüber denke ich im Moment überhaupt nicht nach. Ich finde die 800 Meter richtig cool und kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das schon alles gewesen sein soll, was ich auf dieser Strecke zeigen kann. Trotzdem muss man natürlich überlegen, wie es im Training weitergeht und was wir vielleicht verändern müssen. Denn irgendetwas scheint im Moment noch nicht ganz zu passen.
SPORT1: Aber was genau fehlt, wissen Sie nicht?
Schmidt: Ich konnte neue Reize setzen und habe im Training viele Fortschritte gemacht. Vor allem im Ausdauerbereich habe ich mich enorm entwickelt. Das kann theoretisch sogar den 400 Metern helfen, weil sich beispielsweise die VO2max verbessert. Solche Inhalte haben wir früher kaum trainiert. Deshalb war dieser Schritt für mich extrem wertvoll. Jetzt müssen wir nur herausfinden, welcher Trainingsweg langfristig der richtige ist.
SPORT1: Sie bereuen den Wechsel von den 400 auf die 800 Meter also nicht?
Schmidt: Nein, überhaupt nicht. Ich bereue diesen Schritt auf gar keinen Fall. Im Gegenteil: Ich hätte es mein Leben lang bereut, wenn ich es nicht ausprobiert hätte. Ich hätte mich immer gefragt: Was wäre gewesen, wenn?
„Oh Gott, was mache ich hier eigentlich?“
SPORT1: Gab es bei Ihnen im Training Momente, in denen Sie gedacht haben: „Jetzt macht es Klick über 800 Meter“?
Schmidt: Ja, solche Momente gab es durchaus. Es gab aber genauso Tage, an denen ich gedacht habe: „Oh Gott, was mache ich hier eigentlich?“ Das schwankt im Moment sehr stark. So etwas kannte ich von den 400 Metern überhaupt nicht. Am schwersten fällt mir momentan dieses lockere ökonomische Laufen. Ich dachte eigentlich immer, dass mir das leichtfällt. Wenn ich alleine laufe, klappt das auch ganz gut. Aber sobald ich mitten im Feld laufe, verliere ich manchmal meinen eigenen Rhythmus. Dann mache ich mir meinen Schritt kaputt. Genau daran muss ich noch arbeiten. Ich muss lernen, auch im Feld meinen eigenen Laufstil beizubehalten.
SPORT1: Könnten Sie trotzdem vorstellen, irgendwann wieder auf die 400 Meter zurückkehren – vielleicht schon mit Blick auf die 4×400-Meter-Staffel für Los Angeles?
Schmidt: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich versuche wirklich, im Hier und Jetzt zu bleiben. Ich möchte in dieser Saison aber auf jeden Fall noch einmal die 400 Meter laufen, einfach um zu sehen, wo ich aktuell stehe. Ich glaube zwar nicht, dass ich dort sofort wieder an meine Bestleistungen herankomme, weil wir im Training den Fokus ganz klar auf die Ausdauer für die 800 Meter gelegt haben. Trotzdem ist das für mich ein wichtiger Gradmesser. Wenn ich über 400 Meter im Moment gar nicht gut laufe, könnte das auch erklären, warum es über 800 Meter noch nicht so funktioniert.
Femke ist einfach ein Jahrhunderttalent
SPORT1: Femke Bol macht im Moment vor, wie gut man von den 400 auf die 800 Meter wechseln kann. Schaut man sich so etwas besonders genau an?
Schmidt: Natürlich. Mein Trainer Louis ist mit Femkes Trainer gut befreundet. Dadurch bekommt man schon das eine oder andere mit. Aber man muss auch ehrlich sagen: Femke ist einfach ein Jahrhunderttalent. Was sie im Training leistet, ist unfassbar. Sie hatte schon als 400-Meter-Hürdenläuferin eine außergewöhnlich hohe VO2max. Deshalb bringt sie für die 800 Meter natürlich enorme Voraussetzungen mit. Das wird ihr langfristig sicher noch mehr helfen. Trotzdem ist es Wahnsinn, was sie schon im ersten Jahr auf dieser Strecke geschafft hat. Ich glaube, damit haben die wenigsten gerechnet.
SPORT1: Wenn man Bol zuschaut, sieht es oft gar nicht so aus, als müsste sie sich besonders quälen …
Schmidt: Das ist wirklich unfassbar. Sie hat einfach einen extrem ökonomischen Laufstil. Ich meine sogar gelesen zu haben, dass sie von ihren Körpermaßen nahezu ideale Voraussetzungen für die 400 Meter Hürden mitbringt. Das ist schon beeindruckend.