Bei der Abwehr der Flanke von Spaniens Marc Cucurella hatte Frankreichs Lucas Digne eigentlich alle Zeit der Welt – und wirklich kompliziert wäre keiner der verschiedenen Lösungsansätze gewesen.

Der Ball hatte sein Ziel bereits verfehlt und hüpfte vor dem Linksverteidiger auf den Boden, bevor der vor über 70.000 Zuschauern in Dallas und unzähligen Millionen vor den Fernsehern einen folgenschweren Fehler beging.

Lucas Digne stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben
Lucas Digne stand die Verzweiflung ins Gesicht geschriebenLucas Digne stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben© IMAGO/APL

Anstatt den Ball direkt zu klären, entschied sich der 32-Jährige für eine Annahme – was grundsätzlich völlig in Ordnung war. Der Fehler entstand schließlich, weil seine Annahme missglückte. Nach seinem schlechten ersten Kontakt mit dem Kopf drehte sich Digne einmal um die eigene Achse, um den dann doch Ball wegzuschießen.

Doch der 19 Jahre alte Lamine Yamal wusste genau, was passieren wird. Geistesgegenwärtig zündete der Flügelspieler den Turbo und warf sich nach vorne in Richtung Ball, den er erst noch mit der Schulter berührte, bevor er – genau wie er es wollte – einen Tritt von Digne kassierte.

Offensiv-Stars genauso schwach wie Digne

Der Franzose wusste sofort, was das zur Folge haben wird. In seinem Blick zeigte sich bereits die Verzweiflung über seinen kleinen Fehler, der große Folgen haben sollte.

Die folgende Entscheidung von Schiedsrichter Ivan Barton auf Elfmeter war unstrittig – und nach dem erfolgreichen Strafstoß von Mikel Oyarzabal (20.) waren die Franzosen plötzlich zum ersten Mal im Turnierverlauf in Rückstand. Ein Rückstand, von dem sie sich nicht erholen sollten.

Digne, der in der 73. Minute schließlich ausgewechselt wurde, ist selbstredend nicht allein für das Aus der Équipe Tricolore verantwortlich. Bei der französischen Sportzeitung L’Équipe wurden neben ihm deswegen auch die Offensivstars Michael Olise und Ousmane Dembélé mit zwei von zehn möglichen Punkten bewertet. Kylian Mbappé kassierte lediglich einen mageren Punkt mehr. Alle spielten sie schlecht!

Und dennoch wird vor allem Digne als der tragische Held in Erinnerung bleiben, wenn man sich in Zukunft an dieses Spiel zurückerinnern wird.

„Er hat versagt – mehr als die anderen“

„Er ist nicht allein für das Ausscheiden gegen Spanien verantwortlich, aber er hat versagt – mehr als die anderen“, heißt es in der L’Equipe-Analyse seiner Leistung. Auf irgendeine Art ist es dennoch bezeichnend, dass für Frankreich ausgerechnet die Linksverteidiger-Position zum Verhängnis wird. Viele würden argumentieren, dass dies der einzige Platz auf dem Feld ist, in dem kein Spieler von Weltklasse-Format aufgestellt ist.

So war Digne bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 gar kein Teil des Kaders gewesen. Und auch in diesem Sommer begann Theo Hernández beim WM-Auftakt gegen Senegal als Linksverteidiger. Allerdings lief ihm Digne den Rang ab und schaffte es in sämtlichen K.o.-Spielen in die Anfangsformation von Trainer Didier Deschamps.

„Auf einer Position, bei der seit der Ankunft in den USA viele Frage aufkamen, war er mehr Lösung als Problem“, bilanzierte die L’Équipe: „Gegen Schweden, Paraguay und Marokko lieferte er Antworten. Nicht jedoch gegen Spanien.“

In jedem seiner vier WM-Startelfeinsätze hatten Les Bleus im gesamten Spiel kein Gegentor kassiert. Eine tolle Serie, die allerdings Makulatur ist, weil sie im Halbfinale gegen Spanien ein Ende fand.

Aus Freude werden plötzlich Hasskommentare

Noch in diesem Sommer soll Digne seinen Klub wechseln. Laut übereinstimmenden Medienberichten wird der Franzose zu Paris St. Germain in die Hauptstadt wechseln. Die zweimaligen Champions-League-Sieger sollen eine entsprechende Ausstiegsklausel gezogen haben, die in Dignes Vertrag bei seinem Noch-Klub Aston Villa verankert war. Konkret geht es wohl um weniger als zehn Millionen Euro, womit der 63-malige Nationalspieler ein ziemliches Schnäppchen wäre.

Wie schnell sich das Blatt wenden kann, wird in der heutigen Zeit insbesondere in den sozialen Medien deutlich. Unter seinen aktuellen Beiträgen haben sich dort zahlreiche Hasskommentare angesammelt, die auf seinen verursachten Elfmeter abzielen und ihn deshalb nicht bei PSG haben wollen. „Storniert den Transfer“, schreibt einer. Macht man sich jedoch die Mühe und scrollt für kurze Zeit nach unten, entdeckt man das exakte Gegenteil. Nämlich Fans, die sich auf die Rückkehr Dignes (spielte von 2013 bis 2015 bei PSG) freuen, nur einige Stunden vorher.

Durch eine einzelne Szene, einen kleinen Fehler mit großen Folgen, hat sich sich die Stimmung vollständig gewandelt. Es wird eine Herausforderung für Digne sein, diesen bitteren Moment hinter sich zu lassen.