Oliver Kahn ist Thomas Tuchel anlässlich seiner Kritik nach Englands Einzug ins WM-Halbfinale auf verbaler Ebene zur Seite gesprungen. „Mich irritiert nicht Tuchel. Mich irritiert, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden“, schrieb der ehemalige Weltklassetorhüter auf LinkedIn.

Kahn bezog sich darauf, dass Tuchel nach seiner kritischen Einordnung so viel Gegenwind bekam. „Wir glauben, Niederlagen seien der gefährlichste Moment einer Entwicklung“, führte der 57-Jährige aus, stellte aber unmissverständlich klar: „Tatsächlich ist es oft der Sieg.“

Oliver Kahn holte Thomas Tuchel 2023 nach München
Oliver Kahn holte Thomas Tuchel 2023 nach MünchenOliver Kahn holte Thomas Tuchel 2023 nach München© IMAGO/Lackovic

„Eine Niederlage zwingt zur Analyse. Ein Sieg verführt dazu, auf sie zu verzichten“, schrieb Kahn. Genau deswegen sei Tuchels Mahnen nach dem knappen Weiterkommen gegen Norwegen (2.1. n.V.) angebracht gewesen. Man dürfe die Leistung auf dem Platz nicht mit dem Ergebnis auf der Anzeigetafel verwechseln.

„Tuchel hat etwas getan, was selbstverständlich sein sollte“

„Wer diese beiden Dinge verwechselt, beginnt sich selbst zu täuschen. Und jede große Selbsttäuschung beginnt mit einem Erfolg, den niemand mehr hinterfragt“, meinte der ehemalige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, der Tuchel im Frühjahr 2023 als Trainer nach München gelotst hatte. „Deshalb halte ich die Debatte über Tuchel für so bemerkenswert. Sie richtet sich nicht gegen eine falsche Analyse. Sie richtet sich gegen den Umstand, dass überhaupt analysiert wurde.“

„Thomas Tuchel hat nach einem Halbfinaleinzug keine schlechte Stimmung verbreitet. Er hat etwas getan, das im Spitzensport selbstverständlich sein sollte. Er hat verhindert, dass ein Sieg wichtiger wird als die Wahrheit“, stellte Kahn klar, der wiederholte: „Der Absturz beginnt selten in der Krise. Er beginnt in dem Moment, in dem niemand mehr bereit ist, den Erfolg infrage zu stellen.“