Arsène Wenger war während der abgelaufenen WM ständig im TV zu sehen – vor allem, wenn er häufig direkt hinter FIFA-Präsident Gianni Infantino auf der Tribüne saß.

Der Anblick des Franzosen in der Öffentlichkeit wurde in den vergangenen Jahren immer seltener. Stattdessen arbeitet er hinter den Kulissen an einer Revolution der Regeln.

Arsene Wenger treibt eine Fußball-Revolution an
Arsene Wenger treibt eine Fußball-Revolution anArsene Wenger treibt eine Fußball-Revolution an© IMAGO/Jan Huebner

Wenger treibt Regel-Revolution an

Der 76-Jährige ist seit 2019 als Direktor Entwicklung bei der FIFA dafür verantwortlich, Neuheiten im Sinne des Spiels einzuführen.

Zuvor wurde der Elsässer durch seine Zeit als Manager bei Arsenal zur Legende und wurde bei den Fans für offensiven Fußball geliebt. Nun geht er mit seinem Handeln ein großes Risiko ein. Sein Ansehen könnte bei Romantikern extrem leiden.

Wenger arbeitet an einer Revolution der Abseits-Regel. Das verkündete Infantino nach dem Endspiel zwischen Spanien und Argentinien (1:0) auch ganz offen. „Mal sehen, ob wir die Abseitsregel bis zur nächsten WM verändert haben. Dann hätten die Stürmer noch größere Chancen auf Tore – auch wenn der Torrekord bei dieser WM gebrochen wurde“, gab Infantino zu Protokoll.

In 104 Partien gab es während des Turniers 308 Tore. Das macht einen Schnitt von 2.96 Treffern pro Spiel.

Was ist das „Tageslicht-Abseits“?

Infantino hätte nichts dagegen, wenn bei der nächsten Weltmeisterschaft noch mehr Tore fallen würden. Der 56-Jährige will den Fußball immer mehr zu einem großen Spektakel für die Zuschauer machen. Partien wie das Finale mit nur einem Treffer oder torlose Begegnungen passen nicht in sein Konzept.

Beim World Sports Summit in Dubai hatte Infantino deshalb schon im Dezember 2025 recht detailliert erklärt, was beim Abseits geändert werden soll. Demzufolge soll sich ein Spieler nicht mehr im strafbaren Bereich befinden, solange sich auch nur ein Körperteil, mit dem ein Tor erzielt werden kann, auf gleicher Höhe mit dem vorletzten gegnerischen Spieler befindet.

Der Spieler steht nur dann im Abseits, wenn zwischen ihm und dem Verteidiger eine Lücke (im Projekt spricht die FIFA von einem „Tageslicht“; d. Red.) besteht. Der Spieler muss sich also vollständig hinter dem vorletzten Gegner befinden. Ziel der Regel ist es unter anderem, den Fußball „offensiver und attraktiver“ zu gestalten – das sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino Ende vergangenen Jahres.

In der kanadischen Premier League hatte der Weltverband im April einen ersten Testlauf zum sogenannten „Tageslicht-Abseits“ gestartet. „Dies ist ein wichtiges Pilotprojekt“,
hatte Arsène Wenger gesagt, der diesen Plan seit einigen Jahren verfolgt. „Indem wir diese neue Auslegung in einem professionellen Wettbewerb testen, können wir ihre Auswirkungen besser verstehen, unter anderem im Hinblick auf mehr Klarheit und einen flüssigeren Spielverlauf sowie die Förderung des Angriffsspiels.“

Infantino will mehr Tore ermöglichen

Die Hoffnung ist ganz klar: Stürmer sollen noch mehr Tore erzielen. Das könnte den großen Stars sehr entgegenkommen. Der Franzose Kylian Mbappé erzielte bei der WM zehn Treffer und holte sich damit den Goldenen Schuh. Gerne hält er sich an der Grenze zum Abseits auf. Eine Änderung käme ihm entgegen.

Sollte Infantino im kommenden Jahr wie erwartet wiedergewählt werden und bis 2031 an der FIFA-Spitze stehen, wird er zudem die Diskussion über eine erneute WM-Aufstockung bestimmen. In Nordamerika waren erstmals 48 statt wie bisher 32 Teilnehmer am Start.

Wenger und Infantino treiben damit die Veränderungen im Fußball weiter rigoros voran. Vor der WM hatten die internationalen Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) bei einer Sondersitzung in Vancouver bereits die neue Regel beschlossen, dass Spieler, die sich in Diskussionen die Hand vor den Mund halten, die Rote Karte sehen.

Verletzte Spieler mussten zudem nach einer Behandlung auf dem Platz für mindestens eine Minute das Spielfeld verlassen. Auch das Zeitspiel wurde bei der WM neu definiert. Gelb-Rote Karten konnten zudem erstmals vom VAR überprüft werden.

Arsène Wenger ist seit 2019 Direktor Entwicklung bei der FIFA
Arsène Wenger ist seit 2019 Direktor Entwicklung bei der FIFAArsène Wenger ist seit 2019 Direktor Entwicklung bei der FIFA© IMAGO/Icon Sportswire

Zieht Wenger den Plan durch?

Die Trinkpausen im Verlauf jeder Spielhälfte werden hingegen kritisch gesehen und nach der WM diskutiert.

„Nein, manchmal hat es den Leuten nicht gefallen, und wir müssen nach der Weltmeisterschaft analysieren, welche Auswirkungen das hat“, erklärte Wenger. „Aber wir sind dazu da, den Fußballfans zu dienen, und wir werden erst nach dem Wettbewerb unsere Schlussfolgerungen ziehen.“

Es war einer der selten gewordenen öffentlichen Auftritte des Mannes, der schon bald für einen großen Einschnitt in der Geschichte des Fußballs verantwortlich sein könnte.