Die Bedenken waren unbegründet. Leicht war es nicht, Assan Ouédraogo von einer Teilnahme an der Pressekonferenz zu überzeugen, doch die Überredungskünste der DFB-Medienabteilung haben sich ausgezahlt. Der Nachrücker versprühte am Mittwochmittag in Winston-Salem eine bemerkenswerte Leichtigkeit, überzeugte rhetorisch und sorgte mit seiner unbekümmerten Art immer wieder für Lacher.

Auch David Raum, der neben dem 20-Jährigen saß, vergrub sein über beide Ohren strahlendes Gesicht mehr als einmal in den Händen. Auch wenn sich Ouédraogo in der Nationalmannschaft zunächst wohl eher hinten anstellen muss, dürfte ihm das Prädikat Publikumsliebling schon jetzt sicher sein.

DFB-Nachrücker Assan Ouédraogo zeigt im Training sein Können am Ball
DFB-Nachrücker Assan Ouédraogo zeigt im Training sein Können am BallDFB-Nachrücker Assan Ouédraogo zeigt im Training sein Können am Ball© IMAGO/Eibner

Ouédraogo über die Nominierung: „War unfassbar am Chillen“

„Ich lag auf der Liege, war unfassbar am Chillen“, erzählte Ouédraogo und sorgte schon früh für einen Lacher. Ob er „Alkohol getrunken“ habe, soll Bundestrainer Julian Nagelsmann ihn bei der Kontaktaufnahme in seinem Marbella-Urlaub gefragt haben. „Dabei trinke ich doch gar keinen Alkohol.“ Die Nachnominierung sei für ihn eine „Emotionsexplosion“ gewesen.

Für Ouédraogo geht mit dem Turnier ein Traum in Erfüllung, mit dem er selbst nicht mehr gerechnet hatte. Auch seine große Schwester, der er als Erstes von dem Anruf erzählte – weil er seine Mutter und seinen Vater zunächst nicht erreichen konnte –, traute ihren Ohren nicht. „Sie hat es mir anfangs nicht geglaubt.“

Trotz Traumdebüt: Ouédraogo vom Verletzungspech verfolgt

Dabei war er bereits vor rund einem halben Jahr auf bestem Weg, zu einem der Hoffnungsträger des DFB-Teams zu werden. Seit der U16 durchläuft er die Nachwuchsmannschaften des DFB.  Im November debütierte er für die A-Nationalmannschaft und wusste nicht zuletzt wegen seines viel umjubelten Treffers zum 6:0-Endstand gegen die Slowakei zu überzeugen. Seine Zukunft im DFB-Trikot schien sicher.

Doch immer wieder werfen den Youngster während seiner Karriere Verletzungen zurück. Knie- und Oberschenkelprobleme machen ihm regelmäßig zu schaffen. Innerhalb von zwei Jahren absolvierte er gerade einmal 25 Pflichtspiele für RB Leipzig. Auch auf Schalke, wohin er im Alter von acht Jahren gewechselt war, hatte er immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen.

Trotz allem spricht er aktuell von der „besten Saison seines Lebens“: Debüt für die DFB-Elf, die Qualifikation für die Champions League mit RB Leipzig (vier Tore, drei Vorlagen) und nun die Nominierung für die Weltmeisterschaft. „Es war ein turbulentes Jahr, aber das beste meines Lebens.“

Titel „wäre das Krasseste, was man holen kann“

Wie es ist, mit Deutschland Titel zu gewinnen, weiß Ouédraogo bereits aus seiner Zeit in der U17. Mit dem DFB-Nachwuchs wurde er sowohl Europa- als auch Weltmeister.

„Aber das kann man ja eigentlich gar nicht vergleichen mit dem, was hier abgeht. Das ist das Gleiche mal 15“, so Ouédraogo. Der Titel „wäre schon so das Krasseste, was man holen kann, das Maximum.“

Nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben hat er bereits einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Raum schwärmte auf SPORT1-Nachfrage auf der Pressekonferenz von einem „sehr angenehmen und ruhigen Zeitgenossen“, der „gut erzogen“ sei, „gute Manieren“ habe und „der weiß, sich in der Gruppe zu verhalten“. Genau diese Eigenschaften schätzt auch Nagelsmann an ihm. Von seiner angeblich schüchternen Art war am Mittwochmittag allerdings wenig zu sehen. Ob er nervös gewesen sei, nun mit Spielern wie Manuel Neuer zusammenzuspielen?

„Man redet natürlich nicht gleich mit ihm, wie ich mit Nene Brown rede. Das geht einfach nicht“, erklärte er über „den besten Torhüter aller Zeiten.“

Der flexibel einsetzbare Mittelfeldspieler, der seine Stärken im Dribbling hat, beschreibt sich selbst als „ein bisschen unberechenbarer Freestyler.“

Ouédraogo steht nach Reisestrapazen „voll im Saft“

Ouédraogo hat in den vergangenen Tagen einige Reisestrapazen hinter sich gebracht: Marketing-Tour mit RB Leipzig in Südafrika, zurück nach Deutschland, Urlaub in Marbella, Anruf von Nagelsmann, erneut zurück nach Deutschland und schließlich über Frankfurt nach Winston-Salem. Trainingsrückstand? „Ich bin voll im Saft“, machte er auf SPORT1-Nachfrage deutlich – ein Grund, weshalb er den Vorzug vor Said El Mala erhalten hat.

Assan Ouédraogo und David Raum spielen gemeinsam bei RB Leipzig
Assan Ouédraogo und David Raum spielen gemeinsam bei RB LeipzigAssan Ouédraogo und David Raum spielen gemeinsam bei RB Leipzig© IMAGO/Picture Point LE

Zu seinem unbekümmerten Auftreten dürfte auch sein Leipziger Teamkollege David Raum beitragen, der ebenfalls für seine offene und spontane Art bekannt ist. Dem Linksverteidiger ist Ouédraogo dankbar, dass er ihn „so gut ins Team eingebaut“ habe.

Bei der etwas mehr als 36 Minuten dauernden Pressekonferenz harmonierten die beiden prächtig miteinander. Als die den Saal schließlich über einen Nebeneingang verließen, machten sie noch kurz an einem gekühlten Getränkeautomaten Halt. Ouédraogo zog sich ein blaues isotonisches Getränk – einfach erfrischend.