Der Terror kam dann auch noch. Als wäre der Clasico zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona nicht schon aufgeladen genug.
Nach den Anschlägen von Paris, der Absage des deutschen Länderspiels und des spanischen in Belgien wird das 171. Liga-Duell (Sa., ab 18.15 Uhr im LIVETICKER), ohnehin ein Hochrisikospiel, zum – tja, was eigentlich?
Ein dreifacher Sicherheitsring soll jedenfalls um das Estadio Santiago Bernabeu gezogen werden. „Wir werden sogar die Sandwiches inspizieren“, kündigt eine Regierungspräfektin an. Spanien ist leidgeprüft, was den Terror angeht.
Clasico an brisantem Datum
Dem Zufall soll folglich nichts überlassen werden, damit die „ganz besondere Stimmung“, die Reals Toni Kroos vor dem Spiel bei SPORT1 beschworen hat, auch eine ungetrübte wird. Was schwierig wird, denn wie gesagt: Alles ist aufgeladen, nicht nur sportlich.
Die Politik, die Konfrontation zwischen der spanischen Hauptstadt und der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, sie ist Teil des Spiels. Wie sie es immer ist, wenn der FC Barcelona spielt, der Stolz Kataloniens.
Immer wieder sind dessen Auftritte Bühne für die Sezessionsbefürworter: Sie skandieren ihr Anliegen mit Gesängen und Fahnen, das hat ihnen in diesem Jahr schon mehrere (letztlich revidierte) Geldstrafen der UEFA eingebracht.
Gegen Real ist das Thema noch präsenter, diesmal noch mehr als sonst, weil die Partie auf ein brisantes Datum fällt.
Klub der Unterdrücker?
An diesem Freitag, einen Tag vor dem Clasico, jährt sich zum 40. Mal der Todestag von Francisco Franco, dem Diktator, dessen Erbe das Land bis heute beschäftigt.
Die Erinnerung an die Unerbittlichkeit, mit der er die Katalanen am Gängelband hielt, gilt als entscheidender Grund dafür, warum viele von ihnen bis heute auf eine Loslösung bestehen.
Und Real, damals von Franco-Getreuen regiert, wird von ihnen als Klub der Unterdrücker wahrgenommen. Die ganze Geschichte ist komplizierter, aber das ist sie ja immer.
Unter dem Eindruck der Unabhängigkeitsfrage
Der Clasico steht jedenfalls unter dem Eindruck der Unabhängigkeitsfrage, die erst kürzlich eine womöglich entscheidende Etappe erreicht hat.
Im September gewann die Pro-Unabhängigkeits-Bewegung – die Pep Guardiola zu ihren prominentesten Befürwortern zählt – knapp die Mehrheit im katalanischen Parlament. Am 9. November verabschiedete sie ein Neun-Punkte-Papier, das die „demokratische Loslösung“ von Spanien propagierte. Bis 2017 soll sie vollzogen sein.
Ob es klappt? Fraglich. Die Mehrheit der Pro-Unabhängigkeits-Parteien ist wackelig, sie selbst nicht immer einig. Hinzu kommt die kompromisslose Ablehnung der Regierung in Madrid, die Kataloniens Regierung diese Woche nicht einmal in ihre Gespräche über die Konsequenzen aus dem Pariser Terror einbeziehen wollte.
Pfiffe für Pique
Auch für die Unabhängigkeitsgegner ist der Fußball eine Bühne: Barcas Gerard Pique, der sich offen zu den Separatisten bekennt, wird in Spaniens Stadien regelmäßig ausgepfiffen. Heiklerweise mischt sogar Spaniens Ligachef Javier Tebas in der Debatte mit – Unabhängigkeitsgegner und erklärter Real-Fan.
Tebas und der Sportminister Spaniens schockten die Katalanen vor einiger Zeit mit der Behauptung, dass Barca im Falle der Unabhängigkeit keinesfalls mehr in der Primera Division spielen könne und in einer katalonischen Provinzliga sein Dasein fristen müsste.
Eine zweifelhafte Behauptung, blickt man auf den AS Monaco und Frankreich, die walisischen Klubs und England und andere Gegenbeispiele.
Madrid gegen Barcelona, es ist ein oft hässlicher politischer Kampf. Umso besser, wenn es stattdessen am Samstag ein schönes Spiel gibt.