Der Countdown läuft: In 50 Tagen beginnt die WM. Von großer Euphorie und Vorfreude ist hierzulande bislang noch wenig zu spüren. Ganz anders war die Ausgangssituation vor 20 Jahren – vor dem „Sommermärchen“ 2006, auf das Fußball-Deutschland lange im Voraus hinfieberte.
Der ehemalige BVB-Sportdirektor und Nationalspieler (31 Spiele/2 Tore) Sebastian Kehl lässt im exklusiven SPORT1-Interview die Erinnerungen an die Heim-WM aufleben – und erklärt, wie wichtig Teamchemie und die Wahl des richtigen Quartiers sein können.
Außerdem blickt er auf das bitterste Spiel seiner DFB-Karriere zurück und verrät, warum ein Italien-Urlaub erst Jahre später wieder möglich war. Zudem schätzt der 46-Jährige die Titelchancen der deutschen Nationalmannschaft in den USA, Kanada und Mexiko ein.
Kehl: „Besondere Magie hat sich lange vorher aufgebaut“
SPORT1: Herr Kehl, erinnern Sie sich bitte einmal an die Zeit vor Ihren WM-Teilnahmen 2002 und 2006. Gab es da Wochen vorher schon so etwas wie Euphorie oder kommt das erst kurz vor dem Start?
Sebastian Kehl: 50 Tage vorher wusste man ja oft noch gar nicht, ob man überhaupt nominiert wird (lacht). Aber grundsätzlich war die Vorfreude auf die Turniere riesig – gerade auf die WM im eigenen Land. Das erlebt man in der Karriere nicht oft. Für mich war das ein zusätzlicher Motivationsschub, gerade in den letzten Wochen der Saison nochmal alles zu geben, um in den Kader zu kommen. Man hat gespürt, dass sich das ganze Land über Jahre auf dieses Turnier vorbereitet hat – dieses Motto „Zu Gast bei Freunden“ klingt kitschig, aber so hat es sich angefühlt. Die Euphorie und die besondere Magie haben sich schon lange vorher aufgebaut.
SPORT1: Wie haben Sie Ihre Nominierungen 2002 und 2006 erlebt?
Kehl: 2002 war es für mich überraschender, da bin ich spät dazugekommen. Davor war ich noch bei der U21. 2006 war ich in einer ganz anderen Situation – ich war schon etablierter Nationalspieler und hatte natürlich auch eine höhere Erwartung, dabei zu sein. Beide Turniere waren besondere Erfahrungen, auf die ich sehr gerne zurückblicke. Manchmal muss ich mich selbst kneifen, dass das schon wieder 20 Jahre her ist. Im Mai haben wir ein Treffen mit allen Beteiligten von damals. Das zeigt schon, wie besonders diese Truppe, ihr Zusammenhalt und diese Wochen waren.
SPORT1: Wann habt ihr bei der WM 2006 gemerkt, dass es etwas ganz Besonderes werden kann?
Kehl: So richtig hat sich das im Turnierverlauf entwickelt. Gerade die Spiele – zum Beispiel in Dortmund gegen Polen oder später im Achtelfinale – haben gezeigt, dass etwas Großes möglich ist. Die Stimmung im Land wurde immer intensiver. Das Wetter war durchgängig fantastisch, die Leistungen haben gestimmt, und die Menschen haben sich immer mehr mit der Mannschaft identifiziert. Diese Euphorie ist richtig gewachsen.
Kehl über WM-Aus gegen Italien: „Das war brutal“
SPORT1: Im Halbfinale gegen Italien rückten Sie erstmals im Turnier in die Startelf und standen die gesamten 120 Minuten auf dem Feld – war das Ihr bitterstes Spiel im Nationaltrikot?
Kehl: Ja, absolut. Das war brutal. Es war alles darauf ausgerichtet, ins Finale zu kommen. In Dortmund, im eigenen Stadion, von Anfang an zu spielen – das war schon unglaublich. Die Niederlage nach Verlängerung fühlte sich dann aber extrem bitter an. Ich habe nach dem Schlusspfiff eine unglaubliche Leere empfunden. Das gehört definitiv zu den prägendsten Spielen meiner Karriere, an die ich immer wieder denken muss.
SPORT1: Welche Szenen sind Ihnen im Kopf geblieben?
Kehl: Natürlich die Gegentore in der Verlängerung. Ich habe mir das Spiel ehrlich gesagt niemals wieder in voller Länge angeschaut. Das tut heute noch weh. Dieses 0:1 von Fabio Grosso hat sich unwirklich angefühlt – in diesem Moment ist ein riesiger Traum zerplatzt. Dass unser Sommermärchen auf diese Art enden würde, hat unglaublich geschmerzt. Es war eine Mischung aus Schockstarre und Fassungslosigkeit. Auch für die Menschen im Land war das eine Enttäuschung. Wir haben alle daran geglaubt, dass wir diesen Titel holen können.
SPORT1: Konnten Sie seitdem wieder Urlaub in Italien machen?
Kehl: Sagen wir mal so: Es hat ein paar Jahre gedauert, aber dann konnte ich dieses wunderbare Land auch wieder als Urlaubsziel bereisen (lacht).
WM 2006? „Mehr positive Erinnerungen als negative“
SPORT1: Trotz des Italien-Traumas wird die WM 2006 ja oft als „Sommermärchen“ bezeichnet. Was bleibt in Erinnerung?
Kehl: Auf jeden Fall verbinde ich deutlich mehr positive Erinnerungen als negative. Die Stimmung im Land, die Euphorie und die Freundlichkeit der Menschen waren wirklich einzigartig. Das Spiel um Platz drei nach der Halbfinal-Niederlage war Gänsehaut pur. Und natürlich der Empfang in Berlin mit Hunderttausenden Fans – das war unglaublich. Für meine Familie und Freunde ist das bis heute präsent, wir sprechen immer wieder darüber. Am Ende war es Platz drei, und das war ein starkes Ergebnis.
SPORT1: Ihr Quartier damals lag in Berlin-Grunewald. Woran denken Sie bei der Unterkunft zuerst?
Kehl: Es war sehr familiär, ein Ort der Ruhe und Konzentration. Gleichzeitig hatten wir die Möglichkeit, auch mal rauszugehen und die Stimmung in der Stadt mitzuerleben und aufzusaugen. Das Quartier war hervorragend organisiert – für mich ein extrem wichtiger Faktor für den Erfolg.
SPORT1: Können Sie das näher erklären?
Kehl: Die Auswahl des Quartiers hat eine große Bedeutung. Nicht erst seit 2006 weiß man, wie entscheidend das sein kann. Die Abläufe, die Atmosphäre, die Möglichkeiten zur Regeneration – all das war Gold wert. Man lebt lange Zeit sehr eng zusammen, da muss einfach alles passen.
SPORT1: Wie sah Ihre Freizeit außerhalb des Platzes aus?
Kehl: Wir haben viel gemeinsam gemacht – abends haben wir häufig Spiele geguckt. Dann haben wir vor allem so richtig mitbekommen, wie groß die Euphorie im Land war. Im Quartier waren wir schon auch ein Stück weit in unserer eigenen Blase. Sonst haben wir gerne Billard oder PlayStation gespielt oder Filme geguckt. Wir hatten in Berlin aber auch die Möglichkeit, mal auswärts essen oder ins Kino zu gehen. Manchmal war man aber auch einfach froh, im Zimmer zu sein oder Besuch von der Familie zu bekommen. Es war eine gute Mischung aus Gemeinschaft und Rückzug.
Campo Bahia 2.0: So idyllisch lebt das DFB-Team bei der WM
SPORT1: Bei der anstehenden WM in den USA liegt das Mannschaftsquartier relativ abgelegen. Wie groß ist aus Ihrer Erfahrung die Gefahr eines Lagerkollers?
Kehl: Die besteht grundsätzlich immer, vor allem wenn die Ergebnisse nicht stimmen oder es innerhalb der Mannschaft Probleme gibt. Aber wir hatten 2006 eine echt tolle Truppe. Ein echtes Team. Jeder kannte seine Rolle, alle haben sich gegenseitig unterstützt. Oliver Kahn und Jens Lehmann waren das beste Beispiel dafür. Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und auch Oliver Bierhoff haben bei der Kaderzusammenstellung ganz bewusst auf Charakterzüge geachtet und dabei ein gutes Händchen bewiesen.
Für Deutschland ist bei der WM „auch der Titel“ möglich
SPORT1: Auch Julian Nagelsmann setzt auf eine klare Rollenverteilung …
Kehl: Ich halte das für sehr wichtig, gerade bei einem Turnier. Er wird damit seine Erfahrungen gemacht haben, und ich kann nur aus meiner Erfahrung sagen: Es hilft, wenn jeder weiß, was von ihm erwartet wird. Es liegt dann auch gleichzeitig an jedem selbst, die Erwartungen zu übertreffen.
SPORT1: Gehört die deutsche Nationalmannschaft für Sie zum Favoritenkreis?
Kehl: Deutschland ist immer in der Lage, eine große Rolle zu spielen und sich im Turnierverlauf zu steigern. 2002 hatten wir sicherlich nicht die höchste Qualität und standen am Ende trotzdem im Finale. Wenn die Mannschaft mit all ihrer individuellen Qualität zusammenhält und einen richtigen Teamgeist entwickelt, ist alles möglich, auch der Titel. Das wünsche ich dem aktuellen Team sehr.
SPORT1: Achten Sie bei der Kadernominierung am 12. Mai besonders darauf, welche BVB-Spieler es ins Aufgebot schaffen?
Kehl: Natürlich! Ich werde das auf jeden Fall verfolgen und für die Dortmunder Jungs hoffen. Aber am Ende freue ich mich einfach über Erfolge unserer Nationalmannschaft. Da ist es zweitrangig, aus welchem Verein die Spieler kommen.