Existenz, was genau ist das? Was macht unser Dasein eigentlich aus? Was von dem, was wir für wirklich halten, ist tatsächlich wirklich? All das ist in der Geschichte des menschlichen Denkens stets ein ziemlich großes Thema gewesen.

Einzelne philosophische Schulen gehen sogar soweit zu behaupten, dass dieses Thema noch größer ist als die in einigen Tagen beginnende Fußball-Weltmeisterschaft.

So kurios uns diese These vom heutigen Standpunkt aus gesehen auch anmuten mag: Spannend ist diese ganze Existenz- und Wirklichkeits-Angelegenheit in jedem Fall.

Schauen Sie sich nur das Phänomen an, das derzeit die Brücke zwischen den beiden Problemfeldern schlägt: die belgische Fußballnationalelf.

Die belgische Nationalelf ? um dies den Unkundigen kurz zu erklären ? ist einer der 32 Teilnehmer der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft und nach Meinung aller Experten, die es gibt, zugleich auch ihr Geheimfavorit.

Ein Geheimfavorit, von dem alle wissen: Der erste Denkanstoß für die Gelehrten liegt da praktisch schon auf der Straße ? auch wenn die Gelehrten das so nie sagen würden. Der zweite Denkanstoß ist soeben hinzugekommen.

Vergangene Woche, am 26. Mai in Genk, trug die belgische Nationalelf als Vorbereitung auf die WM in Brasilien ein Testspiel aus.

Das Nachbarland Luxemburg war der Gegner und wurde mit 5:1 besiegt ? was die Experten nicht überraschte, schließlich ist Belgien ja Geheimfavorit auf den WM-Titel.

Dass während dieses Spiels das Tor in eine andere Realität aufgestoßen wurde, überraschte die Experten dann allerdings sehr wohl.

Schuld an der Entwicklung war Belgiens Trainer Marc Wilmots, der im Laufe des Spiels eine Einwechslung mehr vornahm, als von den Statuten genehmigt.

Sieben statt sechs, was soll’s, mag Wilmots sich gedacht haben, wir sind Geheimfavorit auf den WM-Titel, wir dürfen das, was soll schon passieren? Einiges, wie sich herausstellen sollte.

Der Weltverband FIFA erkannte in diesem siebten Wechsel nämlich nicht nur einen Regelverstoß, er erkannte dem Spiel als Folge seine Existenz als offizielles Länderspiel ab.

Der belgische 5:1-Sieg über Luxemburg, von Millionen Menschen gesehen und als Wirklichkeit erachtet: nicht passiert.

Das ist kein kleiner Einschnitt der geistesgeschichtlichen Auseinandersetzung mit Existenz und Wirklichkeit. Es ist, als gäbe es auf einmal eine Antwort auf die Frage, ob ein Baum, der in einem verlassenen Waldstück zu Boden fällt, in dem niemand etwas hören kann, wirklich ein Geräusch macht.

Als ob wir nun wüssten: Das Geräusch von sechs fallenden Bäumen ist real, fällt jedoch ein siebter Baum hat es weder dieses, noch die sechs anderen Geräusche gegeben ? und womöglich nicht einmal den Wald an sich.

Einmal mehr zeigt sich, auf welch unsicherem Grund wir stehen, wenn wir über das reden, was wir für Realität halten. Da müssen auch vermeintlich unverbrüchliche Gewissheiten des menschlichen Denkens noch einmal neu gedacht werden ? und zwar von Grund auf.

Wenn also ein von Millionen Menschen gesehenes und als Wirklichkeit erachteter 5:1-Sieg über Luxemburg gar nicht passiert ist: Ist die belgische Nationalelf dann tatsächlich noch der Geheimfavorit der kommenden Fußball-WM?

Ich jedenfalls bin nicht mehr sicher, ob sie’s wirklich ist.

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