Es war Rubens Barrichello, der den eigenen Berufsstand einst als „1b-Fahrer“ gegeißelt hatte, sich hinter Michael Schumacher stets mit der Rolle im zweiten Glied zufrieden geben musste. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Formel 1)

Und ohnehin ist die Formel-1-Geschichte voll von Konstellationen, bei denen das Verhältnis zwischen den Top-Piloten und deren Helfern wenig harmonisch daherkam – damit vielleicht sogar (noch) größeren Erfolgen durchaus im Weg stand.

Erinnert sei hier nur an Mika Häkkinen und David Coulthard bei McLaren-Mercedes. Oder an Mark Webber im Duell mit Sebastian Vettel bei Red Bull.

Mexikaner feuern Pérez an

Kurzum: Die Rolle als Ersatzmann schmeckt nicht immer, fällt bisweilen schwer zu akzeptieren und vermag auch Nebenkriegsplätze zu produzieren. Dass sie allerdings auch überraschend belebend wirken kann, zeigen unmittelbar vor dem Grand Prix von Mexiko Valtteri Bottas und Sergio Pérez.

Während der Teamkollege von Lewis Hamilton dank seines Husarenstreichs im Qualifying Mercedes überraschend zur Pole Position raste, glänzte auch Pérez ungeachtet seines Schattenmann-Daseins (Großer Preis von Mexiko, So., ab 20 Uhr im LIVETICKER).

Womöglich auch befeuert von den Landsleuten im Autódromo Hermanos Rodríguez fuhr der Mexikaner zwar keineswegs fehlerlos, reihte sich aber immerhin als Adjutant von WM-Leader Max Verstappen in die zweite Startreihe ein.

Formkurve von Pérez zeigt nach oben

Ziel dabei, im Rennen nun von hinten zur Attacke zu blasen, dem drittplatzierten Niederländer die erwartete Unterstützung zu geben, um das etwas aus dem Gleichgewicht geratene Red-Bull-Team wieder in die Siegesspur zu bringen.

Was dabei Mut macht: Bereits in der Vorwoche in Austin hatte sich Pérez zum zweiten Mal in Folge aufs Podium gekämpft – die Formkurve zeigt weiter nach oben.

Noch mehr gar bei Bottas: „Ich bin so stolz auf Valtteri. Er fährt in den jüngsten Rennen wirklich gut. Das ist ganz prima für das Team. Wir hatten gedacht, an diesem Wochenende nicht schnell genug zu sein“, schwärmte Hamilton bei Sky von seinem Statthalter. (DATEN: Die Fahrerwertung der Formel 1)

Und fügte an: „Dass wir jetzt aber beide in der ersten Reihe stehen, ist ziemlich besonders. Damit können wir es am Sonntag mit Red Bull aufnehmen.“

Bottas in hervorragender Form

Schon als Bottas kürzlich in der Türkei seinen ersten Grand Prix seit einem Jahr gewonnen hatte, war zu spüren, wie wichtig der Finne einmal mehr für die Mission Titelverteidigung werden könnte.

Dass der Routinier die Silberpfeile am Saisonende verlassen wird – all das ist ausgeblendet für den Moment. Was allein zählt, ist das gemeinsame Rennstall-Ziel – hinten angestellt dabei alle Egozentrik.

„Diese erste Runde in Q3 war eine meiner besten“, jubelte Bottas nun zwar über seine Pole, betonte aber sofort auch den Kollektivgeist: „Für uns als Team ist es gut, zwei Autos vorne zu haben. Hoffentlich können wir diese Plätze auch verteidigen.“ Auch, um Hamilton in der heißen Phase des Titelkampfs am Ende wieder zum Weltmeister zu krönen.

Die Zurückhaltung vom Kommandostand trägt dabei ihren Teil dazu bei.

Stallorder? Kein Kommentar bei Mercedes

Auf die Frage, ob Bottas das Rennen gar gewinnen dürfe, oder ob er Hamilton im Hinblick auf die WM vorbeilassen müsse, antwortete Mercedes-Teamchef Toto Wolff wohlüberlegt bei Sky: „Darüber will ich noch nicht nachdenken.“ Das sei „ein Luxusszenario. Schieben wir das mal zur Seite. Freuen wir uns über die erste Startreihe.“

Die Bosse wissen offenbar noch mehr, was sie an ihren Beifahrern haben, und dass eine allzu öffentliche Stallorder auch kontraproduktiv sein kann, wenn der bisherige Beifahrer Bottas wieder zum Königsmacher werden soll. (DATEN: Die Teamwertung der Formel 1)

Ähnlich verhalten dürfte es sich beim immer mehr aufstrebenden Pérez, im Frühsommer in punkto Vertragsverlängerung noch im Schwebezustand und nun fest im Cockpit-Sitz: „Was immer er zum Frühstück hatte“, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner kürzlich über Verstappens Verbündeten, „er sollte das weiterhin essen“.

Wingmen erfüllen ihre Funktion

Sowohl bei den Österreichern als auch bei deren deutschem Erzrivalen: Loyalität und Leistung gehen gegenwärtig bemerkenswert komplikationslos Hand in Hand.

Die Wingmen erfüllen ihre Funktion mehr denn je, weil die sportliche Überlegenheit des Rennstall-Gefährten eben nicht mehr überbordend erscheint, deren Abhängigkeit aktuell aber schon.

Unter Umständen könnte für manchen aber auch noch etwas anderes Motivation und Antriebsfeder sein – nämlich aus dem Stellvertreter-Duell als Nummer 1 hervorzugehen und dadurch den eigenen Marktwert noch weiter zu steigern. (DATEN: Der Rennkalender der Formel 1)

Bottas setzt eindrucksvolles Zeichen

Zum Vergleich: Als WM-Dritter hat Bottas im Vergleich mit Pérez angesichts von 35 Zählern Vorsprung die Nase klar vorn und damit ein eindrucksvolles Zeichen gesetzt, dass sein Wechsel im kommenden Jahr zu Alfa Romeo – dann als Leader – Mercedes härter treffen könnte, als bei einem Abgang des rangniederen Partners gemeinhin zu erwarten.

Die 1b-Fahrer emanzipieren sich wie vielleicht noch nie.

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Christian Paschwitz, Jahrgang 1976, volontierte einst Ende der Neunziger bei der Deister- und Weserzeitung in Hameln und war dort auch lange Redakteur. 2004 dann Wechsel als Redakteur zur Leine-Zeitung,...