Wenn deutsche Handballfans den Namen Emil Nielsen hören, brechen sie selten in Jubel aus. Im Gegenteil: Der dänische Weltklasse-Torhüter spielt nur allzu oft den Spielverderber.
So auch am Sonntagabend im Champions-League-Finale – dem größtmöglichen Spiel im Vereinshandball. Als in der Kölner Arena die 59. Minute angebrochen war und Füchse-Linksaußen Tim Freihöfer beim Stand von 33:36 in der Verzweiflung aus spitzem Winkel den schnellen Abschluss suchte, war der Schlussmann des FC Barcelona einmal mehr zur Stelle.
Nielsen machte sich breit, verriegelte das lange Eck und parierte mit dem Arm. Im Fanblock und auf der Bank der Katalanen brandete frenetischer Jubel auf. Der Traum der Füchse Berlin vom ersten Champions-League-Titel der Vereinsgeschichte war hingegen wie schon im Vorjahr geplatzt.
„Perfekter Abschluss“ für Emil Nielsen
Als wenig später die Schlusssirene ertönte und der erste Barca-Jubel über den 37:34-Erfolg etwas abgeflaut war, kullerten Nielsen sogar ein paar Tränen über das Gesicht. So groß war die Freude des dänischen Hexers, der Barcelona nun nach vier Jahren verlässt und beim ungarischen Topklub Veszprem bis 2029 unterschrieben hat.
„Das war definitiv der perfekte Abschluss für meine Zeit in Barcelona“, erklärte Nielsen nach seinem zweiten Königsklassen-Titel mit den Katalanen. „Ich habe vier Jahre in Barcelona verbracht, daher bedeutet mir das sehr viel.“
Natürlich war der Rekordchampion, der mit überragendem Tempospiel und eiskalter Chancenverwertung den Berlinern das Leben schwer machte, nicht allein dank seines Torhüters siegreich. Doch mit 14 Paraden hatte Nielsen entscheidenden Anteil am 13. Champions-League-Titel der Vereinsgeschichte.
Sogar der Welthandballer verzweifelt an ihm
Wie groß sein Einfluss war, zeigte sich anschließend in der Mixed Zone. Nahezu jeder Füchse-Spieler verwies auf die Leistung des dänischen Nationalkeepers. „Wir haben immer daran geglaubt und viele gute Chancen bekommen. Aber Emil hat zwei, drei wahnsinnig gute Paraden gezeigt – bei freien Würfen, bei denen du normalerweise weißt: Die machen wir“, erklärte der scheidende Berliner Lasse Andersson.
Auch Rückraumspieler Matthes Langhoff nannte Nielsen als einen der Schlüsselfaktoren: „Er hat heute einfach einen sehr guten Tag erwischt und uns einige Bälle abgekauft.“
Selbst der sonst alles und jeden überragende Welthandballer Matthias Gidsel, mit 161 Toren der erfolgreichste Werfer der Königsklasse, biss sich lange die Zähne an der katalanischen Defensive um Nielsen aus.
„Überragendes Finale“ von Deutschland-Schreck
Das Endspiel war noch nicht mal eine Minute alt, da nahm der Keeper seinem Nationalmannschaftskollegen direkt einen freien Wurf weg. In Kombination mit der hervorragenden Barca-Deckung tat sich Gidsel auch in der Folge ungewohnt schwer, seine nächsten beiden Abschlüsse fanden ebenfalls nicht den Weg ins Netz.
Erst in der 25. Minute brach er mit dem Treffer zum 12:16 den Bann. Doch selbst danach entwickelten Gidsel und der Füchse-Angriff nicht die gewohnte Durchschlagskraft – auch wegen Nielsen.
„Immer wenn wir das Gefühl hatten, wir bekommen das Momentum, war da ihre Torhüterleistung. Er war überragend in so einem Finale“, adelte Gidsel seinen Landsmann später.
„Das ist natürlich echt hart für unser Gefühl“
Die Paraden von Nielsen, dem Dänemarks Nationaltrainer Nikolaj Jakobsen einst die Eignung für den Leistungssport abgesprochen hatte, hatten eine zermürbende Wirkung auf die Hauptstädter. „Immer wenn wir uns durchgekämpft haben, steht Emil da. Das ist natürlich echt hart für unser Gefühl auf dem Spielfeld“, gab Gidsel zu.
So wurde Nielsen, der von der Presse schon als „übermenschlich“ oder „nicht von dieser Welt“ bezeichnet wurde, einmal mehr zum Endgegner deutscher Handballträume. Denn auch die DHB-Auswahl zog bei zurückliegenden Duellen mit Dänemark bereits mehrfach gegen ihn den Kürzeren.
Bei der EM 2026 zeigte Nielsen in den Duellen gegen Deutschland in der Hauptrunde und im Finale zusammengerechnet 21 Paraden. Zwei Jahre zuvor hatte er das Team von Bundestrainer Alfred Gislason mit einer Fangquote von 42,1 Prozent im Halbfinale gestoppt.
Auch die Kieler mussten gegen ihn leiden
Ebenfalls leidvolle Erfahrungen mit dem Dänen machte der THW Kiel. Beim Final Four 2024 gingen die Norddeutschen im Halbfinale mit 18:30 gegen Barcelona unter – nicht zuletzt, weil an Nielsen praktisch kein Vorbeikommen war. „Der macht uns fast alleine kaputt“, sagte Rune Dahmke damals.
Handball-Legende Daniel Stephan hatte vor dem diesjährigen Finalwochenende in Köln bereits eine Vorahnung, wie wichtig der Torhüter einmal mehr werden könnte.
„Nielsen beeindruckt mich, der sieht so überhaupt nicht sportlich aus, aber wenn der dann einen Lauf kriegt, das ist Wahnsinn. Dann kann man den kaum überwinden“, erklärte der Welthandballer von 1998 im Vorfeld im SPORT1-Interview.
Gidsel: „Seine Leistung muss man einfach anerkennen“
Dass Nielsen nun ausgerechnet Gidsel – dem Mann, dem er sonst im dänischen Nationalteam den Rücken freihält – einen Strich durch die Rechnung machte, konnte der Füchse-Star nach dem verlorenen Finale dennoch verkraften.
„Ich kann das sehr gut akzeptieren“, erklärte Gidsel, als er auf diese Konstellation angesprochen wurde. „Seine Leistung muss man einfach anerkennen.“
Etwas anderes dürfte wohl auch den deutschen Handballfans kaum übrig bleiben. Denn wann immer Großes auf dem Spiel steht, scheint Emil Nielsen besonders gerne in die Rolle des Spielverderbers zu schlüpfen.