Es waren denkwürdige Szenen, die sich in der Mittagshitze von Rom abspielten. Qualifikant Andrea Pellegrino brüllte die Freude aus sich heraus, konnte sein Glück nicht fassen. Die Fans bejubelten den Erfolg ihres neuen Local-Heroes ekstatisch.
„Das Märchen von Andrea Pellegrino erhellt weiterhin das Foro Italico“, schrieb das italienische Medium OA sport. Pellegrino hatte soeben völlig überraschend US-Star Frances Tiafoe besiegt (7:6, 6:1) und war bei seiner ersten Masters-Hauptfeld-Teilnahme überhaupt direkt ins Achtelfinale durchmarschiert.
Spektakuläres Duell mit Jannik Sinner wartet
Dort geht es nun gegen den Weltranglistenersten Jannik Sinner. „Das ist unglaublich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich solche Niveaus erreichen würde. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung“, freute sich der Senkrechtstarter im On-Court-Interview.
Und tatsächlich war Pellegrinos märchenhafter Durchmarsch so nicht zu erwarten. Im fortgeschrittenen Alter von 29 Jahren, in der Weltrangliste jenseits der Top 100 platziert, kämpfte sich Pellegrino erstmals durch die Qualifikation bei einem Masters – als Spieler, der sonst größtenteils auf der ATP-Challenger-Tour unterwegs ist.
Zudem wurde Pellegrino zuletzt immer wieder von Verletzungen ausgebremst, verlor vor dem Turnier fünf seiner letzten sechs Matches. „Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Ich habe mir eine Rückenverletzung zugezogen. Letzten Monat habe ich einige Turniere ausgelassen und Monte Carlo verpasst. Hier zu sein, ist für mich etwas ganz Besonderes“, erzählte Pellegrino, der immer wieder mit seinen ärmellosen T-Shirts auffällt.
Pellegrinos märchenhafter Aufstieg
Wie besonders es für Pellegrino war, merkte man ihm bei jedem einzelnen Ballwechsel an. Bei schwierigen Bedingungen kämpfte der Rechtshänder erbittert um jeden Punkt. Sein Kontrahent Tiafoe haderte mit dem langsamen Court und besonders mit dem Wind. Nach 71 Minuten nutzte Pellegrino schließlich seinen sechsten Satzball.
Angepeitscht von den Fans zog der Rechtshänder im zweiten Satz schnell mit 3:0 davon, gewann diesen schließlich auch mit 6:1. Und so wurde er nach Lorenzo Musetti (2020), Davide Scala (1997) und Corrado Borroni (1995) zum ersten Italiener, der es beim prestigeträchtigen Turnier in Rom als Qualifikant bis ins Achtelfinale schaffte.
Auf dem Weg dahin hatte Pellegrino von der Aufgabe des formstarken Franzosen Arthur Fils profitiert. Zuvor hatte er Landsmann Luca Nardi in einem umkämpften Match aus dem Turnier geworfen.
ATP-Masters in Rom: Vielsagende Geste von Pellegrino
In der Qualifikation sah sein Verhältnis zu den Fans noch ganz anders aus. Pellegrino hatte in der letzten Qualifikationsrunde gegen den Spanier Martin Landaluce einen Großteil der Zuschauer gegen sich, offenbar weil diese auf seinen Gegner Wetten platziert hatten.
Nach dem Sieg ging er zunächst in Richtung Tribüne und machte eine Geld-Geste, um anschließend den Court zu verlassen, während er seinen kleinen Finger mahnend erhob.
Als Pellegrino von Sinner eine Abreibung kassierte
Doch all das ist nun Geschichte. Pellegrino darf sich auf ein Duell mit Dominator Sinner freuen. Beim letzten Aufeinandertreffen, dem Finale beim ITF-Turnier in Santa Margherita di Pula 2019, hatte Pellegrino lediglich zwei Spiele gewonnen (1:6, 1:6).
„Ich erinnere mich“, sagte er mit einem Lächeln, aber auch dieses Match müsse schließlich erst einmal gespielt werden.
Der ehemalige deutsche Tennisprofi Patrik Kühnen bilanzierte: „Er macht die Italiener hier verrückt. Für ihn geht es nur noch aufwärts. Das ist sensationell für Pellegrino.“
Sinner meinte: „Ich freue mich sehr für ihn. Er trainiert sehr hart. Er hat nichts zu verlieren, ich habe sehr viel zu verlieren.“