Die Fußball-Weltmeisterschaft schreibt Geschichten, die um den Globus gehen. Von Social-Media-Phänomen Josimar Dias bis hin zum rudernden norwegischen Parlament. Das größte Turnier der Historie ist seit Sonntagabend um eine reicher.
Ein ehemaliger iranischer Hirten-Nomade schwingt sich auf, seinem Land den Rücken freizuhalten, wie eine Wand. Beiranvand. Das Wortspiel drängt sich bei dem Nachnamen auf, der 33-jährige Alireza Beiranvand hielt mit sieben – teils unglaublichen – Paraden seiner Nation das Unentschieden (0:0) gegen die favorisierten Belgier fest.
„Er ist einer der besten iranischen Torhüter der Geschichte, sehr intelligent, sehr erfahren und war heute in Topform. Ihm verdanken wir einen Punkt“, sagte Trainer Amir Ghalenoei stolz: „Deswegen wird diese Leistung heute in die Geschichte eingehen.“ Doch beinahe wäre es nie so weit gekommen.
Denn der 1,95 Meter großgewachsene Iraner sollte eigentlich nie Fußball spielen. Im Kreis seiner Nomaden-Familie hatten sowohl die Schulbildung als auch der sportliche Wettkampf kaum einen Stellenwert, einzig die Arbeit und der gleichbedeutende Lebenserhaltungstrieb zählten. Eine neue Grasfläche für die Schafherde stach den Fußball aus. Besonders Vater Morteza habe darauf geachtet, dass der Ball keinen Platz im Leben der Familie hat.
„Er verlangte von mir, dass ich arbeite, und hat mir sogar meine Kleidung und meine Handschuhe zerrissen“, erzählte der Junior 2018 dem englischen Guardian. So wurden eben keine Fußbälle als Torhüter zu Teamkollegen geworfen, sondern Steine auf dem Acker – bis Alireza 14 Jahre alt war.
WM-Held flieht mit 14 Jahren – und wird obdachlos
Dann floh er. Ohne Kenntnis seiner Eltern machte sich der Spross auf den Weg in die acht Millionen Menschen beherbergende Hauptstadt Teheran, um sich dem Sport zu widmen. Was jedoch folgte, war eher eine Tortur als ein gelebter Traum in der Sportwelt.
Beiranvand wurde umgehend obdachlos und schlug sich mit Gelegenheitsjobs herum. „Wenn man mit den Obdachlosen rund um den Azadi-Platz spricht, kennt mich dort jeder – einfach deshalb, weil ich direkt daneben auf der Straße geschlafen habe“, zitiert die Bild-Zeitung den heutigen Nationalkeeper.
In einer Näherei, als Pizzabäcker und Fabrikarbeiter hielt sich der Jugendliche über Wasser – ein Leben fernab der fußballerischen Hochglanzwelt. Als Autowäscher durfte er den Wagen von Irans Fußballikone schlechthin, Ali Daei, säubern. Ein Fragen nach dessen fußballerischem Rat oder Hilfe soll wegen Beiranvands Schamgefühl nie stattgefunden haben.
Doch der zähe Nomaden-Junge kämpfte sich trotz der widrigsten Umstände durch – auch fußballerisch. Denn schon zum Karrierestart kriselte es gewaltig: Beiranvand wurde bei Naft Teheran entlassen, weil er mit einer anderen Mannschaft trainiert und sich dabei verletzt hatte, berichtet die L’Équipe. Zuvor hatte er noch unentgeltlich in deren Gebetsraum nächtigen dürfen, eine Obhut hatte er immer noch nicht.
Erst über den zweiten Karriereweg feierte er mit 19 Jahren schließlich sein Profidebüt und etablierte sich mit dem FC Persepolis an der Spitze des iranischen Fußballs. 2017, 2018 und 2020 holte er den Meistertitel und wurde für seine langen, schleuderartigen Abwürfe weltweit bekannt. Aus einem Steine werfenden Jungen wurde so ein Nationalkeeper.
WM: Er hielt schon einen Elfmeter von Cristiano Ronaldo
88 Länderspiele und ein Abstecher nach Europa (Royal Antwerpen in Belgien und Boavista in Portugal) später kann Beiranvand bereits auf eine beeindruckende Karriere im Nationaltrikot zurückblicken: Bei der WM 2018 hielt er unter anderem einen Elfmeter von Cristiano Ronaldo und trotzte den Portugiesen ein Unentschieden ab.
Doch die politischen Umstände in der Heimat setzen auch der Nationalmannschaft fortan immer wieder zu, ein Kriegszustand beeinflusst unweigerlich auch den sportlichen Alltag. Der ehemalige Nationalkeeper Rashid Mazaheri wurde im Mai festgenommen, als er versucht hatte, ohne Erlaubnis aus dem Iran auszureisen.
Zwar gilt Beiranvand nicht gerade als Regimekritiker, doch die speziellen Einreisebestimmungen in die USA und die Weltlage lassen eine Mannschaft zum politischen Symbol einer gesamten Nation werden.
WM-K.o.-Runde winkt dem Iran
Sportlich soll dafür jetzt der ganz große Wurf gelingen: Der erstmalige Einzug in die K.o.-Phase. Nach Unentschieden gegen Belgien (0:0) und Neuseeland (2:2) ist die Ausgangslage in der Gruppe G durchaus komfortabel. Ein Sieg am Samstag gegen Ägypten reicht sicher, ein weiteres Unentschieden könnte unter Umständen ebenfalls für das Sechszehntelfinale genügen.
Ein Erfolg wäre ein Ebenbild Beiranvands Karriere, ja beinahe Leben. Entgegen aller Widerstände zum Erfolg. Dabei will der Keeper, der gegen Belgien zum Spieler des Spiels gekürt wurde, erneut auftrumpfen. Denn sein Vertrag beim heimischen FC Tractor läuft Ende Juni aus.
Bei diesen Leistungen dürfte aber nicht nur die WM um eine Geschichte, sondern auch der iranische Nomaden-Junge bald um einen Vertrag reicher sein.