Sein Aufstieg zum umjubelten Underdog-Champion bei WWE war märchenhaft – auskosten aber konnte er es nicht lange. Kurz nachdem Bryan Danielson als Daniel Bryan bei der 30. Ausgabe der Megashow WrestleMania den Olymp erreichte, begann ein Verletzungs-Mysterium, das ihn drei Jahre seiner Karriere kostete. Sie schien zwischenzeitlich sogar ganz beendet zu sein.

Am 14. April 2015 bestritt Bryan sein scheinbar letztes Match, ehe er am 8. Februar 2016 unter Tränen seinen Rücktritt verkündete, als Konsequenz schwerer Kopf- und Nackenverletzungen, vor allem aufgrund der vielen Gehirnerschütterungen, die er zuvor erlitten hatte. Was steckte hinter der dramatischen Geschichte, die mit Bryans Comeback heute Nacht vor acht Jahren ein glückliches Ende fand?

Daniel Bryan bei seinem großen WrestleMania-Moment 2014
Daniel Bryan bei seinem großen WrestleMania-Moment 2014Daniel Bryan bei seinem großen WrestleMania-Moment 2014© IMAGO / ZUMA Press Wire

Daniel Bryan war frisch auf dem WWE-Gipfel

Der am 22. Mai 1981 in Aberdeen im US-Bundesstaat Washington geborene Bryan hatte sich WWE im Jahr 2009 angeschlossen und sich Schritt für Schritt zum Topstar emporgearbeitet. 2014 krönte er seine Karriere mit einem großen Triumph bei der Megashow WrestleMania XXX: Nach Siegen über den heutigen WWE-Lenker Triple H sowie Randy Orton und Batista regierte er als WWE und World Champion.

Getragen wurde er dabei vom „Yes Movement“, einer gigantischen Euphoriewelle der Fans, die die WWE-Bosse mit ihren Jubelstürmen für Bryan quasi dazu zwangen, ihre vorherigen Planungen über den Haufen zu werfen: An Bryans Stelle wollte man eigentlich den damals aus Hollywood zurückgekehrten Batista zum Champ machen.

Wenige Wochen nach seinem Titelgewinn wurde Bryan dann allerdings von einer schweren Verletzung heimgesucht. Er verlor infolge eines Nervenschadens sämtliche Kraft in seinem rechten Arm, musste sich einer Nacken-Operation unterziehen, die anschließende Reha lief nicht nach Plan – Bryan musste seine Titel im Juni abtreten. Sein Comeback 2015 wurde von einer Kopfverletzung durchkreuzt – nach der die WWE-Ärzte die Notbremse zogen.

20 Gehirnerschütterungen in 16 Wrestling-Jahren

Der für WWE-Verhältnisse leichtgewichtige Bryan war seit jeher für seinen riskanten und physischen Stil bekannt, auch vor seiner WWE-Zeit, als er unter seinem bürgerlichen Namen Bryan Danielson eine Größe im Independent-Bereich und in Japan war. Der „American Dragon“ fiel im Ring oft mit vollem Körpergewicht auf den Kopf, teils auch absichtlich, um die Härte und Besonderheit einzelner Showmatches zu unterstreichen.

Dem Wrestling Observer zufolge soll Bryan über 20 Gehirnerschütterungen in seinen 16 Karriere-Jahren bis 2014 erlitten haben.

Die WWE-Mediziner um den bekannten Mediziner Joseph Maroon verweigerten Bryan auch wegen dieser Vorgeschichte die Freigabe für die Rückkehr in den Ring. Die Liga folgte dem Urteil, sie wollte sich aufgrund der Sensibilität des Themas Kopfverletzungen keine Fahrlässigkeit vorwerfen lassen – gerade auch wegen der Umstände der Tragödie um Chris Benoit im Jahr 2007.

Oft von Fans geäußerte Verschwörungstheorien, dass der Liga Bryans Karriere-Ende ganz recht gewesen wäre, weil sie andere Stars bevorzugte, hatten keinerlei reale Grundlage.

Missverständnis löste Rücktritt aus

Der um seine Berufung gebrachte Bryan fand sich 2016 zwischenzeitlich mit seiner Situation ab und erklärte in einer emotionalen und tränenreichen Ansprache an die WWE-Fans seine Karriere für beendet. Im selben Jahr machte er auch öffentlich, dass er seit längerem unter Depressionen litt – die sich durch seinen Abschied aus dem Ring noch verschlimmert hätten.

Wie der Publikumsliebling später erklärte, beruhte die Rücktrittsentscheidung auf einem Missverständnis. Bei einer Untersuchung in New York sei eine sogenannte „Läsion“ festgestellt worden, die er sich als eine Art offene Wunde vorstellte. Tatsächlich ist der Begriff weiter gefasst, als Bryan dachte, die entdeckte Schädigung war nicht derart plastisch.

Nach der Aufklärung des Missverständnisses arbeitete Bryan wieder auf eine Rückkehr hin – mit Unterstützung seiner Ehefrau Brianna, als Brie Bella selbst eine WWE-Legende. Die Zwillingsschwester von Nikki Bella hat inzwischen zwei Kinder zusammen mit Bryan.

„Die meisten Tests, die ich gemacht habe, sagen aus, dass es mir komplett gut geht“, sagte Bryan im April 2017 zu SPORT1: „Beim Gehirnerschütterungs-Thema liegt viel im Auge des Betrachters, viel mehr als bei allen anderen medizinischen Themen.“

Lange liefen Bryans Bemühungen, den Blickwinkel von WWE zu ändern, ins Leere – auch wiederholte Drohungen, sie nach Auslauf seines Vertrags zu verlassen und anderswo wieder in den Ring zu steigen, änderten die Haltung der Liga nicht. Bis es 2018 zu einer spektakulären Wende kam.

Brie Bella und Daniel Bryan lernten sich bei WWE kennen und lieben
Brie Bella und Daniel Bryan lernten sich bei WWE kennen und lieben

Arzt: Daniel Bryan bei Comeback „symptomlos“

„Ich habe festgestellt, dass Bryan derzeit symptomlos ist“, berichtete der Gehirnerschütterungsexperte Dr. Robert Cantu 2018 (nach Bryans Comeback) dem Nachrichtenmagazin Newsweek.

Robert Cantu (l.) ist in Sachen Kopfverletzungen eine Koryphäe
Robert Cantu (l.) ist in Sachen Kopfverletzungen eine Koryphäe

Cantus Urteil hatte Gewicht: Er berät diverse NFL-, NBA- und NHL-Teams in Gehirnerschütterungsfragen. Cantu gehörte auch zu den Ärzten, die posthum die gefürchtete Gehirnkrankheit CTE bei Benoit feststellten.

Es gebe bei Bryan „keine absolute Kontra-Indikation gegen eine Ring-Rückkehr bei WWE“, also keinen zwingenden Grund, der dagegen spreche, sagte Cantu zum Fall Bryan. Diverse Tests – neurologische Untersuchungen, ein EEG, eine Kernspin-Tomografie – hätten „keine definitiven Anzeichen einer vorausgegangenen Gehirnverletzung gezeigt“.

Karriere-Ende bei AEW 2024

Das Urteil von Cantu und seinen renommierten Kollegen Javier Cardenas und Jeffrey Kutcher stimmte letztlich auch Maroon um: Bryan feierte bei WrestleMania 34 im Jahr 2018 sein Comeback, unterschrieb im selben Jahr einen neuen Drei-Jahres-Vertrag und wurde auch wieder Champion.

Bryan willigte Berichten zufolge bei seinem Comeback ein, sich von den WWE-Docs nach jedem Match neurologisch untersuchen zu lassen – risikoreich war sein Stil aber weiterhin, vor und nach seinem Wechsel zu Konkurrent AEW im Jahr 2021.

Unter seinem bürgerlichen Namen Bryan Danielson erlebte der Dragon im Sommer 2024 einen letzten Höhepunkt, als er vor über 45.000 Fans im Londoner Wembley-Stadion nochmal World Champion wurde. Kurz darauf beendete der heute 44-Jährige seine aktive Karriere – und arbeitet bei AEW inzwischen als Kommentator und Ratgeber hinter den Kulissen.

Auf WrestleMania 42 in eineinhalb Wochen wird Danielson einen aufmerksamen Seitenblick werfen: Ehefrau Brie tritt in Las Vegas zusammen mit Schwester Nikki nochmal an und greift nach den Tag-Team-Titeln von WWE.