Es ist noch nicht lange her, da gehörte Endre Strömsheim fest zum norwegischen Top-Team um Johannes Thingnes Bö, dessen Bruder Tarjei sowie Sturla Holm Laegreid. Das erste Rennen des Winters 2024/25 konnte der Mann aus Oslo sogar gewinnen und kurzzeitig das Gelbe Trikot des Gesamtführenden übernehmen. Und auch wenn er dieses nicht lange halten konnte, sollte es für ihn im Laufe der Saison noch besser kommen.
Sein Leistungslimit erreichte Strømsheim ausgerechnet bei den Weltmeisterschaften 2025 in der Lenzerheide. Gemeinsam mit den Bö-Brüdern und Laegreid dominierte er die Männer-Staffel nach Belieben und sicherte sich mit einem Vorsprung von 41 Sekunden auf die zweitplatzierten Franzosen überraschend souverän Gold. Nur einen Tag später legte er im Massenstart nach und krönte sich erneut zum Weltmeister – und wäre damit 2027 Titelverteidiger, da im Olympia-Jahr 2026 keine WM ausgetragen wurde.
„Ich wusste, dass die Medaillen bei dieser WM erst in der letzten Runde vergeben werden“, erzählte Strömsheim damals: „Mein Fokus lag darauf, Energie zu sparen und gut zu schießen. Der Plan ist perfekt aufgegangen.“ Und dieser war auch nötig. Hinter ihm komplettierten mit Laegreid und Johannes Thingnes Bö zwei absolute Überflieger der Szene ein rein norwegisches Podest. Doch dass sich ein solches Bild in der kommenden Saison wiederholt, ist ausgeschlossen – was nicht nur daran liegt, dass Bö seine Karriere mittlerweile beendet hat.
Biathlon: Strömsheim hatte „eine miserable Saison“
Der Hintergrund: Strömsheim wird aller Voraussicht nach gar nicht mehr im Weltcup antreten. Denn am Mittwoch traf der norwegische Verband eine weitreichende Personalentscheidung. Weder Strömsheim noch sein Kollege Vebjörn Sörum gehören künftig zum Elitekader, selbst im B-Team sind sie nicht mehr vorgesehen. Stattdessen rücken mit Johan-Olav Botn und Isak Frey zwei andere Athleten in die A-Mannschaft nach. Biathlon-Legende Ole Einar Björndalen kann diesen Schritt nachvollziehen.
„Beide hatten, gemessen an den Erwartungen, eine miserable Saison. Einer hatte Rückenprobleme, der andere hatte andere Herausforderungen. Und dann ist es nicht leicht, wenn man zwei so extreme Talente wie diese beiden hat“, schilderte Björndalen mit Bezug auf Botn und Frey und beschrieb damit das schon lange bekannte Luxusproblem in seinem Heimatland: „In dieser Mannschaft könnten zehn Läufer sein.“ Allerdings sind im Elitekader nur sieben Positionen verfügbar.
Wie sich eine solche Entscheidung anfühlt, kennt unter anderem Johannes Dale-Skjevdal aus eigener Erfahrung. Der Massenstart-Olympiasieger verlor 2022 seinen Platz im A-Kader und arbeitete sich später wieder nach oben. „Das ist brutal“, offenbarte er in einem Interview mit TV2 und fügte hinzu: „Ich habe Ähnliches erlebt – egal, wie man es dreht, es bleibt hart.“ Nun lernt also auch Strömsheim diesen tiefen Einschnitt kennen. Innerhalb weniger Monate ist er vom Weltmeister zum Aussortierten geworden.
Strömsheim verlor früh seinen Platz im Weltcup-Team
Gleichwohl hatte sich der sportliche Absturz von Strömsheim über einen längeren Zeitraum abgezeichnet. Zum Auftakt des Weltcups 2025/26 landete er in Östersund nur auf den Plätzen 56, 52 und 38, sammelte dabei lediglich drei Punkte – erste deutliche Indizien für die Entwicklung in den folgenden Wochen. Für die folgenden Rennen verlor er prompt seinen Platz im norwegischen Team, stattdessen ging es in den zweitklassigen IBU-Cup. Auch dort blieb der erhoffte Befreiungsschlag aus, nennenswerte Resultate blieben bei seinen drei Auftritten aus.
Ende Januar, kurz vor dem Saisonhöhepunkt, erhielt der 28-Jährige in Nove Mesto noch einmal eine Chance im Weltcup, während die Olympiafahrer sich bereits im Trainingslager in Lavazè befanden. Doch die Rückkehr verlief mehr als ernüchternd. Im Einzelrennen fehlte ihm in der Loipe das Tempo, am Schießstand zeigte sich Strömsheim zunächst stabil. Mit nur einem Fehler in den ersten drei Anschlägen lag er zwischenzeitlich in den Top Ten – ehe der letzte Stehendanschlag zum kompletten Debakel wurde.
Fünf Schüsse, fünf Fehler: So summierten sich die Strafzeiten im Kurz-Einzel binnen weniger Augenblicke auf 225 Sekunden. Die zuvor vielversprechende Ausgangsposition war dahin. Nach einem tiefen Fall im Klassement stand am Ende Rang 84 zu Buche. Entsprechend gezeichnet zeigte sich der Massenstart-Weltmeister im Anschluss. „Alles ist komplett auseinandergefallen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. So etwas habe ich noch nie erlebt“, rang Strömsheim im Gespräch mit TV2 um Worte.
Biathlon-Saison 2025/26? „Habe daraus nichts mitgenommen“
Auf die Frage, welche Lehren er aus dem Debakel ziehen könne, reagierte Strömsheim bemerkenswert offen. „Ich habe daraus nichts mitgenommen. Es hat sich völlig fremd angefühlt. So etwas darf nicht passieren und ist mir noch nie passiert. Ich merke schon länger, dass vieles in die falsche Richtung läuft“, betonte er und ließ seinem Frust freien Lauf. Kurz darauf ordnete er seine Aussagen selbst ein.
So kündigte Strömsheim Ende Januar an, die Saison vorzeitig zu beenden und den Blick auf die kommende zu richten. „Dieses Jahr lief einfach alles schief: Krankheiten, das Schießen, die Form. Irgendwann stellt sich die Frage, ob es Sinn ergibt, weiter gegen die Wand zu laufen“, sagte er. Doch nun erhielt er die verspätete Quittung für seine schwachen Auftritte. Ohne Zugehörigkeit zu einem Kader muss er ab sofort bei Null anfangen.
Damit ist klar, dass die erfolgreichen Zeiten für Strömsheim vorerst vorbei sind. Auch wenn inzwischen Frankreich als stärkste Biathlon-Nation gilt, bleibt der Konkurrenzkampf auch im norwegischen Team enorm. Und ohne Platz in der A- oder B-Mannschaft wird der Weg zurück an die Spitze nochmal deutlich steiniger.