Jetzt ist schon wieder was passiert.
In den Krimis von Wolf Haas kommt dieser harmlos daherkommende Satz immer dann, wenn seinem Helden Brenner etwas sehr, sehr Schlimmes widerfährt, meist unvermutet aus dem Nichts kommend.
Der Satz ist ein Running Gag – und er könnte mittlerweile auch der Running Gag von Marc-Andre ter Stegen, dem deutschen Torhüter des FC Barcelona sein.
Ihm ist jetzt nämlich auch schon wieder was passiert.
Distanz: 54,5 Meter
Ein höchst spektakuläres Gegentor hat der aufstrebende DFB-Keeper am Mittwochabend kassiert, zum wiederholten Mal.
Aus 54,5 Metern traf Alessandro Florenzi vom AS Rom beim 1:1-Remis beider Teams. Und ter Stegen sah dabei so aus, wie man als Torwart bei einem 54,5-Meter-Gegentor eben so aussieht: eher doof. Und er kassierte dafür Kritiken, wie sie bei einem 54,5-Meter-Gegentor nun mal ausfallen: eher schlecht.
„Eindeutiger Torwartfehler“, monierte auf Sky Franz Beckenbauer: „Wenn du aus 60 Metern ein Gegentor kassierst, wer soll dann sonst schuld sein – der Liebe Gott?“ Als „Schüler, der seine Fehler wiederholt“, schalt ihn die spanische Zeitung AS für das Verlassen des Tors, das dem Treffer vorausging, als „Freak im Tor – fähig zum Besten und zum Schlimmsten“ sieht ihn El Mundo.
Die Gazzetta dello Sport dichtet ihm gar ein tragisches, fußballerisches Junkie-Verhalten an: „Ter Stegen gefällt der Rausch des schutzlosen Tors. Er erlebt das wie Russisches Roulette. Deshalb erlebte er eine epochale Blamage.“ Nun gut.
Kurios lange Liste kurioser Gegentore
Fakt ist: Bei ter Stegen hat sich mittlerweile eine recht lange Liste recht wild aussehender Gegentore angesammelt. Braunschweig 2013 mit Gladbach, die USA-Reise mit der Nationalelf im selben Jahr, PSG mit Barca und neulich erst der spanische Supercup gegen Bilbao: Ter Stegen kommt aus dem Strafraum, köpft den Ball weg – Gegenspieler Mikel San Jose, versenkt aus 47 Metern.
Man könnte bei Betrachtung dieser Liste auf die Idee kommen, dass dieser ter Stegen ein übler Pannenkeeper ist. Man weiß halt aber eben auch, dass dieser ter Stegen eine Edelbegabung des modernen Torwartspiels ist.
Wie das zusammenpasst? Durchaus gut.
Beim FC Chelsea zielt ein Kunstschütze in den Nachthimmel. Die Bayern-Fans beziehen Prügel von der Polizei. Ter Stegen bekommt von der Mittellinie einen eingeschenkt.
Zuspruch von Trainer und Vordermann
Es ist ja so, dass genau das, was Kritiker bei solchen Gegentoren an ter Stegen kritisieren, eben das ist, was im Torwartspiel von heute gefordert wird: rauslaufen, mitspielen, Torwart-Libero sein.
Die modernen Sachen eben, für die man als Gigant gefeiert wird, wenn sie klappen und gut aussehen. Die aber auch mal schief gehen können – wofür man dann wieder zum Zwerg geschrumpft wird. So ist das Torhüterleben.
Bei Barca machen sie dieses Spiel (natürlich) nicht mit, priesen nach der Partie stattdessen ihren Schlussmann und sein Spiel: „Ter Stegen rettet uns Innenverteidigern das Leben, weil er so weit aufgerückt spielt“, befand Gerard Pique.
Während Trainer Luis Enrique gar Franz Beckenbauer zu widersprechen wagte: „Marc trifft keine Schuld, es ist meine. Ich ordne an, wo der Torhüter stehen muss und verlange, dass wir hoch verteidigen. Deshalb kann man ihm nichts vorwerfen.“
Kahn beschließt: Kein Fehler
Sagt ein Trainer halt so, wenn sein Spieler unter Beschuss steht, könnte man nun unterstellen – und einfach trotzdem all die erwartbaren Fragen aufwerfen: Verbaut sich ter Stegen durch seine Pannen seine Chance, das Jobsharing-Modell mit dem derzeit verletzten Claudio Bravo zu beenden und zum alleinigen Stammkeeper zu werden? Und was ist mit der Nationalmannschaftskarriere? Und überhaupt?
Eine gewisse Institution des Torhüterlandes sieht allerdings keinerlei Grund für derartige Grundsatzzweifel.
„In der heutigen Zeit ist das kein Torwartfehler“, beschloss ZDF-Experte Oliver Kahn: „Ich als Trainer würde meinem Torwart da keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil. Ich würde sagen, okay, das ist jetzt passiert – und ich will trotzdem, dass du dein Spiel genau so weiterspielst wie vorher auch.“