Fast hätte sich Alexander Zverev seinen nächsten Lebenstraum innerhalb kürzester Zeit erfüllt. Nach dem Triumph bei den French Open scheiterte der 29-Jährige in Wimbledon in einem hochklassigen Match im Finale an Jannik Sinner.
Zverev unterlag zwar in vier Sätzen 7:6 (9:7), 6:7 (2:7), 3:6, 4:6, das Match war aber enger, als es das Ergebnis vermuten lässt. Wären kleine Momente, wie beispielsweise der Tiebreak im zweiten Satz, anders verlaufen, hätte er die Nummer eins der Welt vielleicht endlich geschlagen.
So bleibt zunächst die verpasste Chance auf seinen zweiten Grand-Slam-Titel und darauf, der erste Deutsche seit 35 Jahren zu werden, der auf dem heiligen Rasen den Titel holt. Es war die zehnte Niederlage in Folge gegen Sinner.
Und doch macht das Finale Hoffnung, dass bei Zverev noch weit mehr gehen könnte. Er ist deutlich näher an Sinner dran als man speziell auf Rasen vor dem Turnier dachte. Weitere Grand-Slam-Titel scheinen möglich und vielleicht sogar der große Traum des Hamburgers: die Nummer eins der Welt zu werden.
Zverev kann von Nummer eins der Welt träumen
Denn Zverev macht trotz der Finalniederlage in der Weltrangliste mächtig Boden gut. Während Sinner „nur“ seine Punkte verteidigte, gewann Zverev nach seinem Erstrunden-Aus im Vorjahr mächtig Punkte dazu.
Darauf verwies nach dem Finale auch Sinner, als er sich direkt an Zverev und sein Team wandte: „Ihr habt euch mit dem Sieg in Paris eines eurer ganz großen Ziele erfüllt. Wenn Sascha weiter auf diesem Niveau spielt, wird dieser Pokal eines Tages ihm gehören. Und er hat auch die Nummer eins im Blick, also muss man aufpassen.“
Knapp 5000 Punkte liegt Sinner noch vor Zverev. Auf den ersten Blick ein unglaublich großer Abstand. Trotzdem muss der Italiener in den Rückspiegel schauen.
Denn Sinner muss im Rest des Jahres extrem viele starke Turnierergebnisse verteidigen. Im Vorjahr standen Turniersiege in Peking, Wien, Paris-Bercy und bei den ATP-Finals zu Buche – ebenso wie die Finals von Cincinnati und den US Open. Und Zverev? Bei dem ist nur ein Finale in Wien mit vielen zu verteidigenden Zählern aufgeführt. Er kann also viel aufholen.
Bei einem hohen Turnierpensum und vielen erfolgreichen Turnieren könnte Zverev also tatsächlich an Sinner heranrücken, zumindest wenn dieser in der zweiten Jahreshälfte etwas nachlässt.
Stich empfiehlt Zverev Fokus auf Grand-Slam-Turniere
Die Frage ist nur, ob Zverev es überhaupt darauf ankommen lassen sollte oder sich doch lieber darauf fokussieren sollte, möglichst viele Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Zverev steckt hier tatsächlich in einem Dilemma, wenn auch in einem positiven.
Wenn es nach Michael Stich geht, würde dieser Zverev eine Pause empfehlen. „Ich glaube, die letzten sechs Wochen, zwei Monate haben sehr viel Energie gekostet mental. Ich wünsche ihm, dass er nicht den Fehler macht, was er in der Vergangenheit zu oft gemacht hat, dass er zu viel spielt. Dass er sich einfach mal diese Zeit gönnt, zu reflektieren“, sagte Stich bei Prime Video.
Auch wenn er dadurch wichtige Punkte im Kampf um die Nummer eins verlieren würde, wäre das seiner Meinung nach die einzig richtige Entscheidung: „Er muss jetzt vielleicht akzeptieren, dass die Grand Slams das Hauptziel sind und darauf den Turnierplan auslegen. Er ist ein Ticken älter als die anderen und muss ein bisschen haushalten.“
In eine ähnliche Kerbe hatte vor Wimbledon auch Andrea Petkovic in ihrem Podcast mit Boris Becker geschlagen: „Mich macht glücklich, dass er weniger Turniere spielt. Der hat ja einen Turnierkalender von einer Nummer 60 in der Welt gehabt und gefühlt 30 Turniere gespielt. Er hat als Nummer drei jedes Dorfturnier mitgenommen. Da bin ich so froh, dass er sich jetzt auf die wichtigen Events konzentriert.“
„Halleluja!“ Petkovic feiert Umdenken bei Zverev
Für die Experten scheint klar, dass Zverev seinen Fokus eher auf den Gewinn weiterer Grand-Slam-Turniere richten sollte. Zudem glaubt Stich nicht daran, dass Zverev Sinner angreifen könne: „Hart gesagt: Er wird dieses Jahr eh nicht mehr Nummer eins. Das ist sehr unwahrscheinlich. Das sollte jetzt nicht sein Ziel sein alles dafür zu tun und dann im nächsten Jahr wieder den Preis zu bezahlen.“