Nach einer schier endlosen Leidenszeit hat es Michael Rösch geschafft.

Er hat sich zurück in den Biathlon-Zirkus gekämpft und für Belgien mit seinem emotionalen sechsten Platz im Weltcup von Pokljuka ein Ausrufezeichen gesetzt. Doch für sein Comeback musste der 33-Jährige viel aufgeben und alles auf eine Karte setzen.

Im SPORT1-Interview spricht der Olympiasieger von 2006 über seinen Kampfwillen, die gebrachten Opfer, das Verhältnis zum deutschen Team und seine Ziele.

SPORT1: Herr Rösch, inwieweit haben Sie die Erlebnisse von Pokljuka bereits verarbeitet und wie waren die Reaktionen nach Ihrem emotionalen Interview?

Michael Rösch: Ich habe in den letzten Tagen viel Zeit im Internet verbracht. Mir ist erst jetzt bewusst geworden, welche Ausmaße das alles genommen hat. Die Kommentare der Menschen waren durchweg positiv und sehr herzergreifend. Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut. Es ist ein schönes Gefühl, zu sehen, dass ich mit einem sechsten Platz Menschen bewegen kann.

SPORT1: Haben Sie mit so viel positivem Feedback gerechnet?

Rösch: Ehrlich gesagt nicht. Es war in Anführungsstrichen nur ein sechster Rang. Für mich ist es im Endeffekt nur mein Job, aber wenn ich die Menschen damit berühren kann, ist es schon schön.

SPORT1: Haben Sie zwischenzeitlich nach den Rückschlägen mit Erkrankungen, Verletzungen und dem Tod ihres Ex-Trainers Klaus Siebert daran gedacht, das Kapitel Biathlon zu beenden?

Rösch: Ganz klar, nein! Das stand wirklich nie zur Debatte. Viele Sportler haben bereits Täler durchschritten, aber bei mir war das schon extrem lang. 2009 war ich das letzte Mal unter den Top sechs. Irgendwann war ich dann resistent gegen weitere Niederschläge.

SPORT1: Woher haben Sie die Motivation genommen?

Rösch: Meinem Umfeld zu Hause habe ich sehr viel zu verdanken. Sie gaben mir sehr viel Kraft.

SPORT1: Auch für Sie wäre es eine Option gewesen, wie aktuell Daniel Böhm Ihre Karriere zu beenden und als Beamter zu arbeiten. Was hat Sie davon abgehalten?

Rösch: Der Biathlon-Sport. Durch den Wechsel zur belgischen Staatsbürgerschaft, musste ich den Beamtenstatus abgeben. Viele haben das nicht verstanden, aber ich wollte weiter meine Leidenschaft ausüben. Ich habe nicht großartig darüber nachgedacht und es einfach gemacht. Manchmal muss man ein Risiko eingehen, um etwas zu erreichen.

SPORT1: Also war ihr sechster Platz der Lohn für die Leidenszeit?

Rösch: Ja, dieser Moment hat für alles entschädigt. Darauf habe ich hingearbeitet. Es war eine lange Zeit, aber ich habe immer daran geglaubt, es wieder in den Weltcup zu schaffen. Es war keine Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele, aber für mich war es an diesem Tag das perfekte Rennen und die Emotionen mussten einfach raus.

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SPORT1: Sie haben auf viel verzichtet. Welches Opfer fiel am schwersten?

Rösch: Es gab viel, worauf ich verzichtet habe. Wie bereits angesprochen, habe ich den Beamtenstatus verloren. Ich musste mein Haus verkaufen. Ich habe viel Zeit und Schmerz investiert. Ich konnte mir wenig leisten, war ewig nicht im Urlaub, habe Zeit und Geld in mein Ziel gesteckt.

SPORT1: Gab es einen Plan B?

Rösch: Nein, gab es nicht. Es war ein Tanz auf der Rasierklinge. Es stand schon meine Zukunft auf dem Spiel. Ich bin mit dem Kopf durch die Wand. Das ist meine Art.

SPORT1: Was ist der größere Erfolg? Olympia oder der Kampf zurück?

Rösch: Sportlich gesehen die Goldmedaille. Emotional war aber dieser sechste Platz unfassbar schön. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt. Die Situationen sind aber schwer zu vergleichen.

SPORT1: Welche Ziele haben Sie sich für diese Saison und langfristig gesetzt?

Rösch: Es hat sich wieder eine neue Tür für mich geöffnet. Ich stand bei der Siegerehrung mit der Weltspitze zusammen. Ein unfassbarer Moment, der mir einen ordentlichen Schub für die Zukunft gibt. Mein persönliches Ziel war es, in die Punkte zu laufen. Es können aber auch mal schlechte Tage kommen. Langfristig gesehen will ich mich auf Olympia 2018 vorbereiten.

SPORT1: Sie wollen bei Olympia 2018 mit der belgischen Staffel an den Start gehen. Was ist an diesem Plan dran und wie realistisch ist er?

Rösch: Wir wären genügend Leute, um mit der Staffel an den Start zu gehen. Jedoch brauchen wir noch genügend Nationenpunkte, die uns die Teilnahmeberechtigung ermöglichen. Es ist ein weiter, steiniger Weg bis dahin. Es wäre für mich und für uns Belgier ein schönes Erlebnis.

SPORT1: Wie ist ihr Verhältnis zu den Trainern und Athleten aus dem deutschen Team?

Rösch: Es ist nach wie vor super. Sie haben sich sehr für mich gefreut. Arnd Peiffer hat mich im Ziel lange umarmt. Die positiven Worte von Mark Kirchner haben sehr gut getan. Was damals vorgefallen ist, hat mit diesen Leuten nichts zu tun.

SPORT1: Auf Facebook sind einige Videos und Fotos zu sehen, die Sie mit der Dartsscheibe im Hintergrund zeigen. Sind Sie selbst aktiv und werden Sie die WM auf SPORT1 verfolgen?

Rösch: Das Schweizer Biathleten-Team, mit dem ich trainiere, und ich sind sehr große Dartsfans. Wir haben uns eine Scheibe gekauft und werfen jeden Tag ein paar Pfeile. Die WM auf SPORT1 werden wir natürlich auch verfolgen.