Die Offenheit von Dr. Helmut Marko kann brutal sein – soeben bekam es Nyck de Vries zu spüren.

In der neuesten Ausgabe des Inside Line F1 Podcasts offenbarte Marko, Motorsportchef von Red Bull unverblümt, dass der in diesem Jahr für das Aufbauteam Alpha Tauri verpflichtete Niederländer nicht die volle Rückendeckung in der sportlichen Führung des Konglomerats genießt.

Red-Bull-Teamchef Christian Horner sei „kein großer Fan“ von de Vries gewesen und hätte sich intern gegen seine Verpflichtung ausgesprochen. Und Marko ergänzte: „Ich würde sagen, im Moment sieht es so aus, als ob er Recht hat.“

Es ist eine bitterer Tiefschlag für den 28 Jahre alten Niederländer. Und auch wenn man berücksichtigen muss, dass Marko seine Ansichten generell weniger diplomatisch tarnt als in der Branche üblich, muss de Vries klar sein: Seine Formel-1-Karriere hängt vor Beginn des Rennwochenendes in der Red-Bull-Heimat Österreich (Qualifying ab 17 Uhr im LIVETICKER) am seidenen Faden.

Nyck de Vries nicht gut genug für die Formel 1?

Neben Logan Sargeant ist de Vris der einzige Fahrer, der in diesem Jahr noch auf einen WM-Punkt wartet. Und es liegt nicht nur daran, dass AlphaTauri als Letzter der Konstrukteurs-WM das aktuell am wenigsten konkurrenzfähige Team ist.

Es ist vor allem der interne Vergleich zu Teamkollege Yuki Tsunoda, der gegen de Vries spricht: In bislang acht gefahrenen Rennen kam der Niederländer nur einmal vor Tsunoda ins Ziel. Beim Großen Preis von Monaco landete er als Zwölfplatzierter sechs Ränge vor dem Japaner. Zudem kam er beim Sprintrennen in Aserbaidschan auf Rang 15 ins Ziel, während Tsunoda das Rennen nicht beendete.

Dabei hatte de Vries in der Vergangenheit durchaus Werbung für sich machen können. In der Formel 2 holte er sich in der Saison 2019 den Sieg und auch sein Wechsel in die Formel E war von Erfolg gekrönt. In seinem zweiten Jahr fuhr er dort ebenfalls zur Meisterschaft. In der vergangenen Saison war er in der Formel 1 als Freitagsfahrer für Mercedes, Williams und Aston Martin im Einsatz.

Sein Meisterstück lieferte er jedoch am 10. September 2022 ab. Beim Großen Preis von Italien stieg er für den erkrankten Alexander Albon ins Williams-Cockpit und fuhr sensationell auf einen neunten Rang – gleichbedeutend mit zwei WM-Punkten. Zudem wurde er von den Fans auch noch zum Fahrer des Tages gewählt.

„Was soll er in Sachen Performance noch mehr machen als das, was er heute gezeigt hat? Er hat hier wirklich demonstriert, was er kann“, sagte Mercedes-Sportchef Toto Wolff, zu dessen Fahrerkader der 27-Jährige gehört, nach diesem Husarenstück.

De Vries sticht Mick Schumacher aus

De Vries‘ Coup in Monza öffnete ihm die Tür zu einem Stamm-Cockpit – obwohl er bekanntermaßen einen prominenten Konkurrenten hatte.

„Franz Tost wollte Mick Schumacher“, verdeutlichte Marko im Rahmen des Podcast, was auch Tost selbst mehrfach bekundet hatte. Marko wiederholte nun seine für viele rätselhafte Ansicht, dass de Vries trotz seines höheren Alters besser in das auf Nachwuchsförderung fokussierte Konzept von Alpha Tauri passen würde.

„De Vries unterscheidet sich von Schumacher darin, dass er nur ein Rennen hatte, das in Monza sehr erfolgreich war, sodass er in unsere Philosophie passen könnte“, sagte Marko und benannte in Bezug auf Mick Schumacher einmal mehr das politische Problem, dass er „während seiner gesamten Karriere bei der Ferrari Academy“ gewesen sei. (HINTERGRUND zum Thema: Wie Mick Schumacher bei Red Bull in die Mühlen der Politik geriet)

AlphaTauri-Boss Tost glaubt noch an de Vries

Zumindest in AlphaTauri-Teamchef Tost hat de Vries noch einen Unterstützer. „Ich habe immer gesagt, dass es heutzutage schwierig ist, sich als Rookie in der Formel 1 zu behaupten“, sagte der 67-Jährige erst kürzlich bei formula1.com und fügte hinzu: „Er hat Rennen in der Formel 3 und in der Formel 2 gewonnen und zwei Titel geholt. Das heißt, er weiß, wie man Rennsiege einfährt. Er muss nur das richtige Selbstvertrauen finden und wir müssen ihm auch ein gutes Auto zur Verfügung stellen.“

Und de Vries selbst? Nimmt Markos harte Ansage zunächst mit Gleichmut hin,

Beim Medientag der Formel 1 erklärte er, auf Markos Sätze angesprochen: „Ich denke, Dr. Marko würde gern sehen, dass ich ihm auf der Strecke das Gegenteil beweise. Mehr kann ich nicht dazu sagen, denn alles andere habe ich nicht in der Hand.“

Worte können de Vries‘ bedrohte Karriere nicht retten, nur Taten. Genau die muss er beim Heimrennen des Red-Bull-Konzerns anfangen zu liefern.