Mit dieser Entscheidung hatten viele gerechnet, wirklich wahrhaben wollten sie aber am Ende nur die wenigsten: Bundestrainer Julian Nagelsmann hat Leroy Sané in den Kader der deutschen Nationalmannschaft für die WM in den USA, Kanada und Mexiko berufen.

Seit der offiziellen Bekanntgabe am vergangenen Donnerstag sorgt die Personalie für Diskussionen – genauer gesagt, wird derzeit kaum eine andere Entscheidung Nagelsmanns so intensiv diskutiert. Auch im SPORT1 Doppelpass war Sané am Sonntag eines der bestimmenden Themen.

Julian Nagelsmanns Entscheidung, Leroy Sané zu nominieren, sorgt für große Diskussionen
Julian Nagelsmanns Entscheidung, Leroy Sané zu nominieren, sorgt für große DiskussionenJulian Nagelsmanns Entscheidung, Leroy Sané zu nominieren, sorgt für große Diskussionen© IMAGO/Laci Perenyi

„Er kann einer Mannschaft natürlich etwas geben, was weltklasse ist. Deswegen haben wir den damals auch zum FC Bayern geholt“, erklärte der frühere Sportvorstand der Münchner, Hasan Salihamidzic. Gleichzeitig schob der 49-Jährige nach: „Auf der anderen Seite: Wenn er keine Lust hat, dann ist das eine Personalie, über die man selbstverständlich diskutieren muss.“

Damit spielte Salihamidzic auf einen Vorwurf an, der Sané seit Jahren begleitet: seine angeblich mangelnde Arbeitsmoral. Die oft als phlegmatisch wahrgenommene Körpersprache des Offensivspielers wird ihm regelmäßig negativ ausgelegt. Selbst Nagelsmann räumte jüngst ein: „Er ist ein Spieler, wo man immer mehr sieht, was er nicht bringt, weil er manchmal leider eine gewisse Ausstrahlung hat.“

Wegen Sané: Salihamidzic vermutet klare Absprachen

Im SPORT1 Doppelpass mutmaßte Salihamidzic deshalb, dass es zwischen Nagelsmann und Sané konkrete Gespräche gegeben habe: „Leroy muss dem Nationaltrainer etwas versprochen haben.“

Die fußballerischen Qualitäten des Flügelspielers stellte der frühere Bayern-Verantwortliche dabei nicht infrage. „Spielerisch und von der Geschwindigkeit her“ könne Sané der Nationalmannschaft helfen. Dennoch gab Salihamidzic zu bedenken: „Wir wissen, dass er auch beim FC Bayern nicht das gebracht hat, was wir uns von ihm erwartet haben.“

Für ihn liegt es daher nahe, dass die Rollenverteilung für die WM klar definiert wurde: „Leroy muss sich natürlich unterordnen. Er ist vom Ansehen her einer der Topspieler, wird aber wahrscheinlich nicht von Anfang an spielen.“ Deswegen sei es wichtig, „dass er gute Laune hat und im Training Gas gibt“. 

Ähnlich ordnete auch Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg Sanés Standing bei der WM ein. „Über Sané können wir streiten: Ich glaube, er ist eher ein Backup-Spieler in diesem Turnier, sticht aber natürlich heraus mit seiner Physis und seiner Geschwindigkeit“, schilderte der SPORT1-Experte. Gegen bestimmte Gegner könne der 30-Jährige von der Bank eine wertvolle Option sein.

Schwache Saison liefert Kritikern Argumente

Dass Sanés Nominierung derart hohe Wellen schlägt, hängt vor allem mit seiner überschaubaren Bilanz in dieser Saison zusammen. Selbst der Bundestrainer bekannte am Donnerstag, dass die Quote des Flügelspielers mit sieben Toren und neun Assists aus wettbewerbsübergreifend 43 Einsätzen für Galatasaray „generell zu wenig“ sei.

Im aktuellen Jahr gelangen Sané, der im vergangenen Sommer den FC Bayern verlassen hatte und in die Süper Lig gewechselt war, sogar lediglich ein Tor und drei Assists für das Team aus Istanbul.

Nagelsmann begründete seine Entscheidung daher vor allem mit den Leistungen im Nationaltrikot: In seinen letzten vier Länderspielen erzielte Sané zwei Tore und bereitete drei weitere Treffer vor. „Die Quote ist sehr, sehr gut“, betonte der Bundestrainer.

Warum Sané? "Er hat was ganz Besonderes"

Warum Sané? „Er hat was ganz Besonderes“

Für Salihamidzic durchaus nachvollziehbar: „Manchmal kann man auch Spieler mitnehmen, die in der Nationalmannschaft ihre Leistungen gebracht haben, im Klub aber nicht so gut gespielt haben.“

Matthäus widerspricht Nagelsmann deutlich

Die Argumentation des Bundestrainers stößt jedoch nicht überall auf Zuspruch. Lothar Matthäus stellte in der Bild unmissverständlich klar: Er hätte Sané „nicht nominiert“.

Die von Nagelsmann angeführte Statistik höre sich „ganz gut an, aber gegen wen haben wir denn gespielt?“, fragte der Rekordnationalspieler. Gemeint waren die Partien gegen Luxemburg (2:0), die Slowakei (6:0), die Schweiz (4:3) und Ghana (2:1).

Unter dem Strich habe Sané „die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt“, fuhr der 65-Jährige fort – und sieht damit einen Widerspruch im Vorgehen des Bundestrainers. Das Leistungsprinzip, das etwa bei Manuel Neuer angewandt wurde, werde in der Causa Sané „auf einmal nicht mehr in die Bewertung einbezogen“.

Nominierung im Widerspruch zu alten Aussagen?

Tatsächlich wirken einige frühere Aussagen Nagelsmanns heute widersprüchlich. Für die ersten WM-Qualifikationsspiele im September 2025 hatte er Sané nicht nominiert und dies ausdrücklich mit dessen Leistungen in der türkischen Liga begründet.

„Er spielt in einer Liga, die ein bisschen schlechter ist als die Bundesliga und ich finde, dass er dort noch mehr auffallen muss“, hatte der 38-Jährige gefordert. Zudem betonte er: „Wenn du nicht in der englischen, spanischen, deutschen, französischen oder italienischen Liga spielst, muss deine Quote schon noch einen Tick besser werden.“

Zwar hatte Sané bei Galatasaray durchaus gute Phasen, insgesamt verlief seine Saison aber sehr durchwachsen. Auch seine Rolle beim türkischen Meister war vor diesem Hintergrund nicht immer unumstritten: Bei wichtigen Champions-League-Partien, etwa in den Playoffs gegen Juventus Turin oder im Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Liverpool, saß er lange oder gar komplett auf der Bank.

Selbst sein prominenter Fürsprecher Joachim Löw, der bei der Veranstaltung „Bild 100 Sport“ erklärte, er hätte Sané auch nominiert, sprach die fehlende Konstanz an. „Ich wünsche mir, dass er das mal konstant zeigt. Wichtig ist bei einem Turnier, dass du das als Spieler mal über fünf, sechs, sieben Spiele zeigst. Er zeigt es manchmal ansatzweise, dann kann er Spiele entscheiden. Und manchmal brauchst du solche Entscheider“, meinte der frühere Bundestrainer.

Nagelsmann setzt bei Sané auch auf andere Faktoren

Für Nagelsmann zählen abseits des Sportlichen jedoch auch andere Punkte: Sané genieße „eine extrem hohe Anerkennung innerhalb der Mannschaft“ und habe eine „extrem enge Bindung“ zu vielen Kollegen, betonte er bei der Kaderbekanntgabe.

Nagelsmann weiß, dass Sané mit der „Herausforderer-Rolle“ – wie es der Bundestrainer nannte – umgehen kann. So hatte der 30-Jährige diese Rolle bereits in der Gruppenphase der Heim-EM 2024 ohne Murren angenommen.

Hinzu kommt die langjährige Beziehung zwischen Trainer und dem Ex-Bayern-Spieler. Nagelsmann betonte, einen „super Draht“ zu Sané zu haben. Entsprechend optimistisch blickt er auf das Turnier: „Ich traue mir zu, den Spieler so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen entfallen werden als negative.“

Die Diskussion wird vorerst nicht verstummen

Für Matthäus stellt das aber nur ein weiteres fragwürdiges Argument dar. „Dass Nagelsmann ihn länger kennt als vielleicht einen anderen Spieler, darf nicht ausschlaggebend für eine Nominierung sein. Er kennt Leroy und kann mit ihm umgehen, aber das darf jetzt kein Grund sein“, kritisierte der 65-Jährige.

So bleibt Sané die wohl umstrittenste Personalentscheidung im deutschen WM-Kader. Ob Nagelsmann mit seiner Einschätzung richtig liegt, wird sich wohl erst bei der WM zeigen. Bis dahin dürfte die Debatte weitergehen – und jeder Auftritt des Flügelspielers genau beobachtet werden.