Felix Magath, das ist Quälix, klar. Sie nannten ihn sogar mal Saddam.

Er ist der Mann, der einem Angst macht, der seinen Spielern bei härtestem Training das Trinken verbot, und der nach Niederlagen mitten in der Nacht trainieren ließ, der Profis in sein Büro bat und dann kein Wort sagte, um zu sehen, wie sie reagierten, während er im geliebten Pfefferminztee rührte. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Magath ist der Gegenentwurf zu Fortschritt, keiner der sogenannten Laptop-Trainer also. Er hält Laptops vermutlich für diese knappen Einteiler, die Frauen im Sommer tragen. Fußball ist für ihn Dauerlauf unter besonderer Berücksichtigung eines Balles.

Erinnerungen werden wach

Ich weiß, Klischees ohne Ende, aber das Beste ist: Sie stimmen fast alle. Und er hatte ja Erfolg damit. Als Magath jetzt bei Hertha installiert wurde, kamen mir all diese Erinnerungen hoch; vor allem jene an meine ersten Begegnungen mit dem seltsamen Felix M., die beide ziemlich verrückt abliefen. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Einmal wurde ich selbst Magath-Opfer, und beim zweiten Versuch geriet ich in die Fänge der Boulevardpresse, wofür keiner von uns was konnte.

Ich muss vorweg sagen: Irgendwie fand ich ihn tatsächlich ganz nett. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Als ich Magath erstmals traf, verstand ich aber sofort, was es mit diesem ominösen „Jemanden ins Büro rufen und dann anschweigen“ auf sich hatte, das damals die Runde machte, und das ich natürlich für ein völlig übertriebenes Gerücht hielt.

„Und, gefällt ihnen das Oktoberfest?“

Er war der neue Bayern-Trainer, Herbst 2004, und die Pressestelle des Klubs hatte zum Oktoberfest eingeladen; wie es der Zufall wollte, saß ich direkt neben Stargast Magath, stellte mich vor, er nickte.

Da waren viele andere Journalisten am Tisch, und alle redeten auf ihn ein, ich kam nicht zu Wort. Du musst geduldig sein, sagte ich mir, dein Moment kommt noch, und er kam. Ich nutzte die erste einsekündige Gesprächspause und sprach Magath direkt an. Leider war ich ein bisschen aufgeregt. Ich weiß ja, dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt.

Leider fiel mir nichts Besseres ein als ein schwachsinniges: „Und, wie gefällt Ihnen das Oktoberfest?“

Dann passierte es: Es passierte nichts. Magath sah mich nur an. Und schwieg. Mein Herz rutschte in die Hose, Magath sah mich weiter an, ich sah zurück. Worst Case Szenario. Er sah her, ich sah hin. Stunden vergingen, also gefühlt, und ich verlor den Staring Contest natürlich.

Ich weiß bis heute nicht, wie Magath das Oktoberfest findet, dafür weiß ich, was Lukas Podolski gedacht haben muss, als ihn der Trainer zwei Jahre später in sein Büro bat und einfach nichts sagte.

Das war aber gar nichts im Vergleich zu unserem zweiten, noch kurioseren Aufeinandertreffen zwei Jahre später.

Diesmal hatte es Magath angeregt – oder sagen wir besser: gewollt -, weil ich ihn in Sport-Bild, wo ich damals als stellvertretender Chefredakteur arbeitete, Woche für Woche kritisierte, was ihn nervte.

Mir gefiel sein Vorstoß, ich war aber vor dem Treffen schon wieder aufgeregt. Was würde Magath tun? Würde er eine Stunde lang schweigen? Und würde ich was trinken dürfen?

Es war dann wirklich alles gut zwischen uns. Wir sprachen beim Essen über meinen Job und über seinen, wir lachten, ich musste nach dem Hauptgang keine Liegestütze machen, vor mir saß ein ganz und gar umgänglicher Mensch, der nicht schwieg, sondern redete und redete.

Fotograf kniet neben Magath

Dann geschah etwas sehr Seltsames: Ein Fotograf, ausgestattet mit einer Kamera und einem gigantischen Objektiv, stürmte das Restaurant, rannte auf uns zu, kniete sich neben Magath auf einen Sessel und begann, Dutzende von Fotos zu schießen. Aber nicht von uns, er visierte einen fernen Punkt im Raum an.

Ich schaute hin, Magath drehte sich um, und wir sahen: Oliver Kahn. Der damalige Bayern-Torwart hatte das Restaurant betreten, und draußen, sahen wir jetzt, wartete eine wahre Medienmeute. Den Grund kannten wir. Kahn sorgte gerade für Schlagzeilen, oder besser: seine damalige Freundin sorgte für welche, weil ihre Affäre mit einem Mann herausgekommen war, der sich als steinreicher griechischer Reeder-Sohn ausgegeben hatte.

Magath schaute seelenruhig den Fotografen an und sagte nur: „Was ist denn jetzt los?“ Der Fotograf schoss wie wild, er erkannte den Mann neben sich nicht mal. Er wollte Kahn. Wir waren nichts für ihn.

Ich war ein bisschen enttäuscht, Magath war das alles vollkommen egal. Er blieb die ganze Zeit cool, und das beeindruckte mich. Er rührte seinen mit frischen Pfefferminzblättern aufgebrühten Tee keine Umdrehung schneller um als vorher.

Kahns Aussprache mit griechischem Heiratsschwindler?

Was dann passierte, dafür kann Magath natürlich auch nichts, aber es hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Nach dem Essen, auf dem Weg nach draußen begegnete ich Kahn, grüßte ihn, er grüßte zurück, wir kannten uns ja gut.

Ich setzte mich kurz zu ihm, weil er so alleine dasaß, und wie wir so redeten, sah ich, dass ein TV-Team, das vor dem Restaurant stand, die Kamera in Position brachte und uns durch die große Scheibe zu filmen begann.

Mir wurde ganz schwindlig.

Ich muss dazu sagen, dass ich Halbgrieche bin, zwar keine Reederei besitze und auch nicht vorgebe, je eine besessen zu haben, optisch aber locker als griechischer Heiratsschwindler durchging, und ich hatte wegen Magath ja auch meinen besten Anzug angezogen.

Während ich mit dem Mann plauderte, der heute Bayern-Vorstand ist, sah ich schwitzend schon die Schlagzeilen vor mir.

„Kahn: Geheime Aussprache mit griechischem Heiratsschwindler!“

Ich dachte gerade darüber nach, wie das meine Freundin wohl finden würde, als ich bemerkte, dass draußen eine Frau, wohl die TV-Teamchefin, ihrem Kameramann eine Hand auf die Schulter legte und ihm etwas zuflüsterte, worauf er die Aufnahme stoppte.

Vermutlich hatte sie ihm gesagt: „Du kannst aufhören, das ist nur der olle Steudel, der bei Quälix war.“

Was für ein Glück.

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