Die Szene hat sich ins Gedächtnis eingebrannt wie nur wenige historische Momente.
Wie André Schürrle von der linken Seite flankte und Mario Götze den Ball mit der Brust annahm, um dann in einer Bewegung direkt mit seinem linken Fuß ins lange Eck zu vollenden, daran erinnern sich Zeitzeugen ähnlich genau wie an die Bilder des Mauerfalls vom 9. November 1989 oder an die der Anschläge vom 11. September 2001.
2014: Götze macht Deutschland zum Weltmeister
In der historischen Bedeutung kann Götzes WM-Siegtor vom Finale 2014 gegen Argentinien in Rio de Janeiros legendärem Stadion Maracana zwar bei weitem nicht mit den politischen Ereignissen von globaler Bedeutung mithalten. Dennoch ist sein Moment für die Ewigkeit ähnlich präsent in der Erinnerung, jedenfalls bei den Fußballfans, die Deutschlands Gewinn des vierten WM-Titels durch Götzes 1:0 in der 113. Spielminute erlebten.
Am 13. Juli 2026 wird auch Götze wieder an das WM-Finale von Brasilien und an sein Tor zurückdenken, auf den Tag zwölf Jahre danach. Ihm wird dabei wohl auch jener Satz noch einmal durch den Kopf gehen, den Bundestrainer Joachim Löw dem damals gerade 22 Jahre alten Talent bei der Einwechslung in der 88. Minute mitgegeben hatte: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi.“
Überwiegen dürfte in Götzes Rückblick aber wohl dieser Gedanke: „In Brasilien gegen Argentinien zu treffen, zu diesem Zeitpunkt und wie dann alles gelaufen ist – ich glaube, wenn man sich einen solchen Moment ausmalen könnte, man könnte es nicht besser tun. Das Tor wird mir immer bleiben.“
Heute vor 12 Jahren: Das Weltmeister-Märchen von Rio
„Er macht ihn!“
Legendär war damals auch die Reaktion von ARD-Kommentator Tom Bartels: „Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn!“, brüllte Bartels in sein Mikrofon. Er machte ihn.
Für Götze hält der Rückblick aber nicht nur freudige Erinnerungen bereit, sondern auch jene, die von der Last überbordender Erwartungen erzählen, die mit seinem Tor zum Titel verbunden waren. Wie den Schützen der Tore zu den WM-Titeln von 1954 (Helmut Rahn), 1974 (Gerd Müller) und 1990 (Andreas Brehme) hat Götze sein Treffer nicht nur Glück gebracht, sondern neben Ruhm auch Bürde.
Und ähnlich wie bei Rahn, Müller und Brehme trägt auch Götzes Geschichte Züge eines gefallenen Helden. Das sieht der heute 34-Jährige durchaus auch so. „Einige der größten Momente, die ich im Fußball erlebt habe, sind direkt nach den dunkelsten gekommen“, sagte Götze, „umgekehrt ist es genauso. Ich war ein Judas, dann ein Held, dann eine Enttäuschung, dann war ich fast raus aus dem Fußball. Das alles in vier Jahren.“
Götze war vor dem Finale „wirklich deprimiert“
Er erlebte in dieser Zeit jene Extreme, die sich ins Bild der WM 2014 fügen. Als Jahrhunderttalent war er schon als Teenager gefeiert worden, doch beim Turnier in Brasilien spielte er bis zu seinem Tor im Finale nur eine Nebenrolle.
Auch daran hatte Götze noch einmal erinnert. „Die Leute vergessen, wie beschissen dieses Turnier für mich bis zum Schluss war“, schrieb er in einem Gastbeitrag für die Internet-Plattform The Players Tribune. Er sei vor dem Finale „wirklich deprimiert“ gewesen.
Kurz nach dem Titel schien es, als könne Götze sein Tor nutzen, um das Versprechen einzulösen, als das er immer galt. „Drei Monate nach dem Triumph kann man feststellen: Mario Götze hat der WM-Volltreffer gutgetan, sehr gut sogar. Und dem FC Bayern auch. Vom Fluch des goldenen Tores ist bisher rein gar nichts zu spüren“, bilanzierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Herbst 2014.
Götze blühte beim FC Bayern nur kurz auf
Götze, 2013 von seinem Jugendverein BVB für 37 Millionen Euro Ablöse zum FC Bayern gewechselt, blühte zu Beginn seiner zweiten Saison unter Trainer Pep Guardiola auf. Allein im September brachte er es auf vier Tore und drei Vorlagen, es war seine bis dahin beste Monatsbilanz in Diensten der Münchner. Auch in der Nationalmannschaft lief es besser, Götze stieg zur Stammkraft auf.
Doch der Schwung und das Selbstbewusstsein, die ihm sein WM-Tor verliehen hatten, schwanden im Laufe der Zeit zunehmend. Von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, den alles überragenden Hauptdarstellern im Weltfußball, war Götze bald so fern wie Rios Glamour-Faktor von dem seines Geburtsortes Memmingen.
Unter Guardiola reichte es letztlich nicht zu einem Stammplatz, 2016 kehrte er nach Dortmund zurück. Doch auch dort lief es lange nicht wunschgemäß, eine Stoffwechselerkrankung zwang Götze zwischenzeitlich gar zum Berufsverzicht. Löw nominierte ihn nicht für die WM 2018, auch für die EM 2020 wurde Götze nicht in die Nationalmannschaft berufen.
WM 2022: Götze feiert Comeback unter Flick
Fünf Jahre lang wurde er gar nicht berücksichtigt. 2022 durfte Götze bei der WM in Katar unter dem damaligen Bundestrainer Hansi Flick endlich wieder ran. Bei den Gruppenspielen gegen Japan (1:2) und Costa Rica (4:2) kam er zu zwei Kurzeinsätzen, doch auch er konnte das enttäuschende Vorrunden-Aus nicht abwenden.
Im März 2023 absolvierte Götze dann beim 2:0 gegen Peru sein bislang letztes Länderspiel. So blieb ihm auch beim dramatischen Sechzehntelfinal-Aus gegen Paraguay bei der WM 2026 (4:5 n.E.) nur eine Zuschauerrolle.
Inzwischen spielt der Mittelfeldroutinier bei Eintracht Frankfurt. 2020 hatte Götze den BVB nach vier Jahren wieder verlassen. Knapp zwei Jahre lang lief er anschließend für PSV Eindhoven auf, ehe er 2022 an den Main wechselte.
Dort kam Götze zuletzt immer weniger zum Zuge, besonders unter Ex-Trainer Albert Riera hatte er einen schweren Stand. Hinzu kamen kleinere Verletzungssorgen und krankheitsbedingte Ausfälle. Unter Adi Hütter soll sich das nun alles ändern. Im April verlängerte Götze seinen Vertrag bei der Eintracht bis 2028.
Frage zu Götze macht Eintrachts Coach fuchsig
Ruhm und Bürde des WM-Helden 2014
Mittragen wird Götze auch weiterhin Ruhm und Bürde seines WM-Tors vor zwölf Jahren. „Ab diesem Zeitpunkt ging es immer nur darum, an diese Legende anzuknüpfen“, sagte Vorlagengeber und Kumpel Schürrle in der DAZN-Dokumentation „Being Mario Götze“ und ergänzte: „Ich beneide Mario nicht um das Tor.“
Dessen Dortmunder Kollege Marcel Schmelzer kann sich sogar vorstellen, „dass Mario nach der Karriere irgendwann sagt, er hätte das Tor lieber nicht geschossen, sondern für jemanden anderen vorbereitet“.
Nehmen kann Mario Götze das historische Finaltor im Maracana und die positiven Erinnerungen daran immerhin niemand. Die damit verbundene Last allerdings auch nicht.