Die Bilanz liest sich beängstigend. Nur ein mageres Pünktchen holte der 1. FC Köln aus den bisherigen sieben Saisonspielen. Tabellenletzter!
Ausgerechnet jetzt steht am Sonntag für die Geißböcke das Derby gegen Borussia Mönchengladbach an (Bundesliga: 1. FC Köln – Borussia Mönchengladbach, ab 15.30 Uhr im LIVETICKER).
Bundesliga-Ikone Dieter Müller (erzielte sechs Tore in einem Spiel) spielte in seiner Karriere acht Jahre für den Effzeh und wurde 1978 dort Deutscher Meister. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 69-Jährige über die brisante Lage bei seinem früheren Klub, stärkt Trainer Steffen Baumgart den Rücken – und hat einen Seitenhieb für Lukas Podolski parat, der unlängst eine sensationelle Rückkehr angedeutet hatte.
SPORT1: Herr Müller, was sagen Sie zur bisherigen Saison des FC? Sind Sie schockiert?
Dieter Müller: Nein, schockiert bin ich nicht. Ich habe das Spiel in Frankfurt (1:1, d. Red.) am 3. Spieltag gesehen, da war ich richtig enttäuscht. Die Kölner haben da Remis gespielt, aber nicht einmal auf das Tor der Eintracht geschossen. Da haben sie einen glücklichen Elfmeter bekommen. Damals habe ich mir schon gedacht, dass es keine einfache Saison wird. Und so ist es gekommen. Es fehlt einfach die Qualität.
SPORT1: Was läuft konkret falsch?
Müller: Das Problem ist, dass immer die besten Spieler abgegeben werden, wie zum Beispiel Sechser Ellyes Skhiri, der jetzt in Frankfurt spielt. Die Mannschaft wird dadurch enorm geschwächt, was es für den Trainer schwierig macht. Es wird auch immer wieder erwähnt, dass es an Geld fehlt. Aber da frage ich mich, wie kann das sein? Die Heimspiele sind doch immer ausverkauft.
Müller und Baumgart setzen auf Uth
SPORT1: Steffen Baumgart ist in seiner dritten Saison beim FC. Er hatte zwei überaus erfolgreiche Jahre, jetzt steckt er in der ersten Krise. Haben Sie Mitleid mit ihm?
Müller: Etwas. Aber er ist ein hervorragender Trainer und toller Typ. Die Bosse sollen ja an ihm festhalten. Baumgart ist genau der richtige Trainer für den FC, auch in der schwierigen Phase jetzt. Er passt zum Klub wie die Faust aufs Auge. In Köln ist der Zustand immer schnell Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Ich kenne die Mentalität dort, habe lange genug da gespielt und gelebt. Ich bin absolut überzeugt von Baumgart, er kann das Team da rausholen. Es wird schwer, aber man muss jetzt die Ruhe bewahren. Es war auch ein Stück weit Pech dabei wie beim Spiel gegen Wolfsburg.
SPORT1: Friedhelm Funkel fürchtet, dass der FC auf dem Transfermarkt ein zu kleines Risiko eingegangen ist. ‚Man kann sich auch kaputt sparen‘, sagte er unlängst. Wie ist da Ihre Meinung?
Müller: Es sieht so aus. Was nützt es, wenn du nur sparst und am Ende doch verlierst? Das ist definitiv ein Problem. Es ist auf jeden Fall keine Strategie. Ein FC-Spieler, der mir Hoffnung macht, ist Marc Uth. Baumgart hofft auf sein Comeback. Er ist ein großartiger Spieler. Uth war lange Zeit verletzt, aber er hat viel Erfahrung und eine hohe Qualität, wenn er fit ist.
Müller hält große Stücke auf Baumgart
SPORT1: Baumgart wirkt, als lebe er den FC mit jeder Faser seines Körpers.
Müller: Absolut. Und er ist erfahren genug. Die Truppe muss jetzt alle Kräfte bündeln und gemeinsam alles geben für den ersten Sieg. Ausgerechnet im Derby gegen Gladbach. Die Heimstärke hat den FC in den vergangenen zwei Jahren stark gemacht, am Samstag muss mit Hilfe dieser tollen Fans bitte ein Dreier her. Egal wie.
SPORT1: Toni Schumacher sagte bei den Kollegen des kicker ‚Wenn der FC am Samstag verliert, kann es tragisch enden‘. Sehen Sie es auch so krass?
Müller: Toni drückt sich oft etwas zu negativ aus. Ich sehe das nicht so drastisch. Die Saison ist auch bei einer Niederlage gegen Gladbach nicht zu Ende. Der FC kann auch dann noch die Klasse halten. Und daran glaube ich.
„Podolski wäre eine Alibi-Verpflichtung!“
SPORT1: Lukas Podolski hat sich jetzt als Retter ins Spiel gebracht. Natürlich mit einem Augenzwinkern. „Die sollen anrufen. Ich bin bereit für alles und für alle Abenteuer offen“, sagte der inzwischen 38-Jährige. Was sagen Sie dazu?
Müller: Davon halte ich gar nichts. Ich weiß nicht, in welcher körperlichen Verfassung Podolski ist. Was soll denn das? Podolski wäre eine Alibi-Verpflichtung. Er ist doch viel zu alt. Die FC-Bosse sollten lieber schauen, dass man sich im Winter mit zwei, drei jüngeren Spielern verstärkt, die dem FC helfen können. Das werden sie hoffentlich auch tun.
SPORT1: Wo liegt das Hauptmanko beim FC?
Müller: Die Durchschlagskraft der Stürmer. Ich habe Davie Selke immer gerne gesehen, aber er kommt auch nicht aus dem Quark. Er trifft einfach nicht. Und von Faride Alidou geht ebenfalls viel zu wenig Gefahr aus. Vom Mittelfeld kommt aber auch zu wenig Kreativität. Es müssen Tore her. Jeder Spieler muss jetzt einen Schritt mehr machen, um aus dieser Krise herauszukommen.
SPORT1: Welches Spiel blieb Ihnen in der aktuellen Saison positiv im Gedächtnis?
Müller: Das 0:1 am ersten Spieltag gegen Borussia Dortmund hat mir trotz der Niederlage gut gefallen. Mit einer Leistung wie gegen den BVB glaube ich, dass man aus der Krise kommen kann. Das war damals auswärts ein couragierter Auftritt. Der FC hatte auch einige gute Chancen.
FC-Legende schießt gegen Modeste
SPORT1: Hätten die Kölner vor einigen Wochen Anthony Modeste holen sollen? Er trainierte da bei Fortuna Köln mit und war vereinslos.
Müller: Nein! Das ist für mich keiner, der jetzt helfen könnte. Was er vor einem Jahr gemacht hat, als er zum BVB wechselte, war nicht in Ordnung. Er sagte immer, sein Herz sei in Köln, und dann geht er nach Dortmund, weil er dort mehr Geld bekam. Ihn würde ich nicht mehr nehmen. So viel Stolz muss man als FC haben. Du brauchst Spieler, die sich für den FC identifizieren und alles geben. Modeste ist ein charakterloser Spieler. In Zukunft sollte man auch mehr auf die Jugend setzen.
SPORT1: Charakterlos? Ganz schön scharfe Kritik.
Müller: Ich will gar nichts gegen den Menschen Modeste sagen. Sein Wechsel zum BVB war jetzt nicht die feine Nummer. Das hat mir nicht gefallen. Im Fußball spielt der Charakter leider immer öfter keine Rolle, gerade wenn es um Wechselabsichten von Spielern geht. Das Geld regiert. Spieler, die das Wappen küssen, sind jedenfalls immer fragwürdiger.
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SPORT1: Merkt man jetzt, wie sehr Jonas Hector fehlt?
Müller: Ja, das war sehr schade, dass er seine Karriere beendet hat. Hector ist ein großartiger Spieler und ein unglaublich netter Mensch. Er war nicht ohne Grund Kapitän. Sein Rücktritt ist ein großer Verlust. Hector fehlt sehr. Er ist ein sehr sensibler und nachdenklicher Mensch und wollte einfach nicht mehr Teil dieser furchtbaren Fußball-Mühle sein. Es ist bedauerlich, dass er nicht mehr dabei ist, besonders da er mit 32 Jahren noch fit war.
SPORT1: Was macht Ihnen Hoffnung für Samstag? Ein Derbysieg kann Brustlöser sein oder die totale Katastrophe…
Müller: Die Gladbacher sind keine Übermannschaft mehr. Sie lagen zuletzt in Darmstadt mit 0:3 hinten und haben dann noch 3:3 gespielt. Das zeigt jedoch die Moral in der Mannschaft. Sie sind auch im Tabellenkeller. Wenn der FC verliert, muss es irgendwie weitergehen. Aber ich denke positiv. Mit Baumgart wird die Wende gelingen. Ich wiederhole mich. Ich bin absolut von ihm überzeugt.