Ein WM-Boykott der Stars aus Skandinavien?

Jelena Välbe kann über diese Drohung nur müde lächeln. „Na und, lass sie doch“, sagt die Präsidentin des russischen Langlauf-Verbandes und blickt gespannt auf Samstag, an dem der Internationale Ski-Verband FIS eine wegweisende Entscheidung treffen muss.

„Ohne uns verliert der Wettbewerb sein Spektakel – ohne sie ändert sich nichts“, sagte die 14-malige Weltmeisterin dem russischen Medium Sport24.

Die streitbare Välbe übertreibt hier sicher etwas, aber Fakt ist: Sollte das FIS-Council am Wochenende Sportlerinnen und Sportler aus Russland und Belarus für den kommenden Winter ausschließen, droht gerade im Langlauf ein Verlust an Klasse.

So gewann Natalia Nepryaeva vergangene Saison den Gesamtweltcup und die Tour de Ski – was fairerweise auch am Tour-Verzicht der nun zurückgetretenen Dominatorin Therese Johaug lag -, bei den Männern wurde Alexander Bolshunov jeweils Zweiter.

FIS setzt Russland und Belarus auf vorläufige Startlisten

Zuletzt gab es durchaus Anzeichen, dass die FIS in ihren Sportarten – neben Langlauf auch Ski alpin, Skispringen, Nordische Kombination, Ski Freestyle und Snowboard – die Tür für Russen und Belarussen öffnet.

In den offiziellen Dokumenten für die kommende Saison etwa werden beide Nationen mit Startplätzen geführt. Diese Listen seien jedoch nur „vorläufig“, betonte die FIS.

Die Reaktion war dennoch heftig. Vor allem in Norwegen und Schweden – speziell im Herren-Langlauf die großen Rivalen Russlands – machten Sportler gegen eine Zulassung mobil.

Es würde sich angesichts des Krieges „seltsam“ anfühlen, gegen Russinnen anzutreten, sagte etwa Ragnhild Haga, norwegische Doppel-Olympiasiegerin von 2018. Wie zuvor die schwedischen Sprint-Stars Maja Dahlqvist und Linn Svahn drohte Haga für den Fall einer Zulassung mit Boykott der WM in Planica (21. Februar bis 5. März).

Ragnhild Haga (u., 2.v.r.) will das WM-Siegerpodium nicht mit russischen Konkurrentinnen (o.r.) teilen
Ragnhild Haga (u., 2.v.r.) will das WM-Siegerpodium nicht mit russischen Konkurrentinnen (o.r.) teilenRagnhild Haga (u., 2.v.r.) will das WM-Siegerpodium nicht mit russischen Konkurrentinnen (o.r.) teilen

DSV vertritt klaren Standpunkt

Auch in Deutschland wird eine mögliche Rückkehr kritisch gesehen.

„In den bisherigen Abstimmungsrunden hat sich der DSV immer klar positioniert und trägt die Entscheidung der IBU, russischen und weißrussischen Teams die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen zu verwehren, vollumfänglich mit. Diese Position werden wir auch bei der Council-Sitzung der FIS vertreten“, sagte DSV-Präsident Franz Steinle auf SID-Anfrage.

Im Biathlon hat die IBU bereits beschlossen, die Sperre auszudehnen.

Die FIS würde sich mit einer Starterlaubnis indes gegen das Internationale Olympische Komitee stellen. „Die Empfehlungen des IOC an die Internationalen Verbände sind unverändert“, teilte ein Sprecher dem SID auf Anfrage mit.

Heißt: Ein Alleingang, wie ihn zuletzt etwa der umstrittene Box-Weltverband IBA unternahm, würde auf wenig Gegenliebe stoßen.

IOC-Präsident mit widersprüchlichem Statement

Diese Haltung könnte allerdings aufweichen. Auf dem aktuellen Treffen aller Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) äußerte sich IOC-Präsident Thomas Bach in Südkorea widersprüchlich.

Die Sanktionen „müssen und werden bleiben“, sagte Bach, betonte aber auch, dass der Krieg nicht von russischen Athleten oder dem russischen Olympischen Komitee ausgegangen sei.

Wäre also eine Teilnahme unter neutraler Flagge, wie etwa im Tennis oder im Radsport denkbar?

FIS-Generalsekretär Michel Vion hatte zuletzt mit Äußerungen, entsprechende Ideen würden beim IOC diskutiert, für Aufsehen gesorgt. Vion betonte aber auch, die FIS werde Entscheidungen „nur auf Empfehlung des IOC“ treffen.

Allen Beteiligten recht machen wird es die FIS ohnehin nicht können, dafür ist das Spannungsfeld zwischen Sport und Politik zu groß. Schon jetzt sind die Gräben tief.

Mit Sport-Informations-Dienst (SID)