Manuel Neuer kommt rechtzeitig zur WM wieder in Form, da bleibt in Fußball_Deutschland kein Platz für einen anderen Torwart. Auch nicht für Marc-Andre ter Stegen

Der Keeper des FC Barcelona, beim Confed-Cup noch die Nummer eins, rückt nach Neuers Genesung in Russland wieder zurück ins zweite Glied – trotz seiner starken Leistung bei den Katalanen

Einer der weiß, wie es sich anfühlt, vor einem großen Turnier zurückgestuft zu werden, ist Oliver Kahn. Zur Heim-WM 2006 zog ihm der damalige Teamchef Jürgen Klinsmann Konkurrent Jens Lehmann vor.

Kahn, der bis dato unumstrittene Nummer eins war, stand vor der Entscheidung: zurücktreten oder sich unterordnen. Der Titan entschied sich für letzteres. 

„Im Rück­blick war das si­cher eine mei­ner bes­se­ren Ent­schei­dun­gen“, sagte Kahn jetzt dem Spiegel. „Sich ei­ner Sa­che un­ter­zu­ord­nen, die grö­ßer ist als das per­sön­li­che Schick­sal, kann der ei­ge­nen Ent­wick­lung nicht scha­den.

Kahn rät ter Stegen: Nicht beleidigte Leberwurst spielen

Worte, in denen auch ein Ratschlag an ter Stegen mitschwingt. “Das ist kei­ne leich­te Si­tua­ti­on für ihn“, sagte Kahn. „Er muss so trai­nie­ren, als wäre er die Num­mer eins, muss dann aber mit der Ent­täu­schung le­ben, wenn er nicht spielt.“

Der frühere Nationaltorwart ist in Bezug auf die WM-Teilnahme von Manuel Neuer skeptisch.

Der frühere Nationaltorwart ist in Bezug auf die WM-Teilnahme von Manuel Neuer skeptisch.

Die Empfehlung des früheren Nationaltorhüters: “Nicht den gan­zen Tag mit ei­nem ‚Be­lei­dig­te-Le­ber­wurst-Ge­sicht‘ her­um­zu­lau­fen.“

Aber in dieser Hinsicht muss man sich bei ter Stegen wohl sowieso keine Sorgen machen – gemessen daran, wie er sich bislang verhalten hat im Zweikampf mit Neuer.

Ein Keeper, der dieser Tage ebenfalls die Schlagzeilen bestimmt, ist Liverpools Loris Karius. Der ist durch seine folgenschweren Patze im Champions-League-Finale gegen Real Madrid (1:3) in die Kritik geraten.

Kahn hatte bereits kurz nach Abpfiff des Endspiels gemutmaßt, dass „so ein Abend eine Karriere zerstören“ könne. Im Spiegel begründete er jetzt seine Einschätzung.

„Ein Spieler mit größerer Erfahrung kann das möglicherweise schneller verarbeiten und den Blick wieder nach vorn richten. Bei einem noch jungen Sportler gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er wächst an der Situation, was viel mentale Arbeit erfordert“, sagte er.

Kahn: Karius-Fehler nicht banalisieren

Karius ausschließlich in Schutz nehmen, mag Kahn nicht: „Für Phrasendrescherei nach dem Motto ‚Kopf hoch, das wird schon wieder‘ bin ich nicht zu haben. Weil es der Situation nicht gerecht wird, sondern sie banalisiert. Wie oft haben wir erlebt, dass Sportler nach so einem Fiasko nicht mehr ihr höchstes Niveau erreicht haben.“

In Mainz arbeiteten Christian Heidel und Loris Karius einst zusammen. Jetzt verteidigt der Schalke-Boss den Liverpool-Keeper nach dessen Patzer im Champions-League-Finale.

In Mainz arbeiteten Christian Heidel und Loris Karius einst zusammen. Jetzt verteidigt der Schalke-Boss den Liverpool-Keeper nach dessen Patzer im Champions-League-Finale.

„Andererseits haben wir zum Beispiel Bastian Schweinsteiger gesehen, der im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea den entscheidenden Elfmeter verschossen hat“, sagte Kahn. „Was wurde damals für eine Häme über ihn ausgeschüttet. Ein Jahr später wurde er Champions-League-Sieger und 2014 Weltmeister, weil er die richtigen Schlüsse gezogen hat. Ich wünsche Loris Karius, dass es ihm gelingt, ähnlich gestärkt aus diesem Erlebnis hervorzugehen.“

Kahn erinnert an sein WM-Finale 2002

Sich wie Karius tränenreich bei den Fans zu entschuldigen und Emotionen zuzulassen, ist für Kahn durchaus geeignetes Mittel der Trauma-Verarbeitung: „Entscheidend ist immer die eigene Authentizität. Wenn ich wirklich das Bedürfnis in mir spüre, meine Gefühle zu zeigen, dann sollte ich das tun.“

Kahn erinnerte sich an Niederlagen in seiner eigenen Karriere. 1999, nach dem verlorenen Champions-League-Finale der Bayern „konnte ich kaum Emotionen zeigen, ich hatte eher ein Gefühl der kompletten inneren Lähmung“.

Beim verlorenen WM-Finale 2002 hatte Kahn schon mehr Erfahrung im Umgang mit bitteren Niederlagen. „Da habe ich mich eben ein paar Minuten an den Pfosten gesetzt“, sagte er.

Christian Paschwitz, Jahrgang 1976, volontierte einst Ende der Neunziger bei der Deister- und Weserzeitung in Hameln und war dort auch lange Redakteur. 2004 dann Wechsel als Redakteur zur Leine-Zeitung,...