Die Bilder wiederholten sich: Wie schon nach dem Spiel gegen Portugal gab es für die deutsche Mannschaft prinzipiell Grund zum Jubeln. Doch als Juri Knorr nach dem Sieg gegen Norwegen durch die Mixed Zone der EM-Arena in Herning lief, waren die gewonnenen Punkte nicht aus dem Gesicht des Spielmachers abzulesen.

Die Wertschätzung für die Teamkollegen, die „den Karren aus dem Dreck zogen“, wie Knorr es beschrieb, machte er deutlich – an erster Stelle für den alles überragenden Andreas Wolff, aber auch für Marko Grgic, Franz Semper und Nils Lichtlein in der Offensive. Doch es war nicht zu übersehen, dass die Zweifel an der eigenen Leistung an Knorr nagten – wieder einmal.

Juri Knorr sucht bei der Handball-EM noch nach seiner Bestform
Juri Knorr sucht bei der Handball-EM noch nach seiner BestformJuri Knorr sucht bei der Handball-EM noch nach seiner Bestform

Bereits früh in der Partie hatte sich angedeutet, dass es nicht der Tag des Juri Knorr werden würde. Ballverlust, Pfostentreffer und noch ein Ballverlust rund um die 10. Minute. Auch der letzte Wurf der ersten Halbzeit fand nicht den Weg ins Tor. Trainer Alfred Gislason setzte auch nach der Pause auf Knorr, der letztlich nur einen seiner vier Würfe im Tor unterbringen konnte.

Handball-EM: Sinnbildliche Szene für Juri Knorr

Insbesondere eine Szene stand sinnbildlich für Knorrs Abend: Nach einer der 22 Paraden des nahezu unüberwindbaren Andreas Wolff flog der Ball direkt auf Knorr zu, rutschte ihm dann aber doch durch die Hände. Im Anschluss durfte sich der Ex-Spieler der Rhein-Neckar-Löwen eine ordentliche Standpauke seines Keepers anhören.

„Ich habe mich selber fast aufgefressen, nicht nur in der Szene, sondern in so einigen“, zeigte sich Knorr nach dem 32:28-Erfolg gegen Norwegen überaus selbstkritisch und enttäuscht von sich selbst: „Jetzt hatte ich zwei Spiele in Folge, in denen wenig zusammengeht. Das wurmt mich.“

In der Tat ist es noch nicht das Turnier des Juri Knorr, der in mehreren Sequenzen seine Ausnahmefähigkeiten aufblitzen ließ, jedoch bereits im Spiel gegen Portugal zum Auftakt der Hauptrunde (zwei Treffer bei sechs Wurfversuchen) einen gebrauchten Tag erwischte.

Positiv aus deutscher Sicht: Die überraschende Niederlage gegen Serbien ausgeklammert, fanden sich in allen prekären Situationen Teamkollegen, die für die strauchelnden Stars wie Knorr oder auch Julian Köster offensiv in die Bresche sprangen. „Wir können uns darauf verlassen, dass immer jemand da ist“, schwärmte Knorr, ließ jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit durchblicken.

Deutschland: Juri Knorr macht sich zu viel Druck

Der 25-Jährige hat stets allerhöchste Erwartungen an sich selbst. Erfüllt er diese nicht, ist er der Erste, der dies offen anspricht und häufig ausführliche Einblicke in sein Seelenleben gibt – so auch nach dem Spiel gegen Norwegen. „Mich nervt es einfach extrem. Es liegt auf der Hand, dass wir damit nicht zufrieden sind und ich persönlich auch nicht. Ich habe dafür auch keine Erklärung, aber wir denken sehr viel darüber nach. Wir sitzen zusammen und reden über die Dinge, überlegen uns, was wir spielen können und welche Schwachpunkte wir sehen.“ Aber: Am Ende müsse dies auch auf dem Feld umgesetzt werden. „Ich hoffe, dass wir das besser hinkriegen, dass ich das auch besser hinkriege.“

Auch die Aussage, dass sein Stellvertreter auf Rückraum-Mitte, Nils Lichtlein, gegen Norwegen „hätte mehr spielen müssen“ („Er hat es super gemacht, er ist ein überragender Spieler“), ehrt Knorr und spricht für eine funktionierende Teamchemie. Gleichzeitig zeigt sie, wie sehr er sich mit seiner eigenen Leistung beschäftigt – zu sehr?

Womöglich kann ihm auch Marko Grgic als Vorbild dienen. Auch wenn die Rollen der beiden nicht gänzlich vergleichbar sind, gibt es doch einige Parallelen. Beide wagten im vergangenen Sommer ein neues sportliches Abenteuer – Knorr beim dänischen Topklub Aalborg, Grgic beim deutschen Spitzenteam Flensburg-Handewitt. Beide hatten kaum Anlaufschwierigkeiten, Knorr stieg in Aalborg schnell zum Publikumsliebling auf. Doch beide konnten diese Form vorerst nicht in die Europameisterschaft übertragen.

Bei Grgic platzte der Knoten in der zweiten Halbzeit gegen Norwegen, als er sieben Treffer erzielte. Trotz der Gala von Wolff wäre ohne seine Tore der Sieg ebenso undenkbar gewesen. Als Schlüssel machte der Youngster im Nachgang aus, dass er versucht habe, „meinen dummen Schädel auszuschalten, Handball zu spielen und aufs Tor zu werfen. So einfach das klingt.“

Handball-EM: „Wir sind der krasse Underdog“

Ähnliches wäre Knorr zu wünschen. Als „sehr schönen Zeitpunkt“ beschrieb er es, wenn ihm ausgerechnet gegen seine neue Wahlheimat Dänemark die Trendwende gelingen würde. „Jetzt haben wir keinen Druck, wir sind krasser Underdog.“ Die Ausgangslage, mit der perfekten Punkteausbeute in die beiden „Endspiele“ gegen Dänemark und Frankreich zu gehen, sei „perfekt. Das ist das, was wir wollten. Hätte uns das jemand vor dem Turnier angeboten, hätten wir es genauso genommen.“

Die Qualitäten beim Gegner, der nach einem Patzer gegen Portugal endgültig im Turnier angekommen ist, seien jedem bekannt. „Es ist einfach die beste Mannschaft der Welt, wahrscheinlich eine der besten Mannschaften aller Zeiten. Natürlich muss da für uns alles zusammenkommen. Wir spielen gegen den haushohen Favoriten auf den Turniersieg.“ Aber: „Wir haben nichts zu verlieren, können eigentlich frei aufspielen. Vielleicht haben wir eine andere Lockerheit als in den Spielen, die wir gewinnen mussten.“

Dies dürfte insbesondere auch für Juri Knorr selbst gelten.

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