Als in der 75. Minute die Nummer 19 auf der Tafel des Vierten Offiziellen erschien, ging ein Ruck durch das gigantische SoFi Stadium in Los Angeles. Die Zuschauer waren bis dahin nicht gerade mit Highlights verwöhnt worden – im Gegenteil: Kanada und Südafrika (1:0) lieferten sich über weite Strecken ein erschreckend niveauarmes Sechzehntelfinale.
Da kam die Einwechslung von Alphonso Davies gerade recht. Im ersten K.o.-Spiel der Kanadier bei der WM feierte der Bayern-Star endlich sein lang ersehntes Comeback. Unter frenetischem Jubel der kanadischen Fans betrat er den Rasen, übernahm die Kapitänsbinde und half mit, sein Team ins Achtelfinale zu führen.
Denn kaum war der 25-Jährige auf dem Platz, gewann das kanadische Spiel spürbar an Tempo. Nur drei Minuten nach seiner Einwechslung setzte Davies Jonathan David mit einem präzisen Steckpass am linken Torraumeck in Szene. Der Stürmer scheiterte jedoch am südafrikanischen Torhüter.
WM: Schweinsteiger hebt Davies‘ Einfluss hervor
Mit Davies auf dem Feld gelang Kanada schließlich in der Nachspielzeit der Lucky Punch: Stephen Eustaquio erzielte in der 90.+2 Minute den umjubelten Siegtreffer und bescherte seinem Land im ersten K.o.-Spiel in der WM-Geschichte gleich den ersten Sieg.
Auch ARD-Experte Bastian Schweinsteiger zog anschließend ein positives Fazit über Davies, der wegen einer Muskelverletzung im Oberschenkel seit Anfang Mai kein Pflichtspiel mehr absolviert hatte.
Davies habe „ein bisschen mehr Kreativität mit seinen Pässen“ ins Spiel gebracht, urteilte Schweinsteiger. „Am Anfang ist er noch ein bisschen vorsichtig in die Zweikämpfe gegangen, das hat man gemerkt. Aber einige Minuten später sah es schon flüssiger aus.“
„Er hat neuen Schwung ins Spiel gebracht“
Zudem habe der Linksverteidiger seinen Mitspielern Räume geöffnet: „Er zieht Aufmerksamkeit auf sich und wird dadurch gedoppelt. Mit einem einfachen Pass wird dann ein Teamkollege frei.“
Zwar habe Davies nicht mit ganz großen Aktionen geglänzt, fuhr Schweinsteiger fort, „aber er hat mit einigen Aktionen zumindest neuen Schwung ins Spiel gebracht“.
Und so nahm er eine wichtige Rolle für sein Team ein, auch wenn es den Anschein machte, dass er bis zu seiner früheren Topform noch eine Weile braucht.
Auch Kanadas Nationaltrainer Jesse Marsch lobte den Rückkehrer nach dem historischen Einzug ins Achtelfinale: „Ich habe es am Anfang gesagt: Alphonso hat natürlich große Qualität. Er kann das Spiel annehmen und die Gegner müssen sich mit ihm beschäftigen. Das hat er gemacht.“
Marsch macht Hoffnung bei Davies
In der Vorrunde hatte Marsch noch auf den Kapitän verzichtet. Nach Davies’ ersten Einsatzminuten beim Turnier in Nordamerika machte Marsch bereits Hoffnung auf mehr: „Jetzt müssen wir physisch an ihm arbeiten. Im nächsten Spiel kann er noch mehr Minuten spielen.“
Zuvor hatte die Situation um Davies die kanadischen Fans tagelang beschäftigt. Wann, so lautete die große Frage seit Turnierbeginn, macht der Superstar endlich mit?
Schon gegen die Schweiz (1:2) hätte der Bayern-Profi sein Comeback feiern sollen, das hatte Marsch im Vorfeld angekündigt. Später räumte der Nationaltrainer ein, die Ankündigung sei lediglich ein „Decoy“, also ein bewusstes “Ablenkungsmanöver”, gewesen.
Vor dem Duell mit Südafrika kündigte Marsch erneut an, Davies sei in „großartiger Form und hervorragender Verfassung“.
Wirklich an einen Einsatz glauben wollte jedoch kaum noch jemand – und zunächst schien sich diese Skepsis zu bestätigen. Rund eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff stand fest: Davies nahm erneut zunächst auf der Bank Platz.
Doch diesmal kam er tatsächlich: In der 75. Minute war das Warten beendet – und die kanadischen Fans hatten einen besonderen Grund zum Jubeln.