Direkt neben Günter Netzer und Jupp Heynckes hat Berti Vogts seinen Ehrenplatz im Borussia-Park. Dort hat SPORT1 Berti Vogts, der in diesem Jahr 80 wird und nur noch selten Interviews gibt, zum Exklusiv-Gespräch getroffen.
Der frühere Bundestrainer erklärt seine Sicht auf die WM, Jürgen Klopp, die Trainerausbildung in Deutschland, Lothar Matthäus, Franz Beckenbauer und seine eigene tiefe Verbundenheit zu Borussia Mönchengladbach.
Darum nimmt Berti Vogts nach dem WM-Debakel Julian Nagelsmann in Schutz
SPORT1: Herr Vogts, die WM ist mit dem 1:0-Sieg von Spanien gegen Argentinien zu Ende gegangen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Turnier?
Berti Vogts: Vor dem ersten Anstoß war ich sehr optimistisch. Aber von Spiel zu Spiel wurde ich immer enttäuschter. Ich habe mich gefragt: Warum spielen wir international einen so schwachen Fußball? Warum war diese Weltmeisterschaft insgesamt auf keinem hohen Niveau? Ich wollte eigentlich selbst hinfliegen. Aber als ich gesehen habe, was das kosten sollte – allein die langen Flugdistanzen, dazu die Hotels und völlig überteuerte Eintrittskarten –, habe ich mich dagegen entschieden.
SPORT1: Deutschland ist bereits im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Was war aus Ihrer Sicht der Hauptgrund für das frühe WM-Aus?
Vogts: Bitte machen Sie jetzt nicht den Bundestrainer allein verantwortlich. Die Nationalmannschaft arbeitet nur wenige Tage zusammen. Die Grundlagen werden in den Vereinen gelegt – und dort sind die Trainer jeden Tag mit den Spielern auf dem Platz. Deshalb müssen wir über die Trainerausbildung sprechen. Da werden im deutschen Fußball Fehler gemacht. Der DFB muss sich ehrlich fragen, ob unsere Trainerausbildung noch den Anforderungen des modernen Fußballs entspricht. Ob sie wirklich noch zu den besten der Welt gehört, stelle ich jedenfalls infrage.
„Habe manchmal den Eindruck, dass starke Charaktere gar nicht mehr gewünscht sind“
SPORT1: Der Nationalmannschaft schien bei dieser WM eine echte Führungspersönlichkeit zu fehlen. Immer wieder verweisen Sie auf Spieler wie Günter Netzer oder Franz Beckenbauer. Entstehen solche Führungsspieler heute überhaupt noch?
Vogts: Natürlich entstehen solche Spieler noch. Aber man muss sie auch wachsen lassen. Früher hatten wir in fast jeder Mannschaft einen echten Chef. In Mönchengladbach war das Günter Netzer, in München Franz Beckenbauer. Solche Persönlichkeiten gab es überall. Heute habe ich manchmal den Eindruck, dass starke Charaktere gar nicht mehr gewünscht sind. Vielleicht haben manche Trainer Angst davor, dass eine große Persönlichkeit in der Kabine auch einmal widerspricht. Dabei braucht jede Spitzenmannschaft genau solche Spieler. Trainer müssen solche Persönlichkeiten fördern und einen Widerspruch aushalten. Ein Trainer muss Spieler nicht nur besser machen, sondern auch Persönlichkeiten entwickeln.
SPORT1: Ist das WM-Aus für Sie eine einmalige Enttäuschung oder Ausdruck grundsätzlicher Probleme im deutschen Fußball?
Vogts: Leider sehe ich darin grundlegende Probleme. Das betrifft nicht nur die Nationalmannschaft, sondern den deutschen Fußball insgesamt. Früher war der Trainer die wichtigste Bezugsperson eines Spielers. Heute steht oft der Berater an erster Stelle. Und wenn es um Geld geht, hören viele Spieler eher auf ihren Berater als auf ihren Trainer. Das halte ich für einen falschen Weg.
Woran ist Deutschland bei der WM gescheitert? „Am Miteinander“
SPORT1: Toni Kroos sagte nach dem Finale, der Fußball habe gewonnen, weil Spanien den Titel mit seiner spielerischen Qualität verdient habe. Stimmen Sie ihm zu?
Vogts: Ja, Spanien ist ein verdienter Weltmeister. Trotzdem hat mich das Finale enttäuscht. Ich hätte mir ein anderes fußballerisches Endspiel gewünscht. Spanien ist seit Jahren eine große Fußballnation. Davon können wir lernen.
SPORT1: Bleibt die entscheidende Frage: Woran ist Deutschland bei dieser WM letztlich gescheitert?
Vogts: Am Miteinander. Fußball ist ein Mannschaftssport. Man muss miteinander spielen, miteinander kämpfen und füreinander da sein. Dieses Gefühl habe ich bei der deutschen Mannschaft vermisst. Wenn ich dann noch höre, was nach den Spielen alles gesagt wird, macht mich das als ehemaliger Trainer traurig. Ich bin enttäuscht, wie sich der deutsche Fußball in manchen Bereichen entwickelt hat.
„Klopp ist für mich die beste Lösung“
SPORT1: Mit Jürgen Klopp dürfte der DFB schon in dieser Woche einen neuen Bundestrainer präsentieren. Für viele gilt er als Wunschlösung.
Vogts: Wen sollte man denn sonst nehmen? Klopp ist für mich die beste Lösung. Aber er darf die Aufgabe nicht allein schultern. Er braucht starke Fußballpersönlichkeiten an seiner Seite.
SPORT1: Wen meinen Sie?
Vogts: Rudi Völler zum Beispiel. Er muss noch näher an die Mannschaft heran. Er sollte mit den Spielern sprechen, ihnen sagen, was gut ist und was besser werden muss. Genau dafür braucht man erfahrene Fußballmenschen.
Vogts: „Ich habe Matthias Sammer angerufen“
SPORT1: Sie haben zuletzt auch Matthias Sammer als wichtigen Mann für den DFB ins Spiel gebracht.
Vogts: Ja, weil Matthias dem deutschen Fußball helfen kann. Ich habe ihn sogar angerufen und gesagt: „Matthias, du musst dem DFB helfen.“ Er kennt den Fußball bis ins Detail. Und er weiß auch, wie man die Spieler zwölf bis zwanzig mitnimmt. Genau das macht eine große Trainerpersönlichkeit aus. Er weiß, wie man mit Führungsspielern umgeht, aber genauso mit den Spielern, die nicht immer in der Startelf stehen. Genau solche Persönlichkeiten braucht unsere Nationalmannschaft.
SPORT1: Würde Klopp den deutschen Fußball grundlegend verändern können?
Vogts: Er kann viel bewegen. Aber er braucht die Unterstützung der Vereine. Die Nationalmannschaft arbeitet nur wenige Tage zusammen. Entscheidend ist die tägliche Arbeit in den Klubs. Deshalb würde ich als Erstes alle Bundesliga-Trainer an einen Tisch holen.
SPORT1: Warum?
Vogts: Das haben wir früher regelmäßig gemacht. Zweimal im Jahr haben wir uns zusammengesetzt und darüber gesprochen, was wir von Nationalspielern erwarten und welche Inhalte vermittelt werden müssen. Nur wenn Nationalmannschaft und Vereine dieselbe Sprache sprechen, entwickelt sich ein Land im Fußball weiter.
„Deshalb tut mir Julian Nagelsmann leid“
SPORT1: Kann Klopp allein die Probleme lösen?
Vogts: Nein. Kein Bundestrainer kann das allein. Wir müssen auch die Trainerausbildung hinterfragen. Ich habe den Eindruck, dass wir dort in den vergangenen Jahren einiges vernachlässigt haben. Früher gab es einen Trainer und vielleicht einen Co-Trainer. Heute gibt es Spezialtrainer für alles Mögliche. Aber entscheidend ist doch, dass der Cheftrainer den Fußball vermitteln kann. Junge Trainer sollten an sich glauben und ehrlich bleiben. Sie sollten Menschen um sich haben, denen sie wirklich vertrauen können.
SPORT1: Können Sie mit Julian Nagelsmann mitfühlen?
Vogts: Natürlich. Jeder Trainer weiß, wie schnell sich die Stimmung drehen kann. Deshalb tut mir Julian Nagelsmann leid. Ich finde auch, dass teilweise sehr hart mit ihm umgegangen wurde. Aber als Trainer muss man lernen, damit umzugehen. Wichtig ist, dass man weiß, was man kann und wie man eine Mannschaft führt – nicht nur elf Spieler, sondern eine Gruppe von mehr als 20 Profis. Das ist die eigentliche Aufgabe eines Bundestrainers.
So blickt Berti Vogts heute auf seine Zeit beim DFB
SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre eigene Arbeit heute gerechter bewertet wird als früher?
Vogts: Ich glaube tatsächlich, dass dies so ist. Ich bekomme heute noch täglich wertschätzende Post und Mails.
SPORT1: Viele sehen Ihre Arbeit heute mit Abstand deutlich positiver als noch vor einigen Jahren.
Vogts: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Aber vielleicht wäre es sinnvoll, wenn sich ehemalige Nationaltrainer und Fußballpersönlichkeiten einmal im Jahr zusammensetzen würden. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Aber man sollte miteinander über den deutschen Fußball sprechen.
SPORT1: Oft wird über Ihre Zeit als Bundestrainer gesprochen. Dabei gerät fast in Vergessenheit, wie erfolgreich Sie zuvor gemeinsam mit Holger Osieck im Nachwuchs gearbeitet haben. Unter Ihrer Verantwortung wurden Spieler wie Lothar Matthäus, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Bodo Illgner, Thomas Häßler, Stefan Reuter oder Andreas Brehme und viele andere Schritt für Schritt an die Nationalmannschaft herangeführt. Wird dieser Teil Ihrer Arbeit aus Ihrer Sicht manchmal unterschätzt?
Vogts: Darüber denke ich nicht nach. Aber wir haben damals versucht, junge Spieler früh zu fördern und ihnen Verantwortung zu geben. Holger Osieck und ich haben viele Talente über Jahre begleitet. Man muss einen jungen Spieler nicht nur fußballerisch besser machen, sondern ihn auch als Persönlichkeit entwickeln. Darauf haben wir großen Wert gelegt. Wenn ich sehe, welchen Weg viele dieser Spieler später gegangen sind, dann macht mich das natürlich stolz.
WM-Dokumentation? „Ich weiß, was wirklich passiert ist“
SPORT1: Hat die Dokumentation über die WM 1994 Ihren Blick auf diese Zeit verändert?
Vogts: Nein. Ich war einer von vielen Beteiligten. Natürlich sieht jeder die Geschichte anders. Aber das gehört dazu.
SPORT1: Trotzdem dürfte Sie manches daran verletzt haben.
Vogts: Das Fernsehen entscheidet selbst, was es zeigt. Ich weiß, was wirklich passiert ist. Deshalb rege ich mich darüber nicht auf.
SPORT1: Sie haben einmal gesagt: „Wenn ich über das Wasser laufe, sagen meine Kritiker: Nicht einmal schwimmen kann er.“ Beschreibt dieser Satz Ihre Zeit als Bundestrainer?
Vogts: (lacht) Den Satz fand ich immer lustig. Dabei war ich schon mit 14 Jahren Rettungsschwimmer. Schwimmen konnte ich also wirklich. Im Ernst: Kritik hat mich nie besonders beschäftigt. Viel wichtiger war für mich, was Menschen wie Helmut Schön, Hennes Weisweiler, Udo Lattek oder Günter Netzer über meine Arbeit gedacht haben.
„Franz war für mich wie ein Bruder“
SPORT1: Viele ehemalige Nationalspieler sagen heute, Ihr Anteil am WM-Titel 1990 sei lange unterschätzt worden. Sehen Sie das ähnlich?
Vogts: Franz und ich kannten uns seit unserer Jugend. Zwischen uns gab es keinen Wettbewerb darum, wer im Mittelpunkt steht. Franz war für mich wie ein Bruder. Deshalb vermisse ich ihn bis heute.
SPORT1: Hat es Sie nie gestört, dass Ihr Anteil am WM-Titel oft kleiner dargestellt wurde?
Vogts: Nein. Entscheidend war doch, dass wir Weltmeister geworden sind. Darauf bin ich stolz. Alles andere war für mich zweitrangig.
SPORT1: Würden Sie mit dem Abstand von mehr als 30 Jahren rund um die WM 1994 etwas anders machen?
Vogts: Nein. Ich würde dieselben Entscheidungen wieder treffen. Vielleicht hätte ich von dem einen oder anderen Spieler auf seiner Position noch mehr verlangt. Aber grundsätzlich bereue ich nichts.
Rat an Lothar Matthäus? „Sprich ein bisschen weniger mit deiner Lieblingszeitung“
SPORT1: Die Geschichte „Vogts gegen Matthäus“ hat den deutschen Fußball lange begleitet. War sie irgendwann größer als die sportliche Wahrheit?
Vogts: Ja, ganz sicher. Dabei vergessen viele, dass ich damals unbedingt wollte, dass Lothar Matthäus nach Mönchengladbach kommt. Er war noch ein ganz junger Spieler. Udo Lattek war zunächst nicht überzeugt. Ich bin damals zu unserem Manager gegangen und habe gesagt: „Den müssen wir verpflichten. Ich habe selten einen so talentierten 17-Jährigen gesehen.“ Am Ende bekam Lothar seinen Vertrag. Deshalb passt das Bild eines grundsätzlichen Zerwürfnisses aus meiner Sicht überhaupt nicht.
SPORT1: Was würden Sie Lothar Matthäus heute sagen?
Vogts: (lacht) Vielleicht: Sprich ein bisschen weniger mit deiner Lieblingszeitung.
Borussia Mönchengladbach? „Die beste Entscheidung meines Lebens“
SPORT1: Wir sitzen hier im Borussia-Park. Was bedeutet Borussia Mönchengladbach heute noch für Sie?
Vogts: Sehr viel. Als Junge war ich Fortuna-Düsseldorf-Fan. Von Neuss aus bin ich mit der Straßenbahn zu den Spielen gefahren. Dann kam Hennes Weisweiler und holte mich nach Mönchengladbach. Ich kannte Borussia damals kaum. Heute weiß ich: Es war die beste Entscheidung meines Lebens.
SPORT1: Kann es eine solche Vereinstreue im Profifußball heute überhaupt noch geben?
Vogts: Ich hoffe es. Ich habe hier 14 Jahre gespielt, mir etwas aufgebaut und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Borussia ist bis heute ein Teil meines Lebens.
SPORT1: Worauf sind Sie heute stolzer: Weltmeister als Trainerkollege 1990 oder Europameister als Bundestrainer 1996?
Vogts: Auf beides. Ich habe immer versucht, mein Bestes für den deutschen Fußball zu geben. Mehr kann man als Trainer nicht verlangen.
SPORT1: Was war der glücklichste Moment Ihrer Karriere?
Vogts: Ganz klar: der WM-Titel 1974 in Deutschland und 1990 mit Franz Beckenbauer in Italien.
SPORT1: Franz Beckenbauer fehlt dem deutschen Fußball bis heute. Vermissen Sie ihn persönlich?
Vogts: Ja. Sehr sogar. Und für Franz gab es im Fußball immer nur das Gewinnen.
Berti Vogts: „Ich bereue keine einzige Entscheidung“
SPORT1: Wenn Sie heute auf Ihre Trainerkarriere zurückblicken: Gibt es eine Entscheidung, die Sie gern anders getroffen hätten?
Vogts: Nein. Ich würde alles wieder genauso machen. Ich bereue keine einzige Entscheidung.
SPORT1: Wenn in 30 Jahren jemand den Namen Berti Vogts hört – woran soll er denken?
Vogts: An einen richtig guten Abwehrspieler und sehr guten Trainer.
SPORT1: Was wünschen Sie sich für den deutschen Fußball?
Vogts: Dass wir wieder mehr miteinander sprechen zwischen DFB, Trainern und Vereinen. Und dass wir den Mut haben, Dinge zu verändern. Deutschland gehört im Fußball nach ganz oben. Ich bin überzeugt davon, dass wir das schaffen können, wenn wir das wirklich wollen.