Vor vier Monaten öffnete Josef Kompalla noch einmal die Tür zu seinen Erinnerungen. Unzählige Pins, Wimpel, Fotos, die von mehr als 2000 Eishockeyspielen rund um die Welt erzählten, schmückten seine Wohnung. Ein Museum für die Legende, für den Mann, der jahrzehntelang der Inbegriff des deutschen Eishockey-Schiedsrichters war.

„Ich war, glaube ich, eishockeytechnisch insgesamt in 47 Ländern aktiv“, erzählte Kompalla vor seinem 90. Geburtstag am 13. März den Eishockey News. Am Sonntag ist der „Jupp“, der ohne Helm, mit wehenden dunklen Haaren und dem markanten Walross-Schnäuzer in den 70ern und 80ern regelmäßig in den Sportsendungen über die deutschen Fernsehbildschirme flimmerte, nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben – Eishockey-Deutschland trauert um sein weltweit bekanntestes, aber nicht überall willkommenes „Zebra“.

Josef Kompalla leitete über 2000 Eishockey-Spiele
Josef Kompalla leitete über 2000 Eishockey-SpieleJosef Kompalla leitete über 2000 Eishockey-Spiele© IMAGO/Nordphoto

Als die Kanadier über Kompalla schimpften

Da waren die Kanadier 1972, die bei der prestigeträchtigen „Summit Series“ ihrer NHL-Stars gegen die „Rote Maschine“ der damaligen Sowjetunion den in Polen geborenen Schiedsrichter, für „inkompetent“ und „befangen“ hielten – nicht zuletzt, weil er nicht nur Englisch, sondern auch Russisch fließend sprach. Obwohl das Eishockey-Mutterland das entscheidende Spiel in Moskau unter seiner Leitung gewann, schimpften Stars wie Ken Dryden noch Jahrzehnte später über die „Wurst“, die „kaum Schlittschuh laufen konnte“.

Oder die Fans in Deutschland, das für Kompalla nach seiner Übersiedlung 1958 zur Heimat geworden war, stimmten Schmähgesänge an, die legendär wurden: Ihnen taten „die Augen weh“, und sie wussten, wo sein „Auto steht“. Doch Kollegen berichteten ihm immer wieder, erinnerte sich Kompalla, dass sie in Eisstadien landesweit hörten: „Wir woll’n den Kompalla seh’n.“

Aus gutem Grund: Schließlich wurde er regelmäßig zum Schiedsrichter des Jahres gewählt, leitete 2019 Spiele in den deutschen Ligen und über 150 Länderspiele, unter anderem bei elf Weltmeisterschaften und drei Olympischen Spielen. Stets nach dem Motto, das ihm ein Schweizer Kollege vermittelt hatte: „Du musst pfeifen, als hättest du einen Spatz in der Hand. Bist du zu streng, drückst die Hand zu, ist der Spatz tot – machst du die Hand auf, bist zu lasch, lässt alles durchgehen, ist der Spatz weg.“

1992 legte Kompalla die Pfeife weg

Er suchte stets „den Mittelweg, aber konsequent, egal wer vor dir steht, auf dem Eis sind alle gleich“. Schiedsrichter war Kompalla nach einer unspektakulären Spielerkarriere in Polen und bei Preussen Krefeld eher zufällig geworden, „nach einem Anruf vom Obmann“, nach wenigen Spielen fand er sich „zu meiner Verwunderung in der Bundesliga wieder“.

1992, als seine Tochter Nicole längst zur ersten Schiedsrichterin im Männerbereich gebracht hatte, legte er die Pfeife weg, erhielt den Verdienstorden der Bundesrepublik, wurde elf Jahre später in die IIHF Hall of Fame aufgenommen.

Noch lange begleitete er „seinen“ Sport als Schiedsrichterbeobachter und Ausbilder. Seinen Abschied feierte er im ganz großen Rahmen: Vor 78.000 Zuschauern in der Schalker Arena leitete er vor dem WM-Auftakt 2010 ein Spiel der Legenden zwischen Russland und Deutschland. Mit der größten Legende in Zebrastreifen.