1011 Tage ist Julian Nagelsmann im Amt, als dem Bundestrainer sein zweites Turnier misslingt. Der 38-Jährige verantwortet mit dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay im WM-Sechzehntelfinale das nächste deutsche Endrunden-Desaster.
Was im September 2023 als vermeintliches „Projekt“ für die Heim-EM begann, scheiterte am Ende krachend. Mit seinem Rücktritt macht der Bundestrainer am Freitag den Weg frei für einen Neuanfang. Die Chronologie der Ära Nagelsmann:
Nagelsmann holt Kroos zurück
22. September 2023: Der Deutsche Fußball-Bund präsentiert den jüngsten Bundestrainer seit Otto Nerz 1926 und Nachfolger von Hansi Flick als „Wunschkandidat“. Sein „Feuer für den Fußball“ sei „ansteckend“, schwärmt Sportchef Rudi Völler, der zu Nagelsmanns wichtigstem Alliierten wird. Das große Ziel: Der Titel bei der Heim-EM 2024, bis zu der Nagelsmanns Vertrag läuft.
6. Oktober 2023: Nagelsmann nominiert für die US-Reise erstmals einen DFB-Kader – mit Bernd Leno, Neuling Kevin Behrens und Niklas Süle. Seine Premiere gewinnt er mit 3:1 gegen die USA, auch das 2:2 gegen Mexiko wird positiv aufgenommen. „Ich habe noch keine Mannschaft trainiert, die innerhalb von einer Woche so viele Dinge umsetzt. Ich war schwer begeistert“, bilanziert Nagelsmann, er glaube „zu 100 Prozent“ an den EM-Erfolg.
21. November 2023: Das böse Erwachen folgt schnell. 2:3 gegen die Türkei, 0:2 in Wien gegen Österreich – Leroy Sané fliegt wegen einer Tätlichkeit vom Platz, Nagelsmann vergreift sich mit Linksverteidiger Kai Havertz und konstatiert konsterniert: „Wir werden bis Sommer nicht zu Verteidigungsmonstern.“ Er vermisst die „Worker“.
14. März 2024: Nagelsmann sucht nach dem Kaninchen, das er für die Fußball-Nation aus dem Hut zaubern kann – und er findet Toni Kroos. Er holt den Regisseur aus dem DFB-Ruhestand – und schickt Stars wie Mats Hummels, Süle, Leon Goretzka oder Serge Gnabry in (teils vorübergehende) Nationalmannschaftsrente. „Der Reiz des Neuen muss da sein“, sagt er und wird belohnt. Siege gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1) zünden die Fans an.
Nagelsmann sorgt mit Weltmeister-Aussage für Raunen
14. Juni 2024: Was für ein Start! Die DFB-Elf schießt Schottland aus der Münchner Arena (5:1), ganz Deutschland träumt vom Sommermärchen 2.0. „Es macht super viel Spaß mit der Truppe“, schwärmt der Bundestrainer.
5. Juli 2024: Nagelsmann verändert für das EM-Viertelfinale gegen Spanien ohne Not seine so erfolgreiche Startelf (Emre Can für Robert Andrich) – ein Fehler. Dennoch hat sein Team den späteren Europameister am Rande einer Niederlage, doch (auch) die Hand von Marc Cucurella zerstört den Titeltraum. „Das tut weh. Und, dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird – das tut auch weh„, sagt Nagelsmann und genießt das Raunen im Saal. Tags darauf gibt er sich mit seiner „Nachbarn“- und „Heckenscheren“-Rede staatsmännisch. Die Nation behält er hinter sich.
„Da werden die Augen alle groß“
20. März 2025: Als Gruppensieger in der Nations League trägt die Elf von Nagelsmann, der im Januar bis 2028 verlängert hat, die Euphorie ins Viertelfinale und düpiert dort Erzrivale Italien in Mailand mit 2:1. Auch wenn das Rückspiel (3:3) allzu wild gerät: Die Hoffnung auf ein Mini-Sommermärchen beim Final Four im Sommer ist riesig. „Sehr sexy“ findet Kapitän Joshua Kimmich das Spiel der nach Rücktritten von Manuel Neuer, Kroos, Ilkay Gündogan und Thomas Müller neu formierten Elf.
8. Juni 2025: Gegen Portugal (1:2) bringt Nagelsmann mit seltsamen Wechseln einen Bruch ins Spiel, das Träumchen vom Titelchen endet gegen Frankreich (0:2) in der Partie um Rang drei mit Misstönen. „Hilfe, jetzt große Sorgen um unsere WM“, titelt Bild.
Seltsame Nagelsmann-Kommunikation
4. September 2025: Es kommt noch schlimmer. Deutschland verpatzt den Start in die Quali, verliert in Bratislava gegen die Slowakei (0:2) erstmals auswärts ein Ausscheidungsspiel zum Weltturnier. „Ich kann dieses ewige ‚Qualität, Qualität‘ nicht mehr hören. Wir müssen emotional Fußball spielen! In jedem Spiel!“, schimpft Nagelsmann.
17. November 2025: Doch noch Glanz! Ein berauschendes 6:0 gegen die Slowakei in Leipzig bringt das WM-Ticket. Kapitän Kimmich, wieder nach rechts hinten versetzt, ist mit schmerzendem Knöchel der Vorkämpfer, Assan Ouédraogo feiert ein Traum-Debüt, sogar Leroy Sané überzeugt. „Der Geist ist sehr gut“, behauptet Nagelsmann.
1. März 2026: Nagelsmann präsentiert in einem ausführlichen kicker-Interview seinen WM-Plan – und er stößt mit seiner unnötigen Einzelkritik zahlreiche Spieler vor den Kopf. Einige Ansagen muss er später einkassieren, der Bundestrainer scheint seinen Kompass zu verlieren, kommuniziert plötzlich erratisch.
Nagelsmann muss sich bei Undav entschuldigen
30. März 2026: Nach dem 4:3 gegen die Schweiz mit viel Wirtz-Zauber gelingt der Elf um die neue Nummer 1 Oliver Baumann auch gegen Ghana (2:1) ein Sieg, doch alle Welt diskutiert über Deniz Undav. Nagelsmann äußert sich unglücklich, muss sich später – auf Anraten seiner Frau Lena – beim Stuttgarter entschuldigen. Das Bild eines Suchenden verfestigt sich. Erst recht, als Nagelsmann im Vorfeld der WM den treuen Baumann zur „Weltklasse-1b-Lösung“ herabstuft und Neuer zurückholt.
29. Juni 2026: Das federleichte 7:1 gegen Curacao ist der erhoffte Raketenstart in Houston, nach dem Undav-Märchen gegen die Elfenbeinküste (2:1) träumt Deutschland – ja, mal wieder – von einem goldenen Turniersommer. Das Ende gegen knochenharte Paraguayer kommt jäh, der Traum vom fünften Stern war nie mehr als eine Utopie.
2. Juli 2026: Nagelsmann verlässt ein Gipfeltreffen mit den Verbandsbossen zur Aufarbeitung des Debakels in einer schwarzen Limousine. Der DFB legt ihm in Frankfurt/Main einen freiwilligen Rücktritt nahe, tags darauf geht er über diese „goldene Brücke“.