Jahrestage und Jubiläen: Gerne wird im Sport – und natürlich auch andernorts – an Erfolge erinnert. An Titel, an Triumphe, an unvergessliche Momente. Und dann gibt es da noch die Tage, an denen sich unschöne Ereignisse jähren. Zu feiern gibt es dann nichts, am liebsten wird der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

Ein solcher Tag ist der 30. Juni. Auf den Tag genau 20 Jahre ist es her, da begann der Untergang von Radsport-Legende Jan Ullrich – und das vor den Augen der Welt.

Jan Ullrich am 30. Juni 2006
Jan Ullrich am 30. Juni 2006Jan Ullrich am 30. Juni 2006© IMAGO/Belga

Rückblick: Braungebrannt und kreidebleich hockt Jan Ullrich auf dem Beifahrersitz eines silbernen Audi-Kombis, schaut mit leerem Blick an Fotografen vor dem Teamhotel in Blaesheim bei Straßburg vorbei. Dann tritt sein Bruder Stefan aufs Gas. Der Radprofi verlässt am Abend des 30. Juni 2006 die Tour de France. Für immer.

Keine Ehrlichkeit bei Ullrich

Vor 20 Jahren zerbröselte das Denkmal des populärsten deutschen Radfahrers, des einzigen deutschen Toursiegers, endgültig, nachdem sich über Jahre bereits deutliche und dicke Risse abgezeichnet hatten.

Nur einen Tag vor dem Start der Tour suspendierte das T-Mobile Team seinen Starfahrer, nachdem dessen Verbindungen zu Doping-Arzt Eufemiano Fuentes bewiesen worden waren.

„Das ist das Schlimmste, was mir bisher in meiner Karriere passiert ist“, sagte Ullrich, damals 32, auf einer hastig einberaumten PK am Nachmittag und wiederholte das Mantra der vergangenen Wochen: „Ich kann nur sagen, dass ich nichts mit der Sache zu tun habe.“ Bis dahin glaubte ihm Radsport-Deutschlands dies.

Angriff nach Armstrong-Rücktritt geplant

Dabei hätte doch alles so schön sein können. Im Jahr nach dem Rücktritt seines Dauerrivalen Lance Armstrong wollte Ullrich endlich wieder bei der Frankreich-Rundfahrt gewinnen, kam in der Form seines Lebens zum Grand Depart.

Die Form basierte wie vieles auf Lug und Trug, und an jenem Tag implodierte das System Ullrich. Die Erschütterungen trafen Deutschland wie Frankreich. „Die Tour startet nach einem Sturm“, titelte die französische Tageszeitung L’Équipe.

Auch dass die DFB-Elf am Abend gegen Argentinien ins Halbfinale der Heim-WM eingezogen war, konnte den medialen Sturm damals kaum abmildern.

Enthüllung um Doping 2006

„Ulle“ war auch neun Jahre nach seinem Tour-Sieg 1997 populärster deutscher Einzelsportler, Millionen fieberten der Rundfahrt entgegen. Umso schwerer tat sich T-Mobile, den strahlenden Helden abzuservieren, reagierte erst, als es nicht mehr anders ging.

Ab Mai 2006 liefen die Ermittlungen rund um den Madrider Mediziner Fuentes, der im Zentrum eines Blutdoping-Netzwerks verortet wurde, auf Hochtouren. Ausgelöst von Team-Mastermind Rudy Pevenage, wie er später in einem ARD-Podcast erzählte.

Nach Ullrichs Zeitfahrsieg beim Giro habe er Zulieferer Fuentes vom Privathandy angerufen und mitgeteilt, dass Ullrich gut drauf sei. Die spanische Polizei hörte mit. Es war das letzte Puzzleteil. „Das hat alles beendet“, sagte Pevenage.

T-Mobile-Team handelte erst spät

Ende Mai werden Fuentes und andere Personen verhaftet, Hunderte Blutbeutel entdeckt, manche mit Aufschrift „Hijo Rudicio“, Rudys Sohn, was Ullrich zugeordnet wird. In den folgenden Wochen werden serienweise Profis belastet, Ullrich-Teamkollege Oscar Sevilla wie der alte Weggefährte Alexander Winokurow. Die Einschläge kommen näher.

Am 29. Juni sickert durch, dass Ullrich zu 58 von der spanischen Justiz verdächtigten Profis gehört, die Tour-Ausrichter drängen auf eine Reaktion. T-Mobile muss handeln: Am nächsten Morgen werden Ullrich, Sevilla und Pevenage suspendiert, die Profis sitzen da schon im Bus Richtung Teampräsentation.

Das Gefährt wird gewendet, Ullrich weiß: tout est perdu, alles ist verloren. Anfang 2007 gibt er das Ende seiner Karriere bekannt, ein Geständnis ist da noch in weiter Ferne.

Landis ebenfalls als großer Skandal

Der Fall Ullrich war nicht der letzte Dopingskandal dieser unsäglichen Tour 2006, nicht einmal der größte. Vier Tage nach der Schlussetappe wurde bekannt, dass Gesamtsieger Floyd Landis nach seinem grotesken Solo-Etappensieg positiv getestet worden war.

Mehr als ein Jahr später verlor der US-Amerikaner den Tour-Sieg. Der Radsport war damals praktisch am Ende.

Und heute, 20 Jahre später? „Schwarze Schafe wird es immer geben“, sagt Red-Bull-Teamchef Ralph Denk vor dem Start der Tour 2026 am Samstag: „Aber systematisches Doping, organisiert von den Teams? Das gibt es nicht.“

Ullrich gestand erst 2023

Eine Folge des Ullrich-Skandals ist jedoch, dass derartige Versicherungen problematisch klingen – es gab sie schließlich auch 2006.

Übrigens: 2012 wurde der Deutsche vom Internationalen Sportgerichtshof CAS des Dopings schuldig gesprochen. Alle Ergebnisse ab Mai 2005 wurden annulliert, rückwirkend gab es eine zweijährige Sperre.

Bis zu Ullrichs Geständnis dauerte es dann aber noch einmal mehr als ein Jahrzehnt. Erst im November 2023 gab der heute 52-Jährige öffentlich zu, von 1996 bis 2006 gedopt zu haben.

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mit Sport-Informations-Dienst (SID)