Tadej Pogacar posierte lässig vor der Traumkulisse der ins Abendlicht getauchten Gaudí-Kathedrale Sagrada Familia und wirkte mit seiner neuen blonden Raspelkurzfrisur wie eine höfliche Version von Rap-Legende Eminem. Eine sehr höfliche. „Ich liebe Barcelona! Ihr habt eine der schönsten Städte der Welt. Ich wünschte, ich wäre für Ferien hier“, verkündete Sloweniens Radsport-König bei der Teampräsentation der 113. Tour de France in der katalanischen Prachtmetropole. Popstar Pogi badete genüsslich im Jubel der Tausenden Fans.

Pogacar zeigt sich in Barcelona in Topform und gut gelaunt. Viermal hat er das wichtigste Rennen der Welt bereits gewonnen, mit seinem fünften Sieg kann er in die Ruhmreihe der Rekordgewinner Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain aufrücken.

Tadej Pogacar vor der Tour de France 2026
Tadej Pogacar vor der Tour de France 2026Tadej Pogacar vor der Tour de France 2026© IMAGO/NurPhoto

Doch die Konkurrenz, die Pogacar auf übelst schweren 3333 Kilometern bis Paris jede Urlaubsstimmung vermiesen will, ist stark wie wohl noch nie. Und zu den ärgsten Rivalen des Favoriten gehört auch einer der zwölf Deutschen im Feld.

Tour: Lipowitz hofft auf „gute Beine“

„Tadej hat wie Jonas Vingegaard und Paul Seixas gezeigt, dass er sehr gut drauf ist“, sagt Florian Lipowitz, „aber auch wir haben uns gut vorbereitet und hoffen jetzt, dass wir gute Beine haben.“

Der 25 Jahre alte Ulmer, der mit seinem dritten Platz im Vorjahr in die Weltspitze und die Herzen der deutschen Radsport-Fans geklettert war, ist auch ein Jahr später kein Typ für die großen Kampfansagen, bleibt ruhig und entspannt. Anders als jener Mann, mit dem Lipowitz die Doppelspitze des deutschen Teams Red Bull-Bora-hansgrohe bildet: Der belgische Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel trat in Barcelona im Grenzbereich zwischen angriffslustig und patzig auf.

Ein Etappensieg sei sein Ziel, sagte Evenepoel, am besten gleich zum Auftakt im Teamzeitfahren am Samstag, was ihm, dem weltbesten Zeitfahrer, dann das Gelbe Trikot einbringen könnte. Fragen nach der Doppelrolle blaffte Evenepoel weg („Kein Problem…“). Was er und Lipowitz voneinander lernen könnten? „Seltsame Frage…“ Seltsame Antwort. Wer letztlich der RB-Kapitän sein wird: Evenepoel, der Tourdritte von 2024, oder Lipowitz, der Tourdritte von 2025, werden die hohen Berge zeigen, womöglich schon die Pyrenäen der ersten Tourwoche.

Deutlich gelassener trat der Mann in Barcelona auf, der Pogacar am gefährlichsten werden könnte. Jonas Vingegaard, Tour-Sieger 2022 und 2023, ist einer von nur drei Fahrern, die den Slowenen je bei einer großen Rundfahrt bezwungen haben – neben Primoz Roglic und Alejandro Valverde, beide bei der Vuelta 2019. „Ich fühle mich stärker als im vergangenen Jahr, körperlich und mental“, sagt Vingegaard, der 2025 als Zweiter auch verletzungsbedingt keine Chance gegen Pogacar hatte.

Seixas „will Frankreich in diesem Sommer vibrieren lassen“

Im Mai gewann der dänische Visma-Kapitän den Giro mit einiger Leichtigkeit. „Ich musste mich da nicht völlig verausgaben, war danach nicht völlig erschöpft“, sagt Vingegaard. Ob seine Kraft für drei Wochen Dauerduell gegen einen ausgeruhten Pogacar reicht, wird spätestens die brutale Schlusswoche mit dem doppelten Alpe d’Huez zeigen.

Dies ist auch die zentrale Frage bei Paul Seixas. Frankreichs über alle Maßen emporgelobter Radsport-Wunderknabe bestreitet mit 19 Jahren seine erste allererste dreiwöchige Rundfahrt, als jüngster Tour-Teilnehmer seit 1937. „Ich will Frankreich in diesem Sommer vibrieren lassen“, sagt Seixas, der das Decathlon-Team anführt.

Seit 41 Jahren, seit Bernard Hinaults fünftem Erfolg nämlich, hat kein Franzose beim liebsten Sportkind der Nation triumphiert. Seixas soll dies ändern, möglichst bald. Zurückhaltung? Vorsichtige Euophorie? Nicht das Ding der Franzosen! „Er ist der Erlöser“, sagt FDJ-Teamchef Marc Madiot, „der Messias!“