Esther Pfeiffer ist das Maß der Dinge im Halbmarathon in Deutschland: Mit ihrem dritten nationalen Titel in Folge hat die Läuferin im März eindrucksvoll ihre Vormachtstellung bewiesen. Auch in der europäischen Spitze fasst die 28-Jährige immer weiter Fuß.
Im vergangenen Jahr setzte Pfeiffer beim Red Bull Wings for Life World Run mit der besten Zeit weltweit in der Frauenwertung ein Ausrufezeichen. Dieses Jahr ist sie wieder am Start.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht die Langstreckenexpertin über ihren Weg nach oben, das Leben und Trainieren mit Ehemann Hendrik Pfeiffer und darüber, wie realistisch eine Olympia-Teilnahme für sie inzwischen ist. Zudem bewertet Pfeiffer die WM-Ausbootung ihres Gatten kritisch.
Esther Pfeiffer: „Spüre, dass es weiter vorangeht“
SPORT1: Frau Pfeiffer, Sie haben sich in den vergangenen Jahren in der europäischen Spitze etabliert – welcher Entwicklungsschritt war aus Ihrer Sicht dafür entscheidend?
Esther Pfeiffer: Der Hauptgrund war, dass ich vor ein paar Jahren meinen heutigen Ehemann (Hendrik Pfeiffer, Olympischer Marathonläufer; Anm. d. Red.) kennengelernt habe. Zuvor hatte ich weder ein optimales Trainingsumfeld noch einen passenden Coach. Zudem wurde ich nicht ideal an ein strukturiertes Training herangeführt. Damals habe ich mich an meinem Freund orientiert, der deutlich stärker war als ich. Von Menschen, die besser sind als man selbst, lernt man – und genau das habe ich getan. Mittlerweile trainiere ich auf einem sehr hohen Niveau.
SPORT1: Ihre 1:07:28 Stunden beim Halbmarathon 2025 in Köln bedeuteten einen Streckenrekord – wann haben Sie selbst gespürt, dass noch einmal ein neues Leistungsniveau möglich ist?
Pfeiffer: Im Vorfeld lief das Training wirklich sehr gut. Entsprechend selbstbewusst bin ich auch ins Rennen gegangen. Bei Kilometer zehn habe ich meine Zwischenzeit gesehen und gespürt, dieses Tempo in der zweiten Hälfte halten zu können. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn es war ein weiterer Entwicklungsschritt. In den vergangenen Jahren habe ich mich kontinuierlich verbessert und spüre, dass es immer weiter vorangeht und viele Potenziale gibt. Genau das macht besonders viel Spaß.
„Ohne meinen Mann könnte ich mir das nicht vorstellen“
SPORT1: Seit Januar 2024 sind Sie mit Hendrik Pfeiffer verheiratet – wie sehr hilft es, wenn man denselben Sport lebt?
Pfeiffer: Ohne meinen Mann könnte ich mir das in dieser Form nicht vorstellen. Der Laufsport ist inzwischen so professionell, dass man mindestens zweimal täglich trainieren muss. Wir absolvieren einmal pro Woche eine Einheit – unseren Long Run. Dieser umfasst 28 Kilometer oder mehr. Auch wenn es nur eine Einheit ist, ist sie die anspruchsvollste der Woche und du bist körperlich vollständig erschöpft. Ohne das gegenseitige Verständnis wäre das sehr schwierig. Wenn mein Mann einen klassischen Nine-to-five-Job hätte, würden wir am Wochenende selbstverständlich Zeit miteinander verbringen wollen. Das würde sich jedoch wieder auf die Regeneration auswirken. Deshalb ist es so wertvoll, unseren Alltag gemeinsam gestalten zu können. Das Training ist insgesamt sehr fordernd und ermüdend. Umso schöner ist es, einen ähnlichen Rhythmus zu haben oder zum Beispiel wie zuletzt nach Kenia gemeinsam ins Trainingslager zu fahren. Es wäre sehr belastend, mehrere Wochen getrennt zu sein. Für uns ist es ein großer Vorteil, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
SPORT1: Gibt es auch Momente, in denen Sie bewusst sagen: Jetzt ist „Laufen“ kein Thema?
Pfeiffer: Wir versuchen, neben dem Sport so viel wie möglich auch andere Dinge zu machen – soweit es eben geht. Allzu viel Zeit bleibt allerdings nicht, weil wir jeweils noch mit viel Engagement Social Media machen und beide jeweils eigene Podcasts haben. Das Laufen nimmt einen sehr großen Stellenwert in unserem Leben ein. Es gibt nur wenige Momente, in denen es nicht präsent ist. Die sportliche Karriere dauert nur einige Jahre, weshalb in dieser Zeit alles investiert wird. Danach freuen wir uns aber auch darauf, andere Dinge gemeinsam genießen zu können.
Hendrik Pfeiffers WM-Ausbootung „nicht fair abgelaufen“
SPORT1: Vergangenes Jahr wurde Ihrem Ehemann ein WM-Startplatz verwehrt. Wie haben Sie diese Situation erlebt?
Pfeiffer: Ich habe natürlich sehr genau wahrgenommen, wie es ihm damit ging. Ich habe gesehen, wie viel er investiert hat und konnte deshalb besonders gut mitfühlen. Aus meiner Sicht ist das nicht fair abgelaufen. Gleichzeitig kenne ich Hendrik sehr gut und wusste, dass er gestärkt daraus hervorgehen würde. Im Anschluss hat er auch gezeigt, dass es nicht nachvollziehbar war, ihn nach einer so starken Saison nicht zu nominieren.
SPORT1: Hat er daraus zusätzliche Motivation gezogen?
Pfeiffer: Davon würde ich nicht unbedingt sprechen. Aber er hat auf jeden Fall das Beste aus dieser Situation gemacht.
SPORT1: Amanal Petros hat vergangenes Jahr sensationell Silber im Marathon geholt. Was bedeutet dieser Erfolg für den Langstreckenlauf in Deutschland? Ist ein ähnlicher Erfolg künftig auch bei den Frauen denkbar?
Pfeiffer: Es ist auf jeden Fall sehr schön zu sehen, dass die deutschen Langstreckenläuferinnen und -Läufer auch international konkurrenzfähig sind. Natürlich ist es auch mein großes Ziel, mit ihnen mitzuhalten. Ich habe die europäische Spitze erreicht und merke einfach, wie sehr ich mich in den letzten Jahren entwickelt habe. Ich hoffe, dass das noch eine Weile so bleibt. Dabei ist klar: Je weiter du kommst, desto stärker flacht dieser Effekt ab. Aber da ist noch einiges möglich (lacht). Im Halbmarathon habe ich es angedeutet – und das möchte ich dieses Jahr auch auf einer olympischen Distanz umsetzen. Der Halbmarathon ist schließlich nicht olympisch. Amanal Petros hat aber bewiesen, dass es möglich ist, auch international Medaillen zu gewinnen. Das ist eine Motivation für alle anderen deutschen Läuferinnen und Läufer.
SPORT1: Viele Hobbyläuferinnen und -Läufer kämpfen mit Motivationsproblemen. Was hilft Ihnen persönlich an Tagen, an denen es vielleicht auch Ihnen schwerfällt, zu trainieren?
Pfeiffer: Solche Tage kennt jeder – ich auch. Mein Rat: Wenn man zwei- oder dreimal durch diese schwierige Phase gegangen ist, stellt sich ein spürbarer Fortschritt ein. Du merkst die Zunahme der Fitness und dieses Gefühl ist motivierend. Ich kenne niemanden, der diesen Fortschritt nicht als positiv empfindet.
„Mir macht Social Media großen Spaß“
SPORT1: Sie haben gemeinsam mit Läuferin und Influencerin Maike Lea Nitsch den Podcast „Glitzerflitzer“ gestartet – wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
Pfeiffer: Mein Mann hatte bereits einen Podcast und es gibt einige Lauf-Podcasts in Deutschland, allerdings überwiegend von Männern. Maike und ich standen über Social Media in Kontakt und stellten fest, dass es eigentlich auch einen Podcast aus weiblicher Perspektive geben sollte. So ist „Glitzerflitzer“ entstanden.
SPORT1: Welche Themen sind Ihnen im Podcast besonders wichtig – geht es dabei eher um den Leistungssport oder auch um die persönliche Seite hinter den Kulissen?
Pfeiffer: Es ist eine Mischung. Maike ist eine ambitionierte Hobbyläuferin, die sich enorm gesteigert hat. Wir sprechen über Training, Wettkämpfe, private Einblicke und Veranstaltungen, die wir empfehlen möchten. Uns ist wichtig, dass sich nicht nur Frauen angesprochen fühlen – auch viele Männer hören zu (lacht).
SPORT1: Social Media spielt im Profisport eine immer größere Rolle. Wie bewusst gehen Sie mit Ihrer öffentlichen Präsenz um – und nutzen Sie diese Plattformen auch gezielt, um den Laufsport populärer und greifbarer zu machen?
Pfeiffer: Mir macht Social Media großen Spaß. Gleichzeitig ist es auch wichtig, denn der Laufsport war lange eine Nischensportart. Für Sponsoren ist Präsenz und Reichweite mitentscheidend – umso besser, wenn du selbst Spaß daran hast. Aktuell erlebt der Laufsport einen starken Aufschwung, deswegen muss er gar nicht aktiv populärer gemacht werden. Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen inzwischen an Wettkämpfen teilnehmen und wie stark die Community gewachsen ist. Laufen ist die natürlichste Form der Bewegung, sehr gesund und deshalb freue ich mich über diese Entwicklung.
Olympia als großes Ziel
SPORT1: Wo soll es sportlich in den kommenden Jahren hingehen? Inwieweit spielen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften und insbesondere die Olympischen Spiele in Ihrer Planung eine Rolle?
Pfeiffer: Für viele Sportlerinnen und Sportler ist Olympia das große Ziel – für mich ebenfalls. Dafür muss ich perspektivisch meine Distanzen anpassen. Der Wings for Life World Run zum Beispiel hilft mir dabei, längere Distanzen zu laufen und Verpflegung sowie Routinen zu testen. Im Herbst möchte ich einen Marathon laufen und dort eine Leistung zeigen, die mich näher an Olympia bringt. Auch Weltmeisterschaften sind sehr reizvoll. Gleichzeitig haben wir im Laufsport mit den Major-Marathons attraktive Veranstaltungen. An diesen großen Events möchte ich in den kommenden Jahren unbedingt regelmäßig teilnehmen.
SPORT1: Vergangenes Jahr haben Sie die Frauenwertung beim Wings for Life World Run gewonnen. Was nehmen Sie sich für dieses Jahr vor?
Pfeiffer: Diesen deutschen Sieg haben mein Ehemann und ich gemeinsam errungen. Uns war es wichtig, Aufmerksamkeit für dieses Event zu erzeugen, um möglichst viele Spenden für den guten Zweck zu sammeln. In diesem Jahr starten wir wieder mit einem Team, um diesen wunderbaren Lauf mit möglichst vielen gemeinsam zu feiern und auch die Begeisterung für das Laufen zu teilen. Darüber hinaus habe ich mir auch ein sportliches Ziel gesetzt: Ich möchte weiterkommen als im vergangenen Jahr. Soweit ich weiß, liegt der Weltrekord nur etwa einen Kilometer von meiner letztjährigen zurückgelegten Distanz entfernt. Das habe ich mir auf jeden Fall als Ziel gesetzt.